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Notenfrust? Nicht in Grundschulen, die Lernentwicklungsgespräche führen.

Sanfte Pädagogik

Zwischenzeugnisse: Es geht auch ohne Noten

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Taufkirchen/Weilheim - Kommenden Freitag gibt’s Zwischenzeugnisse – aber nicht überall. Ein Drittel der Grundschulen in Bayern verzichtet darauf. Hier hat sich eine sanfte Pädagogik etabliert – mit Zielvereinbarungen und Lerngesprächen, die sogar am Samstag stattfinden.

Freitag, der 13. – Zeugnistag. Nicht bei Jürgen Semmelmann. Der Lehrer an der Grundschule Taufkirchen Am Wald (Kreis München) beschreitet einen alternativen Weg. Er hat an seine Schüler Selbsteinschätzungsbögen verteilt. Anhand von vier Smileys – mit lachenden oder weinenden Gesichtern – bewerten sich die Erst- und Zweitklässler selbst. Der Fragebogen umfasst an die 50 Themen aus allen Fächern. Zum Beispiel das Sozialverhalten: „Du bist freundlich und höflich“ – der Schüler soll ankreuzen, inwieweit er diese Vorgabe erfüllt. Oder in Deutsch: „Du schreibst in Schreibschrift“ – prima, überwiegend ja, teilweise oder noch zu wenig. Und in Mathematik geht es um knifflige Dinge wie: „Du wendest Plus- und Minusaufgaben bis 20 flexibel an.“ Ein Rundum-Check auf Herz und Nieren sozusagen. Auch Lehrer Semmelmann füllt den Bogen aus. Dann lädt er Eltern und Schüler zum Gespräch und vergleicht – ein Lernentwicklungsdialog im Klassenzimmer.

Gespräche statt Zeugnissen: Das ist erst seit diesem Schuljahr nach einer Änderung der Grundschul-Ordnung bayernweit für die ersten bis dritten Klassen zugelassen. Zuvor hatten flexible Grundschulen, in denen erste und zweite Klassen kombiniert unterrichtet werden, das Modell erprobt. Die Resonanz auf die generelle Freigabe, berichtet das Kultusministerium, ist riesig. Ein Drittel der 2400 Grundschulen machen von der Möglichkeit Gebrauch, ergab eine Abfrage des Ministeriums bei den Staatlichen Schulämtern. Fast scheint es so, als hätten Lehrer und Eltern nur darauf gewartet, eine Alternative zu den bislang üblichen Wortgutachten (in der 1. und 2. Klasse) sowie den Noten (3. Klasse) zu bekommen.

Zum Beispiel auch 17 von 30 Grundschulen im Landkreis Weilheim-Schongau. „Wir hatten bis jetzt nur positive Rückmeldungen“, sagt Schulamts-Direktorin Ingrid Hartmann-Kugelmann. „Ich bin begeistert, wie ernsthaft und souverän die Kinder ihre eigenen Leistungen reflektieren“, zitiert sie aus einer Rückmeldung der Staufer-Grundschule Schongau. Jede Schule geht etwas anders vor. In Weilheim-Ammer zum Beispiel gibt es so genannte Lernlandkarten, die die Kinder als Hausaufgabe mit ihren Eltern ausfüllen. Danach folgt das Gespräch zwischen Lehrer und Schüler im Beisein der Eltern, die sich aber möglichst zurückhalten sollen. Am Ende steht ein Lernprotokoll, das das Kind unterschreibt. „Das ist wie ein Vertrag“, sagte eine Mutter, als ihr Kind überrascht aufblickte. Die Kinder, berichtet eine Lehrerin, fühlten sich total ernst genommen. In der Grundschule Taufkirchen Am Wald, sagt Lehrer Semmelmann, bekommt der Schüler sogar eine Urkunde und ein kleines Geschenk. Seit Freitag laufen die Gespräche, der Lehrer ist begeistert: „Das ist eine tolle Sache.“

Die Gespräche dauern im Schnitt 30 Minuten. Jeder Lehrer ist selbst für die Terminplanung mit den Eltern zuständig. „Ich habe bis jetzt nicht gehört, dass es Probleme gibt“, sagt die Taufkirchner Grundschulrektorin Betty Pauker. Die meisten Gespräche finden nachmittags statt, im Schulamtsbezirk Weilheim weichen manche Lehrer allerdings auf den Samstag aus. Oft kommen Mama und Papa dann gemeinsam. „Wir machen da keine Vorgaben“, sagt Direktorin Ingrid Hartmann-Kugelmann.

Sie hat schon Wünsche für die Zukunft: Lernentwicklungsgespräche seien auch in der vierten Klasse „wünschenswert“. Dann, sagt die Chefin des Schulamts, könnte man aus der Diskussion um Übertritt und Notendruck „sehr viel Schärfe rausnehmen“.

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