Schaulustige bei Unfällen

Gaffen bis das Blut gefriert

München - Feuerwehr und Notärzte schimpfen über sie: die Unfall-Gaffer. Laut Studie behindern sie Notfallkräfte bei jedem fünften Einsatz. „Jeder will was vom Blut mitnehmen“, so Kreisbrandrat Gerhard Bullinger. Erschreckend: Manchmal gehen Gaffer sogar auf Helfer los.

Fast so schlimm wie Gaffer, die im Weg stehen, sind Gaffer, die den Helfern einfältige Tipps geben. „Das Auto explodiert gleich – nicht hingehen!“ Solche Hinweise bekommt der Ebersberger Kreisbrandrat Gerhard Bullinger von Schaulustigen schon mal zugerufen. Über jene Gaffer kann der stellvertretende Vorsitzende des Landesfeuerwehrverbandes nur schmunzeln: „Die haben zu viel Cobra 11, wo es kracht und scheppert, im Fernsehen gesehen.“ Aber eigentlich findet Bullinger die Entwicklung beunruhigend. Wie auch die Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte (agbm).

In einem Fünftel der Notfalleinsätze werde der Rettungsdienst durch Schaulustige behindert, sagen die Notärzte. Die Mediziner verweisen auf eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen, wonach „bei 75 Prozent der Unfälle Schaulustige für die Behinderung verantwortlich sind“. Erst gestern haben Gaffer auf der A 9 zwischen Allershausen und Pfaffenhofen einen Vier-Kilometer-Stau ausgelöst – alle wollten sie den schweren Verkehrsunfall mit drei Lkw auf der Gegenfahrbahn beäugen.

„Jeder will bei Bränden oder Unfällen vorne dabei sein“, sagt auch Bullinger. „Jeder will vom Blut was mitnehmen.“ Manchmal bilden sich regelrecht „Karawanen von Autos“, die zu Unglücksorten aufbrechen. Dabei blockieren die Unglücks-Pilger die Rettungswege. Eine Katastrophe für die Helfer. Roland Huf, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Notärzte, kennt das Problem allzu gut. Viele Gaffer wollen „Blech und Blut schauen“, sagt der Mediziner vom Klinikum Großhadern in München. Huf schimpft: Selbst bei Notfällen mit schwersten Verletzungen werden die Foto-Handys gezückt, später landen die Bilder mitunter im Internet. „Eine moralische Schweinerei“, so der Arzt. Gaffer sind oft ein Problem, seltener aber auch hilfreich. Er brauche drei, vier starke Männer, erzählt Huf, habe er bei einem Notfall den versammelten Gaffern entgegen gerufen. Danach sind sofort Männer aus der anonymen Masse getreten – und haben geholfen, einen Verletzten aus der Baugrube zu hieven. „Das war eine positive Ausnahme.“ Die Regel ist es nicht, meistens stören Schaulustige. Mehr noch: Neu sei, „dass Zuschauer in aggressiver Weise den Helfern gegenüber auftreten“, heißt es von Seiten der agbm. „Zunehmende Gewalt gegenüber Einsatzkräften ist eine neue Dimension.“

Kreisbrandrat Bullinger glaubt, dass das Gaffer-Problem in den letzten Jahren sogar zugenommen habe. Schlimm war es Ende Februar auf der Inntal-Autobahn, nahe der Ausfahrt Oberaudorf: Ein Mann geht zu Fuß über die A 93, vier Autos überrollen ihn. Wenig später sind die Einsatzkräfte vor Ort – und die Gaffer, darunter Eltern mit ihren Kindern. „Bei so einem Unfall geht es zur Sache“, so Bullinger, der über die Eltern nur den Kopf schütteln kann . „Das sind belastende Bilder.“ Nichts für Gaffer-Augen – und bestimmt nichts für Kinderaugen.

Stefan Sessler

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