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Der Walchensee ist bei Tauchern sehr beliebt. Michi Hell (Bild) betreibt die einzige Tauchschule am See.

Der Schatz im Walchensee

Einsiedl - In unserer Sommerserie stellen wir die oberbayerischen Seen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln vor. Heute: die Taucher vom Walchensee.

Michi Hell, 47, hütet einen Schatz. Tief unten, am Grund des smaragdgrünen Walchensees liegen sie, die Reichtümer. Nein, es geht hier nicht um das sagenumwobene Nazi-Gold, das vielleicht irgendwann versenkt wurde. Die Schätze, die Michi Hell interessieren, heißen Sonnenterrasse, Glasboot oder Mikado, und wer sie sehen will, kommt um ihn, den einzigen Tauchlehrer am See, kaum herum.

Teil 1 der Serie: Fischers Lust, Fischers Frust: Der Ammersee

Der 47-Jährige mit den blonden raspelkurzen Haaren und den eisblauen Augen betreibt seine Tauchschule in der Bucht bei Einsiedl – das liegt am südwestlichsten Zipfel des Sees, der aus der Vogelperspektive ein bisschen aussieht wie ein Tannenbaum. Arbeiten, sagt Michi Hell, das ist für ihn wie „immer Urlaub“. Früher war der Mittenwalder einmal Bäcker in Garmisch-Partenkirchen. Als mittags seine Semmeln fertig waren, fuhr er an den Walchensee. Zum Tauchen. Mehr als 1800 Mal war er unten. Seit 2006 gibt es „Michis Tauchertreff“, Sommer wie Winter wird dort die hohe Kunst des Tauchens gelehrt.

An der Nordspitze befindet sich der „Unterwassergarten“. Dort hat ein Taucher Unrat, der auf dem Seegrund herumlag, gesammelt und zu Kunstwerken arrangiert. Eines davon ist die Sonnenterrasse.

Heute sind zwei Münchner dran: die Angi und ihr Schwager, sie nennt ihn Stangerl. Die ersten Schnupperstunden im flachen Wasser haben die beiden hinter sich, grad watscheln sie vom Ufer zur Tauchschule, auf den Kieselsteinen tropfen sie eine Wasserspur hinter sich her: „A Wahnsinn“, sagt Stangerl, schnauft, fährt sich mit der Hand durch die nassen Haare. „Saukalt“, sagt die Angi, sie hält die Nasenspitze in Richtung Sonne, um sich aufzuwärmen. Die Anfänger wissen inzwischen, wie man sich schmerzfrei in den Neoprenanzug zwängt, welcher Schlauch in den Mund, welcher an die Sauerstoffflasche gehört. Sie kennen die Verständigungs- Zeichen, aber die Kopfüber-ins-Wasser-Sprünge müssen noch besser werden. „Das üben wir später“, sagt Lehrer Michi. Ein paar Tauchstunden brauchen sie noch, die beiden Münchner, dann dürfen sie alleine los. Dann gehören sie dazu: Zum informellen Club der Schatzsucher am Walchensee.

Wer in Bayern tauchen will, der muss in den Walchensee. Das grün-blaue Juwel zwischen Wetterstein und Karwendel ist die Top-Adresse der Szene. Ein Fachmagazin hat die berühmte „Galerie“, eine Steilwand bei Urfeld, die auf fast 200 Meter zum „Kirchel Grund“ abfällt, zu einem der 100 schönsten Tauchplätze – der Welt – erklärt. Die Farbe im See, das Licht-Schatten-Spiel: „Unbeschreiblich“, sagt der Michi. Vor allem zwischen September und April. In diesen Monaten ist das Wasser besonders klar. Vielen ist es dann aber zu kalt, im Sommer kommen sie in Scharen – an einem herrlichen Tag sind schon mal um die 150 Taucher in den Tiefen unterwegs.

Im „Glasboot“ sammelte er zig Flaschen. Die Bilder hat Flo Hartmann, ein Mitarbeiter von Michi Hell, mit einer Unterwasserkamera aufgenommen.

Sie alle kennen den Schatz des Walchensees: den „Unterwassergarten“ in 30 Metern Tiefe. Ein Münchner Taucher hat bei Urfeld in den vergangenen 25 Jahren und in tausenden Tauchgängen ein Kunstwerk geschaffen. Aus Wohlstandsmüll, der auf dem Seegrund lag. In einem versunkenen Boot sammelte er ungezählte Flaschen, es ist das „Glasboot“, in einem anderen zig Eimer. Er arrangierte Holzstämme über-, unter-, nebeneinander – und nannte die Skulptur „Mikado“. An anderer Stelle sind dutzende Schuhe akkurat aufgereiht, ein Paar allerdings, das merkt Michi an, ist nicht darunter. Entsorgte Gartenstühle stehen in einer Runde, in der Mitte ein Sonnenschirm: Party auf der „Sonnenterrasse“. Alte Fässer sind zu einer Pyramide gestapelt, sie ist gut zwölf Meter hoch. Hirnlose Taucher schmeißen sie immer wieder um. „Lasst das Zeug in Ruhe“, das schärft Michi, Tauchlehrer und Schatzhüter, seinen Schülern ein. Das da unten, das ist Kunst.

Jetzt geht’s für Michi wieder in sein Element: Der Tauchlehrer schwimmt schon, er lässt seine Schüler Purzelbäume ins Wasser üben. Es spritzt, Angi verrutscht die Taucherbrille, Stangerl platscht mit dem Kopf hart auf die Seeoberfläche. Tauchen ist nichts für Sonntags-Sportler. Ein paar Meter weiter strampeln Vater, Mutter, Kind auf dem Tretboot vor sich hin, sie gleiten über das Wasser. Sie ahnen vermutlich nicht, was da tief unten schlummert: der berühmte Schatz vom Walchensee.

Wussten Sie schon...? Das kleine ABC zum Walchensee

Tiefster und größter Gebirgssee Deutschlands mit bis zu 192 Metern Tiefe und 16,4 km2 Fläche.

Prinzregent Luitpold machte aus der Region ein Feriengebiet: durch den Ausbau der Kesselbergstraße, die Kochel- mit Walchensee verbindet.

Die Badestellen: Das besondere am Walchensee ist, dass er für Badegäste quasi überall zugänglich ist. Von Urfeld bis Walchensee allerdings schlängelt sich die Bundesstraße B 11 am Wasser entlang. Für Familien bietet sich das flache, liebliche Südufer an. Wer es ruhiger möchte, ist am Ostufer gut aufgehoben: Dort gibt es zig kleine, zerklüftete Buchten.

Auf der einzigen Insel Sassau wachsen Pflanzen, die es heute nur noch dort, früher überall am See gab.

Die Klosterbrüder von Benediktbeuern waren vermutlich die ersten, die das Walchenseegebiet rodeten.

Wallersee wurde er früher genannt, Ursprung umstritten. „Walchen“ leitet sich vermutlich von „Fremder“ ab.

Die Sage vom Waller: Es heißt, es gibt einen riesigen Fisch im See, der sich in den Schwanz beißt. Wehe, er lässt ihn los: Dann spaltet er das Gestein des Kesselbergs, die Wogen des Sees stürzen hinaus und bedecken München und Umgebung.

Mautstraße zwischen Einsiedl und Niedernach. Pro Auto pro Tag 3 Euro.

Die Tipps

Halbinsel Zwergern: Zu jeder Jahreszeit einen Abstecher wert: Die Wege führen über Wiesen, vorbei an alten Höfen bis zum alten Kirchlein Sankt Margareth an der Nordspitze.

Ausblick: am besten bei einer Fahrt mit der Herzogstand-Bahn zu erleben.

Bergtour: Gratwanderung vom Herzogstand zum Gipfel des Heimgarten (1790 Meter) – nur für Geübte.

Sonnenuntergang: besonders schön vom wildromantischen Ostufer aus zu genießen.

Surfen: Der See ist wegen der speziellen Thermik beliebt bei Surfern. Bester Startplatz: die Spitze der Halbinsel Zwergern. Leihausrüstung erhältlich in Walchensee.

Familienspaß: Fahrräder- und Bootsverleih gibt es in Walchensee, Einsiedl und Urfeld.

Von Carina Lechner

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