Unwürdige Arbeitsbedingungen

Sauerei im Schlachthof: Schlachter wehren sich

Waldkraiburg/München - Heute übergeben Mitarbeiter des Schlachthofs in Waldkraiburg eine Petition an den Landtag – damit wollen sie „skandalöse Zustände“ zu einem Politikum machen.

Die Schlachter stehen in der weißgekachelten Halle. An silbernen Haken hängen Rinderhälften, die Arbeiter in Schutzkleidung wuchten das Fleisch auf die Tische und zerteilen es mit großen, scharfen Messern. Eine martialische Arbeit, Akkord, aber auf den ersten Blick eine, die einem geordneten System folgt.

So präsentierte sich der Schlachthof in Waldkraiburg im Kreis Mühldorf vor zwei Jahren bei einer Betriebsbesichtigung für die Presse. Doch offenbar gibt es noch eine andere Wahrheit. Denn Angestellte beschweren sich über unwürdige Arbeitsbedingungen – dass in der Branche öffentlich Kritik geübt wird, ist selten. Heute Mittag übergeben Arbeiter auf Einladung der SPD-Fraktion eine Petition an den Landtagsvizepräsidenten Franz Maget, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.

Es geht um ihren Angaben zufolge unrechtmäßige Kündigungen von 50 Arbeitern – aber auch um die laut Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) „skandalösen“ Bedingungen, zu denen rumänische Arbeiter beschäftigt werden. Das ist das eine. Das andere sind die Zustände in den Schlachthallen, von denen Arbeiter berichten. Ein Metzgermeister, der sich den Waldkraiburger Nachrichten kürzlich anvertraute, erzählte von Schichten in der Akkordzerlegung, die zehn bis 13 Stunden dauern. Bei minimalen Schlachtfehlern würden den Arbeitern zur Strafe horrende Summen abgezogen. Verschwindet ein Messer, müsse die ganze Truppe Strafe zahlen. Die Arbeiter, meist aus osteuropäischen EU-Staaten, müssten „menschenunwürdig zusammengepfercht“ in Büroräumen und Wohnungen hausen. Ein Metzgermeister, der seit 35 Jahren an deutschen und holländischen Schlachthöfen arbeitet und den Zerlegern gute Arbeit bescheinigt, sagte: „Sowas wie hier habe ich noch nicht erlebt.“

In Waldkraiburg brodelt es schon eine ganze Weile. Hintergrund ist die Insolvenz von einem der Subunternehmer am Schlachthof. Wie in der Branche üblich gibt es auch in Waldkraiburg ein undurchsichtiges und schnell wechselndes System von Fremdfirmen. Die Südfleisch Waldkraiburg GmbH wird als Inhaberin geführt, sie gehört zur niederländischen Vion Food Gruppe – einem der größten Fleischproduzenten Europas. Südfleisch vergibt ganze Gewerke an Subunternehmer. An die Global GmbH zum Beispiel, die insolvent wurde. Deshalb wurde mehr als 50 Beschäftigten gekündigt – „ein klarer Rechtsbruch“, sagt Johannes Specht von der NGG in Rosenheim. Denn laut Gewerkschaft müssten sie von dem Nachfolge-Unternehmen übernommen werden. Dabei handelt es sich um die Firma CCF GmbH.

Und da beginnt laut Gewerkschaft das nächste Problem. Denn auch die CCF beauftragt in Waldkraiburg ein Subunternehmen – die rumänische Firma Salamandra hat mit den Arbeitern Verträge abgeschlossen, die Johannes Specht nach der Übersetzung als „skandalös“ bezeichnet. Darin steht, dass der Schlachter einen monatlichen Bruttoarbeitslohn von umgerechnet etwa 175 Euro bekommt. „Angeblich kommt dazu noch ein ,Entsendelohn‘“, sagt Specht – vertraglich festgehalten sei der aber nirgendwo.

Der Mutterkonzern Vion Food stiehlt sich durch das Konstrukt mit den Subunternehmern aus der Verantwortung, sagt Gewerkschafter Specht. Auf Anfrage teilt ein Sprecher mit, dass es Vion Food „schon aus rechtlichen Gründen“ nicht erlaubt sei, sich in die Übernahme der Mitarbeiter der insolventen Firma „einzumischen“. Die Vion Food Gruppe habe keinen Anspruch auf Auskunft über die Lohngestaltung ihrer Werkvertragspartner. Die von der NGG erhobenen Vorwürfe seien „frei erfunden“.

Carina Lechner

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