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Im Kofferraum über die Grenze – Bilder wie diese sehen die Bundespolizisten in Rosenheim beinahe täglich.

Bilanz der Rosenheimer Bundespolizei

Keine Entwarnung an Bayerns Grenze

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Rosenheim - Nirgendwo im Land kommen so viele Flüchtlinge über die Grenze wie zwischen Lindau und Freilassing. Das ist genau der Einsatzbereich der Rosenheimer Bundespolizei. Die Aufgriffe sind gesunken, seit die Balkan-Route geschlossen ist. Trotzdem wollen die Rosenheimer die Zahl der Beamten verdoppeln.

Es beginnt meist mit einem Bauchgefühl. Der Transporter mit dem polnischen Kennzeichen fährt weder zu schnell noch auffällig langsam. Trotzdem winken die Rosenheimer Bundespolizisten den Fahrer auf der A 8 bei Piding von der Autobahn. Es könnte ein Schleuser sein, sagt ihnen ihr Gefühl. Und trotzdem sind sie, als sie den Kofferraum öffnen, nicht vorbereitet auf das, was sie sehen. Fünf Menschen kauern dort seit Stunden dicht zusammengedrängt. Auf den acht Plätzen im Transporter sitzen 15 weitere Flüchtlinge, die Kinder ungesichert zwischen den Beinen der Eltern. Auch ein 16 Tage altes Baby ist darunter. Die Fahrt hätte für sie zur Fahrt in den Tod werden können.

Aufgriffe wie dieser sind alles andere als Einzelfälle. Vergangenes Jahr haben die Rosenheimer Bundespolizisten an der bayerisch-österreichischen Grenze etwa jeden zweiten Tag ein Schleuser-Fahrzeug aufgehalten, 280 waren es insgesamt. Nicht mal mehr halb so viele wie im Vorjahr: 2015 hat die Bundespolizei Rosenheim noch weit über 700 Schleuser festgenommen. Von 700 auf 280 – das klingt nach einem Grund zum Aufatmen. Aber genau davor warnt Bundespolizei-Sprecher Rainer Scharf. „Die Zahl ist noch immer sehr hoch – und an jedem einzelnen Fall hängen polizeiliche Ermittlungen, die manchmal Monate dauern.“ Für die festen Grenzkontrollen auf der A 93 bei Kiefersfelden und auf der A 8 bei Schwarzbach braucht die Bundespolizei weiterhin Unterstützung von der Landespolizei. Und langfristig mehr Personal.

Diese Forderung ist nicht neu. Die Bundespolizeiinspektion Rosenheim ist für eine Grenzlänge von 645 Kilometern zuständig, dazu gehören 53 grenzüberschreitende Straßen und Schienen und rund 200 Bahnhöfe (siehe Grafik). Die Flüchtlingszahlen sind stark zurückgegangen, seit die Balkan-Route dicht ist. „Sie liegen aktuell stabil bei 1200 bis 1600 monatlich“, berichtet Reinhard Tomm, Leiter der Rosenheimer Inspektion. Doch das ist noch immer viel. Zum Vergleich: 2014 wurden 9000 Flüchtlinge im ganzen Jahr aufgegriffen. „Und schon damals sprachen wir von einer Massenmigration“, betont Tomm.

Vergangenes Jahr sind im Bereich der Rosenheimer Bundespolizei 77 000 Menschen registriert worden – die meisten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. „Der allergrößte Anteil aller Flüchtlinge kommt in unserem Bereich, also zwischen Lindau und Freilassing, über die Grenze nach Deutschland.“ Tomm geht nicht davon aus, dass die Zahlen in den kommenden Monaten und Jahren erheblich sinken werden.

Reinhard Tomm, Leiter der Bundespolizeiinspektion Rosenheim

Um diese alltägliche Herausforderung auch künftig bewältigen zu können, gibt es nun erstmals konkrete Pläne, die Rosenheimer Beamten zu entlasten. Die Dienststelle soll bis Mitte dieses Jahres in drei eigenständige Inspektionen in Kempten, Rosenheim und Freilassing aufgegliedert werden. Kleinere Zuständigkeitsbereiche bedeuten kürzere Anfahrtszeiten, betont Tomm. Außerdem soll die Zahl der Bundespolizisten (aktuell 550) verdoppelt werden. Diese Aufstockung werde aber mehrere Jahre dauern.

Die Tage, an denen in Rosenheim tausende Flüchtlinge am Tag aufgegriffen, registriert und weitergeleitet werden mussten, sind zwar vorbei. „Aber wir brauchen die Unterstützung der Landespolizei und der Kollegen aus anderen Bundesländern noch immer dringend“, betont Inspektionsleiter Tomm. Offiziell sollen die festen Grenzkontrollen bis Mitte Februar aufrecht erhalten werden. Aber es gebe bereits Überlegungen, die Kontrollen darüber hinaus zu verlängern. Außerdem kommen etwa zwei Drittel der Flüchtlinge per Zug nach Deutschland – seit einigen Monaten auf immer riskantere Weise. Vor Weihnachten häuften sich die Fälle von Flüchtlingen, die versuchten, versteckt auf Güterzügen über die Grenze zu kommen. Manchmal entdecken die Beamten Familien mit kleinen Kindern, die sich unter den Lkw-Aufliegern bei Minus-Temperaturen auf die gefährliche Fahrt begeben hatten. Immer wieder werden auch Flüchtlinge auf den Güterzügen liegend aufgegriffen. Jedes Versteck ist lebensgefährlich, die Polizei hat deshalb auch die Kontrollen an den Bahnhöfen intensiviert.

Mehr Kontrollen bedeuten aber auch mehr Fahndungstreffer. Rund 4800 polizeilich Gesuchte wurden vergangenes Jahr an der bayerisch-österreichischen Grenze gefasst. Unter ihnen sind teilweise mit Haftbefehl gesuchte Straftäter. „Routine gibt es für uns nicht. Wir wissen nie, wen wir vor uns haben und müssen immer auf alles gefasst sein“, betont Sprecher Rainer Scharf. Manchmal ist es ein Schleuser, manchmal ein gesuchter Ladendieb – manchmal sind es Mörder. Einen solchen Fall gab es in Freilassing, als die Bundespolizisten einen Zug aus Salzburg kontrollierten. Unter den Reisenden war ein 38-Jähriger aus Tschechien, der wegen Mordes gesucht wurde. Seitdem sitzt er in Haft.

Immer wieder gibt es auch Aufgriffe mit Verdacht auf islamistischen Hintergrund. In diesen Fällen schaltet die Bundespolizei die Staatsschutzbehörden ein. Oft ist das 2016 nicht passiert, berichtet Tomm. „Es waren Einzelfälle.“ Einzelfälle, bei denen die Rosenheimer Polizisten womöglich schon früh das Schlimmste verhindert haben.

Katrin Woitsch

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