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Schüler warten am Donnerstag auf ihren RVO-Bus, der aber nicht kam. Wie den Kindern und Jugendlichen in Hohenfurch erging es vielen in Oberbayern.

Schüler warteten morgens vergebens

Schulkinder ausgebremst: So lief der RVO-Streik

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München - Der überraschende Busstreik hat am Donnerstag Berufstätige und vor allem Schulkinder in Südbayern kalt erwischt. Viele Kinder standen ratlos an den Haltestellen – Eltern und Schulen sind sauer, weil die Gewerkschaft den Streik so kurzfristig ausgerufen hatte.

Lesen Sie hier: Interview mit dem Organisator des Streiks

So lief der Streik in den verschiedenen Gemeinden

+++ Die Ausgangslage: Nach Angaben der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG wurden zwölf Niederlassungen der Betriebe von Oberstdorf bis Berchtesgaden bestreikt. Dadurch ist der Berufs- und Schülerverkehr in vielen S-Bahn-fernen ländlichen Regionen Oberbayerns und im Allgäu „praktisch zum Erliegen gekommen“, wie die EVG erklärte.

+++ Die Folge: In zahlreichen Gemeinden standen Schüler in der Früh ratlos an den Haltestellen. Zum Beispiel die drei Kinder von Sandra Mikulla aus Geretsried. Die 9-, 14- und 16-Jährigen mussten in die Grund- und Mittelschule in Königsdorf. „Irgendwann riefen die Älteren mit dem Handy an. Gottseidank war mein Mann noch da, er fuhr sie dann nach Königsdorf“ – und gabelte unterwegs noch zwei Schüler auf.

+++ Das Benediktinergymnasium Ettal schaffte es noch, um 7 Uhr früh einen eigenen Bus zu organisieren. Trotzdem sagt Schulleiter Hubert Hering: „Der Streik hat den ganzen Tag bestimmt.“ „Viel ist heute Morgen mit Engagement der Eltern gelaufen“, sagt Kerstin Haferkorn, Leiterin der Chiemsee-Realschule Prien. Die Eltern bildeten kurz entschlossen Fahrgemeinschaften.

+++ Im Sekretariat der Realschule Geretsried das Telefon ohne Unterbrechung – 40 Kinder konnten nicht kommen. Im Staatlichen Landschulheim Marquartstein (Kreis Traunstein) fehlten gleich 120 der 680 Schüler.

+++ Am Gymnasium Tegernsee gab es nachmittags streikfrei, ebenso am Gymnasium Icking  – dort war der Streik besonders ärgerlich, weil der Caterer, der das Mittagessen für die Mensa liefert, auf zahlreichen Portionen Hackbraten und gefüllter Zucchini mit Kartoffelbrei sitzen blieb. An der Realschule Gmund konnte der stellvertretende Schulleiter 90 Prozent der Eltern noch am Abend warnen. Manche aber auch nicht.

+++ Aus Lenggries melden Hohenburg-Realschule und Gymnasium, dass viele Schüler, die mit dem Bus zur Schule hätten kommen sollen, zuhause geblieben sind.

+++ „Einen solchen Streik habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt“ , sagte Gerhard Haberl, Direktor des Staffelsee-Gymnasiums Murnau zu unserer Zeitung. Er kann nur den Kopf schütteln über den Spontanstreik der Busfahrer.

+++ Das Streikrecht sei ein hohes Gut, sagte Veronika Aich aus Neufahrn (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), auch sie betroffene Mutter. „Aber ich finde es unverantwortlich, das auf den Rücken der Schulkinder auszutragen.“ Etliche Eltern beschwerten sich auch direkt in der RVO-Geschäftsstelle in München. Dort gab eine Mitarbeiterin gegenüber merkur.de selbst zu, dass sie so etwas noch nicht erlebt habe.

Busfahrer melden sich zu Wort

+++ Ein ehemaliger Busfahrer hat sich bei unserer Onlineredaktion gemeldet. Er sei selbst auf den Bus angewiesen, um zur Arbeit zu kommen und könne den Ärger der Fahrgäste deshalb gut verstehen, schreibt er. Allerdings müsse man auch die EVG verstehen: "Anders als die Bahn behauptet, möchte man nicht über 10 Prozent mehr Gehalt. Vielmehr sollen in mehreren Schritten die schlechteren Neuverträge an die älteren angepasst werden. Ich finde, dass es vollkommen korrekt ist, hierfür zu kämpfen."

Im Übrigen würde die Bahn bei der Aussage, man sei der EVG so gut es geht entgegen gekommen, lügen, meint er. "Eine Steigerung des Gehaltes um effektiv 0,1 Prozent für die nächsten zwei Jahre ist mehr als ein Witz für einem Unternehmen mit immer mehr Gewinn. "Der Busfahrer ist immer der Depp. Bei jeder Preiserhöhung muss der Fahrer, der nichts davon abbekommt, erklären, wieso diese durchgeführt wird. Er ist immer den Ärger ausgesetzt. Die Chefs und Entscheider der RVO stellen sich doch dem Bürger gar nicht. Vielleicht sollten alle wütenden Bürger mal zur Zentrale der RVO und die Richtigen konfrontieren."

Der Streik-Tag im aktuellen Ticker

+++ Es gibt eine erste Bilanz von den Kollegen des Tölzer Kurier . Realschule Schlehdorf: nur etwa 100 von 400 Schülern sind zur Schule gekommen, deswegen kein regulärer Unterricht möglich, früher Schulschluss. Mädchenrealschule Hohenburg  (Lenggries): über 100 von 500 Schülerinnen fehlen. Realschule Bad Tölz: 113 von ca. 680 Schülern fehlen.

+++ Ein Busfahrer hat sich an die Onlineredaktion gewendet, um seine Sicht der Dinge darzustellen: "Hallo, wie die Eltern selbst geschrieben haben hat ein Busfahrer eine besondere Verantwortung, dann sollte diese Verantwortung auch bezahlt werden. Eine Klofrau im Europa Park hat mehr netto als ein Busfahrer mit dieser großen Verantwortung, schon mal darüber nachgedacht."

Viele beschäftigt die Frage, ob die Ankündigung des RVO-Streiks zu kurzfristig war

+++ Die Bahn teilt mit, dass es in der Region südlich von München durch den Streik heute zu erheblichen Einschränkungen im Busverkehr kommt. Der Streik kam sehr überraschend: Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG hat ihre Mitglieder am Mittwochabend zur Arbeitsniederlegung bei RVO und RVA aufgerufen. Die Geschäftsleitungen betonen aber, dass sie alles versuchen würden, um wenigstens ein Minimalangebot aufrechtzuerhalten.

+++ Unsere User und Facebook-Freunde diskutieren derweil die Frage: Kam die Ankündigung für den Streik der RVO zu spät, konnten sich die Eltern nicht genügend vorbereiten? Es gibt sowohl Stimmen, die sagen, die Art und Weise der EVG bezüglich dieses Streiks ginge gar nicht, vor allem, weil Kinder betroffen sind, als auch Stimmen, die berichten, dass sie sehr wohl rechtzeitig von dem Arbeitskampf heute erfahren hätten - über die Medien. Diskutieren Sie mit! (siehe unten)

Stellt euch vor, euer Kind läuft heute zur Bushaltestelle, ihr fahrt zur Arbeit und erfahrt dann, dass der Bus nie gekommen ist. Schreibt uns eure Geschichte vom #Busstreik.

Posted by Merkur-Online on Donnerstag, 16. Juli 2015

+++ Ein Fotograf der Schongauer Nachrichten war heute morgen unterwegs, um sich die Lage an den Bushaltestellen anzuschauen. Tatsächlich warteten etliche Schüler in Böbing, Hohenfurch und Rottenbuch vergeblich auf den Bus zur Schule.

Bei der RVO-Zentrale in München haben sich etliche Eltern beschwert

Ein Vater aus Habach (Landkreis Weilheim-Schongau) hat am Donnerstagmorgen aufgebracht unsere Onlineredaktion angerufen: "Die haben meine achtjährige Tochter auf der Straße stehen lassen", beschwerte er sich über die Regionalverkehr Oberbayern GmbH (RVO). Zusammen mit zehn bis 15 anderen Kindern hätte sie wie jeden Morgen auf den Schulbus gewartet - nur sei dieser heute eben nicht gekommen. Der Habacher sagt, dass er von dem Streik der Busfahrer, der Mittwochabend gegen 18 Uhr in den Medien öffentlich gemacht wurde, nichts mitbekommen habe. Das sei einfach zu kurzfristig für ihn gewesen.

Nehmt uns mit! Schulkinder in Böbing warten auf den RVO-Schulbus, der an vielen Orten nicht kam.

Jetzt habe seine Tochter noch Glück gehabt, weil er daheim war und aus dem Küchenfenster auf die Bushaltestelle schaute und somit sah, dass seine Tochter auf der Straße stehen gelassen wurde. "Andere sind aber in der Arbeit und das Kind steht alleine da", meint der besorgte Papa.  Besonders auf dem Land ist das Fortkommen nicht so einfach. Für den Streik der Busfahrer habe er zwar volles Verständnis. Aber: "Die haben eine Verantwortung gegenüber den Kindern." Die Habacher Schule habe von nichts gewusst, einige Kinder hätten nun heute schulfrei.

Dass der Habacher nicht der einzige ist, der mit dem Ablauf der Streik-Ankündigung unzufrieden ist, zeigt auch, dass sich am Donnerstagmorgen bereits etliche besorgte Eltern bei der RVO-Zentrale in München beschwert haben. Eine Mitarbeiterin verrät unserer Onlineredaktion, dass auch sie aus allen Wolken gefallen sei und so etwas in Jahrzehnten beim RVO noch nicht erlebt habe.

Gewerkschaft: Streik musste kurzfristig angekündigt werden

Die Gewerkschafter und die Busfahrer sind derweil auf der Kundgebung in Erding. Der Regensburger EVG-Geschäftsstellenleiter Harald Hammer versteht den Ärger der Eltern, bittet aber seinerseits ebenso um Verständnis: "Wir mussten so handeln", erklärt er. Hätte man den Streik früher angekündigt als etwas zwölf Stunden zuvor, hätte der Arbeitgeber reagieren können und Mitarbeiter anderer Busunternehmen geholt. Damit wäre der Zweck des Streiks hinfällig gewesen. "Ein Streik tut immer jemandem weh, das liegt in der Natur der Sache", sagt Hammer. Dass es ausgerechnet die Schulkinder trifft, bedauert er allerdings.

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kg/as/bo

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