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Sanitätern wird vieles abverlangt.

Rettungskräfte am Limit berichten

Sanitäter nach Unfall mit toten Kindern: Wurden allein gelassen

München - Zwischen toten Kindern und verletzten Kollegen: Feuerwehrleute und Rettungssanitäter haben schwere Jobs. Wir lassen sie zu Wort kommen und ihre bewegenden Geschichten erzählen.

In unserer Lesereporter-Serie haben zuletzt Feuerwehrler und Sanitäter über ihren schwierigen Arbeitsalltag berichtet. Viele von ihnen finden, ihr Job wird nicht ausreichend gewürdigt. Dabei würde unser Alltag ohne diese Helfer nicht funktionieren. Nun haben uns weitere Zuschriften von Feuerwehrleuten und Sanitätern erreicht, die ebenfalls von ihren bewegenden und oftmals auch schockierenden Erfahrungen und Erlebnissen erzählen:

Sanitäter: Wie erkläre ich einer Mutter, dass Ihr Kind tot ist?

"Auch ich bin ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr und beim Bayerischen Roten Kreuz und möchte im Folgenden etwas über meine Erlebnisse berichten. Ich bin 20 Jahre alt, kommen aus einer kleinen Ortschaft in Oberbayern und studiere derzeit in München an der Hochschule für angewandte Wissenschaften. Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich bei der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr und habe dort bereits die meisten Lehrgänge absolviert. Ich fand immer großen Gefallen an der FFW, doch irgendwann wollte ich mal was Neues sehen. Deshalb beschloss ich, mir einmal das Rote Kreuz näher anzuschauen.

Meine anfängliche Scheu vor Nadeln, Blut und Verbänden verflog jedoch sehr schnell. Ich machte sämtliche Grundlehrgänge sowie meinen Sanitätslehrgang. Seit meiner Volljährigkeit fahre ich auch als "Dritter" auf dem Rettungswagen mit. Seit kurzem bin ich Rettungssanitäter und nun voll einsatzfähig. Der Rettungsdienst macht mir wirklich sehr viel Spaß. Der Kontakt zu Menschen, seine Freizeit für etwas Gutes zu opfern, Menschen zu helfen, das sind die Dinge, die mir Freude daran bereiten. Darüber hinaus macht es mir Spaß, mich stets neuen Aufgaben zu stellen, da im Rettungsdienst kein Einsatz gleich ist.

Nun zu den Schattenseiten... es ist vorprogrammiert, dass man im RD schwere Schicksale zu sehen bekommt, mit denen man meist alleine fertig werden muss. Einer meiner ersten Einsätze war eine Reanimation. Das Schlimme daran: Es war ein Bekannter von mir. Ich wurde quasi ins kalte Wasser geschmissen, was dramatische Einsätze angeht. Jedoch lernte ich schnell damit umzugehen, mit Einsätzen abzuschließen. Ein alter Notarzt sagte mir einmal: "Ich kenne die Leute nicht, ich habe mit ihnen nix zu tun und ich werde sie auch nicht wieder sehen. Nach der Schicht schließe ich damit ab". So kalt und rücksichtslos diese Aussage auch klingen mag, mir half sie dabei, nicht an den erlebten Einsätzen kaputt zu gehen.

Jedoch gibt es auch Einsätze, die man trotz allen Bemühungen nicht aus dem Kopf bringt. Mein schlimmster Einsatz war ein Polytrauma eines einjährigen Kindes. Das Kind überlebte. Ich jedoch habe heute noch damit zu kämpfen. Immer wieder wache ich nachts auf und habe das schreckliche Szenario dieses Einsatzes vor Augen. Doch wer versteht einen? Mama und Papa? Nein, die wollten über Medizin, Blut, Verletzungen und Tote nicht reden. Freunde? Nein, die würden das nicht verstehen. Wer redet schon gerne über Gefühle mit den Kumpels?! Kollegen? Nein, man will ja schließlich keine Schwäche vor den eigenen Kollegen zeigen. Psychiater? Nein, ich bin doch kein seelisches Wrack, das auf Medikamente angewiesen ist. Was also tun? Selbst damit fertig werden!

Irgendwann lässt der Schmerz nach, und die Erinnerungen verblassen. Denkste... 3 Uhr morgens, der Piepser geht. Verkehrsunfall, mehrere Personen eingeklemmt, lautet die Einsatzmeldung. Adrenalin steigt. Gedanken im Kopf. "Wie viele Verletzte? Welche Verletzungen? Kenne ich vielleicht sogar jemanden?". All diese Dinge schießen einem durch den Kopf. An der Einsatzstelle angekommen, bietet sich einem ein Bild des Grauens. Mehrere Schwerverletzte, ein Toter. Ein kurzer Kontrollblick über die Unfallstelle. Plötzlich fällt einem auf, "das eine Auto kenne ich". Und genau nach solchen Einsätzen stellt man sich die Frage: Wieso mache ich das?! Wieso opfere ich meine Freizeit, um tote Menschen irgendwo herauszuziehen, um mich beleidigen zu lassen, um ständige mit der Angst zu Einsätzen zu fahren, hoffentlich ist das niemand, den ich kenne?! Wieso stehe ich bei Wind und Wetter mit Feuerwehr oder BRK draußen und friere mir den Arsch ab?! Wieso muss ich mir immer wieder solch grausame Schicksale anschauen?!

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem alles hoch kommt. Jeder kleine noch so harmlose Einsatz schießt einem durch den Kopf und macht dich fertig! Das kleine schwerverletzte Kind, das verunfallte Auto mit den schwerverletzten Freunden, die alte Oma im Pflegeheim mit Atemnot, der Fußballer mit verstauchtem Knöchel. Und jetzt steht man alleine da. Keiner versteht einen. Und selbst wenn, traue ich mich überhaupt darüber zu reden? Bin ich Mann genug, als 20-jähriger Kerl in der Blüte meiner geistigen und körperlichen Verfassung offen über Gefühle und Erlebnisse zu sprechen? Ich glaube nicht...

Und genau da sehe ich das Problem der heutigen Gesellschaft. Unser Ehrenamt, egal bei welcher Organisation, wird nicht so wertgeschätzt, wie wir es verdient hätten. Kein Außenstehender kann verstehen, wie es ist, einer Mutter zu erklären, dass wir nichts mehr für ihr kleines Kind tun konnten oder wie es ist, zu Einsätzen zu fahren bei denen Verwandte oder Freund beteiligt sind. Ist die Situation noch so schmerzhaft mit anzusehen bzw. der Einsatz noch so dramatisch, jeder erwartet von uns nur, dass wir handeln! Dass wir als Rot-Kreuz'ler unsere "Arbeit" tun und den Patienten versorgen. Dass wir als Feuerwehrler den schreienden Schwerzverletzen schnellstmöglich aus dem Auto schneiden. Keiner sieht, wie schwierig manche Einsätze auch für uns sind. Ein "Ich könnte das nicht" ist oft das einzige, was man zu hören bekommt, was ja noch positiv ist. Hauptsächlich bekomme ich zu hören "bist du dumm, opferst deine kostbare Freizeit für so n Scheiß"."

Anonym

Sanitäter: Ich liebe meinen Job

Schon seit der Schule steht für mich fest: Wenn ich groß bin, will ich Arzt werden. Der direkte Weg über ein Abitur mit 1,0 blieb mir wie so vielen verwehrt. Was würden Sie tun, wenn man Ihnen sagt, Sie können zwar den Job machen, den Sie sich ausgesucht haben, allerdings müssen Sie noch bis zu 16 Semester warten? Oder vielleicht auch mehr… Eine Ausbildung? Die Welt sehen? Einen Baum pflanzen? Ich habe mich für eine Ausbildung entschieden. Zum Rettungsassistenten, ein toller Job, den ich sehr liebe und jedem nur empfehlen kann.

Ich habe durch meinen Beruf Menschen ins Leben begleiten dürfen, ich habe Menschen in allen Phasen des Lebens aus allen sozialen Schichten in Notfällen beigestanden, und ich war bei Menschen, als diese oft viel zu früh aus dem Leben geschieden sind. Ich gebe mein Wissen und meine Erfahrungen auch als Dozent an einer Berufsfachschule weiter. Ich habe mir Nebenjobs gesucht, die mich medizinisch fordern und weiterbringen, wie unter vielen anderen die weltweite Begleitung intensivpflichtiger Patienten in Ambulanzflugzeugen.

Florian K.

Sanitäter: Schreckliche Bilder, die man nie vergisst

"Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen. Die Frühschicht ging gerade los als Rettungsdiensthelfer um 7 Uhr. Direkt klingelte das Einsatztelefon. Verkehrsunfall auf der B 17 Landsberg Richtung Füssen. Wir dachten uns nicht viel - Routine. Aber als wir ankamen: Das totale Chaos. Viele Verletzte. Noch bevor wir ausstiegen, habe ich weitere Hilfe per Funk angefordert. Dann kamen wir nicht mehr zum Funken. Zwei schwer verletzte Kinder auf der Wiese und ca. 5 oder 6 leicht bis mittelschwer verletzte Erwachsene. War ein Frontalcrash. Keiner hatte Schuld - beim Unfallgegner war ein Reifen geplatzt, den er in Italien hatte reparieren lassen.

Wir waren nur zu zweit und kümmerten uns um die schwer verletzten Kinder (wie sich später herausstellte 3 und 4 Jahre alt). Ich fand die Zeit, als ich den Notkoffer holte, kurz zu funken, dass wir dringend Unterstützung brauchen. Die Leitstelle hat Gott sei Dank schnell reagiert und einen Hubschrauber hinterhergeschickt. Ich habe gleich einen zweiten angefordert. Der eine Kollege kümmerte sich um die Vierjährige, ich um die Dreijährige. Aber da war nichts mehr zu machen. Schädelbasisbruch. Ich hab's wirklich versucht. Dann kamen endlich die Hubschrauber mit den Notärzten. Es war aussichtslos. Die haben sie nur noch zugedeckt und nebenan stand die schreiende Mutter. Ich saß daneben wie im Nebel. Auf der Rückfahrt sprachen mein Kollege und ich kein Wort. Damals gab es auch noch kein KIT oder so was. Wir wurden alleine gelassen."

Frank L.

Feuerwehrmann: Mein Kollege ist nach einem Einsatz arbeitsunfähig

Es ist ein warmer Sommertag im August 2013, als am frühen Abend der Melder geht: "Schwerer Verkehrsunfall, mehrere eingeklemmte Personen" Also nichts wie rein in die Klamotten und los. An der Einsatzstelle angekommen ein Bild der Verwüstung, ein LKW wollte einen Auffahrunfall verhindern und zog die Zugmaschine nach links, ein hinter einer Kuppe auftauchender PKW mit einem älteren Ehepaar und Enkel hatte im Gegenverkehr keine Chance. Raus aus dem Einsatzfahrzeug, Lage sondieren, schweres Rettungsgerät bereitstellen. Auf Grund des Zusammenstoßes und abfallender Straße flossen unter anderem Betriebsstoffe über die Straße, ein Kamerad brachte das Notstromaggregat in Stellung und wollte es anreißen, dabei rutschte er trotz Stiefel auf den Betriebsstoffen aus, verdrehte sich das Bein, machte trotz heftigster Schmerzen weiter.

Als die Verletzten aus dem PKW befreit und an den Rettungsdienst übergeben waren, ließ er sich dann auch behandeln und wurde mit einem weiteren RTW ins Krankenhaus gebracht. Ich kann heute nicht mehr genau die Diagnose wieder geben, auf jeden Fall war im Knie irgendetwas abgerissen. Mein Aufgabe als Gruppenführer ist es, dann einen Unfallbericht an die FUK zu verfassen, was ich auch nach bestem Wissen und gewissen tat. Die FUK Sachsen-Thüringen weigert sich bis heute, diesen Unfall als Arbeitsunfall anzuerkennen, ganz im Gegenteil, sie stellen den Kameraden als Lügner hin, das Knie wäre schon vorher, auf Grund seiner Tätigkeit als Fliesenleger geschädigt gewesen.

Es sind jetzt fast 2 Jahre seit diesem Unfall, unser Kamerad hat nun den Kampf gegen Goliath nach unzähligen Arztbesuchen, Gutachten, Anwaltsschreiben etc. aus finanziellen Gründen aufgegeben. Eine Entschädigung hat er nicht erhalten, dafür aber seine Kündigung, da er nicht mehr als Fliesenleger arbeiten kann. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass man im Ehrenamt so alleine gelassen wird, dass man dafür bestraft wird, unentgeltlich anderen helfen zu wollen. Und meinen Recherchen zufolge ist dies kein Einzelfall in Deutschland.

Anonym

Sanitäter: Es ist keine Schande, sich Unterstützung zu holen!

Als langjähriger Rettungsassistent habe ich sicher alles gesehen, was man im Rettungsdienst so erleben kann. Junge, Alte, Komisches, Tragisches, Arme und Reiche. In der Not sind sie alle gleich. Da ist es gut, wenn wir helfen können. Aber um das alles zu verarbeiten, ist es wichtig, dass wir Helfer auch gesund bleiben. Deshalb bin ich froh, dass es in allen Hilfs-Organisationen Einsatz-Nachsorge oder SbE-Team (Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen) gibt.

Wenn mal ein Einsatz zu viel für einen ist, z.B. weil man mit ansehen muss, wie einem ein Kind bei einem Verkehrsunfall unter den Händen wegstirbt, dann sind diese Kollegen immer für einen da. Auch wenn manche Retter sich das nicht eingestehen wollen, dass sie "psycho-Hilfe" brauchen: Es ist keine Schande, sich Hilfe und Unterstützung zu holen und mir hat es in meiner Laufbahn schon geholfen, einfach einen Fachmann zu Reden zu haben. Und die Hürde, sich an diese Kameraden zu wenden ist wirklich gering, denn sie sind 24h per Rufbereitschaft für uns da. Danke Euch!

Anonym

sb

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