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Das geplante Pumpspeicher-Kraftwerk am Jochberg.

"Wirtschaftlich schwierig"

Rückschlag für die Pumpspeicher-Kraftwerke

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München - Pumpspeicherwerke sollen Teil der Energiewende in Bayern sein. Doch der Ausbau stockt: Am Jochberg liegen die Planungen auf Eis, in Riedl deutet der Projektleiter an, dass sich das Kraftwerk nicht lohnt – wenn die Politik nicht bald etwas ändert. Signale, die andere Investoren abschrecken dürften.

Die Sektkorken haben sie im 75-Einwohner-Dorf Riedl noch nicht knallen lassen. Aber die Stimmung in dem Dorf bei Passau ist seit kurzem doch etwas besser. „Wir sind zuversichtlich“, heißt es bei der Bürgerinitiative, die seit Jahrzehnten gegen ein Großprojekt kämpft: In Riedl soll ein Pumpspeicherwerk entstehen – doch das größte Bauprojekt Ostbayerns scheint jetzt zu wackeln.

2011 hatte der damalige bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) gejubelt: „Ein Meilenstein für die Energiewende in Bayern.“ Nun sagt Projektleiter Dominik Mayr: „Derzeit lässt sich für das Projekt keine ausreichende Wirtschaftlichkeit darstellen.“ Die Bürger in Riedl hoffen – doch die Energiewende bekommt einen Dämpfer verpasst.

Es gibt Experten, die Pumpspeicher für die Energiewende für unverzichtbar halten. Thomas Hamacher zum Beispiel, Professor für Energiewirtschaft an der Technischen Universität München. „Wer keine Kernkraft haben möchte, muss ein paar Kröten schlucken“, sagt Hamacher. Man müsse Sonne- und Windstrom mit ihrer schwankenden Verfügbarkeit ins Energieversorgungsnetz einbinden – zum Beispiel mit Pumpspeichern.

Bis 2030, so plant es die Bundesregierung, soll die Hälfte des Stroms aus regenerativen Quellen stammen. Das Hauptproblem: Diese Energie muss irgendwo gespeichert werden. Der Bund steckt Milliarden in die Forschung – aber bislang ist die jahrzehntealte Technologie der Pumpspeicher die beste. Trotzdem stockt der Ausbau in Bayern.

Über das Projekt in Riedl hat unsere Zeitung bereits berichtet. Es soll 350 Millionen Euro kosten, geplanter Baubeginn war einst 2014. Am Ortsrand von Riedl, das auf einem Plateau hoch über der Donau liegt, soll ein riesiges Wasserbecken entstehen, größer als die Allianz Arena. Von dort führt ein unterirdisches Rohr mit sechs Metern Durchmesser und 1550 Metern Länge hinunter zur Donau und dem Kraftwerk Jochenstein. Höhenunterschied: 340 Meter. Gibt es einen Energieüberschuss, weil zum Beispiel die Sonne auf die Photovoltaikzellen brennt oder die Windräder sich kräftig drehen, wird Wasser aus dem Fluss angesaugt und hinauf in das Becken gepumpt. Braucht man Energie, weil Sonne und Wind gerade schwächeln, wird Wasser aus dem Pumpspeicher abgelassen und durch Turbinen ins Tal gejagt. Elektrische Energie wird also in Wasser gespeichert, das Kraftwerk ist wie eine riesige Batterie. Klappt bestens, Wirkungsgrad 80 Prozent – das ist so hoch wie bei keiner anderen Technologie. Was ist dann das Problem?

Das Kraftwerk Jochenstein gehört dem österreichischen Stromversorger Verbund AG, der plant auch den Pumpspeicher. Projektleiter Dominik Mayr sagt: „Der Markt funktioniert nicht mehr.“ Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne seien überfördert – „sie verdrängen Wasserkraft und Pumpspeicher“, sagt Mayr. Er und 30 Mitarbeiter arbeiten derzeit an der Riedl-Planung – die laufenden Kosten sind enorm vor dem Hintergrund, dass aus dem Speicher möglicherweise nichts wird. Sogar ein Sprecher im bayerischen Wirtschaftsministerium gibt zu: „Bekannt ist, dass es derzeit schwierig ist, ein Pumpspeicherkraftwerk wirtschaftlich zu betreiben.“ Mayr sagt, er hofft, dass sich energiepolitisch bald etwas ändert: „Deutschland muss die Überförderung der erneuerbaren Energien zurückfahren.“ Subventionen für Pumpspeicher will er gar nicht – sondern lediglich einen freien Markt.

Der Projektleiter beobachtet in der ganzen Branche geringe Investitionsfreude. Auch Erwin Huber (CSU), Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Landtag, gibt zu: „Die Investoren stehen nicht gerade Schlange.“ Das könne die Energiewende noch sehr viel schwieriger machen, so Huber. Und Jörg Schuchardt von der „Energie Allianz Bayern“, die am Jochberg oberhalb des Walchensees ein Pumpspeicherwerk bauen möchte, richtet seine Kritik direkt an die bayerische Staatsregierung: „Es herrscht Unsicherheit“ – ob Pumpspeicher überhaupt Teil des Energiekonzepts in Bayern sein sollen. Nach dem Zickzackkurs von Ministerpräsident Horst Seehofer bei der Abstandsregelung von Windrädern und den Strom-trassen von Norden nach Süden sei das Vertrauen nicht gerade groß.

Dazu kommt, dass ein Genehmigungsverfahren sehr aufwändig ist. Der Pumpspeicher Riedl befindet sich derzeit in der Phase, in der das Landratsamt die Unterlagen auf Vollständigkeit überprüft – und Gutachten nachfordert. Weil mit Einsprüchen und Klagen von Projekt-Gegnern zu rechnen ist, prüfen die Fachstellen extra sorgfältig: „Hier wollen alle Beteiligten Form- und Verfahrensfehler nach Möglichkeit vermeiden“, sagt ein Sprecher.

Denn Klagen wird es geben: Das kündigt Christian Schmid von der Bürgerinitiative an. Er betreibt eine Pension in Riedl. Wenn der Speichersee 300 Meter hinter seinem Haus gebaut wird, wäre er ruiniert, sagt er. Und der meterhohe Damm um das Speicherbecken herum macht ihm und seinen Nachbarn Angst: Was, wenn er bricht? Schmid weigert sich, sein Grundstück zu verkaufen – das bräuchte die Verbund AG aber, um den Pumpspeicher zu bauen. Eine Enteignung ist unter strengen Vorgaben möglich, doch Projektleiter Mayr sagt: „Davon gehen wir nicht aus.“ Schmid wiederum beteuert: „Ich verkaufe nicht.“

Bürgerproteste machen Großprojekte für Investoren unattraktiv. Die Planungen für das Pumpspeicherwerk am Jochberg sind deshalb derzeit auf Eis gelegt. Die Widerstände am Jochberg und auch in Riedl könnten eine abschreckende Wirkung auf andere Investoren haben: „Wer investiert schon gerne in ein Projekt, wo er sich angesichts des Bürgerprotests jahrelang vor Gerichten mit Klagen herumschlagen muss?“, fragt Experte Hamacher. Und: „Vielleicht müssen wir alle noch lernen, wie die Bürger an solchen Projekten besser beteiligt werden können.“ Vielleicht haben auch unterirdische Pumpspeicher bessere Chancen: Am Walchensee plant die Gravity Power GmbH derzeit eine erste Demonstrationsanlage (siehe Interview).

Es gibt auch Unternehmen, die weiterhin auf klassische Pumpspeicher setzen: Das Technologieunternehmen Vispiron zum Beispiel will am Osser, einem Berg an der bayerisch-tschechischen Grenze einen errichten. Demnächst beginnt das Raumordnungsverfahren. Geschäftsführer Amir Roughani ist zuversichtlich: „Ein Pumpspeicherwerk kann wirtschaftlich betrieben werden, wenn der Standort gut geeignet ist.“ Roughani geht davon aus, dass die Wirtschaftlichkeit in den nächsten Jahren ansteigt – weil immer mehr Strom durch erneuerbaren Energien erzeugt und die Nachfrage nach Regelenergie steigen werden. Und nach Speichermöglichkeiten.

Bis dahin befindet sich die Energiewirtschaft in einer Übergangsphase. Im bayerischen Wirtschaftsministerium setzt man auf ein neues Strommarktdesign, für das man sich in Berlin stark mache: „Wir wollen die Einführung des Kapazitätsmechanismus“, sagt ein Sprecher. Pumpspeicherkraftwerke würden dann für ihre ständige Einsatzbereitschaft entlohnt werden. Wie sich das auf den Strompreis auswirken würde, lässt das Bundeswirtschaftsministerium derzeit untersuchen, Ergebnisse gibt es im Frühsommer.

Dann wird auch die Potenzialanalyse der Staatsregierung erwartet. In einer „Heidenarbeit“, wie CSU-Wirtschaftsexperte Huber sagt, wurden untersucht, welche Standorte sich für ein Pumpspeicherwerk eignen. Laut Wirtschaftsministerium soll die Analyse „in der zweiten Jahreshälfte“ vorgestellt werden – die Veröffentlichung war bereits mehrfach verschoben worden.

Riedl-Projektleiter Mayr rechnet damit, dass das Genehmigungsverfahren für seinen Pumpspeicher in zwei Jahren abgeschlossen ist. 2016 gilt es, dann untersucht der „Verbund“ noch einmal die Wirtschaftlichkeit. Dann klärt sich, ob es sich lohnt, die Anlage zu bauen.

Schon ein Jahr früher, im Jahr 2015, geht die Verbund AG mit einem neuen Pumpspeicher ans Netz: im Mölltal, Kärnten, Österreich. Er kann die Energie aus 200 Windkraftanlagen aufnehmen und speichern. Sie nennen ihn „die grüne Batterie“.

Carina Lechner

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