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Sie kämpfen wie Bären auf dem Platz: Marco Capo Bianco (im weißen Trikot) trainiert seit Monaten die „Black Bears“ in Grafing.

Fußball gegen die Verzweiflung

Scheuers Flüchtlings-Äußerung: "Haben versucht, es mit Humor zu nehmen"

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Lenggries/Ebersberg – Andreas Scheuers abfällige Äußerung über fußballspielende, ministrierende Senegalesen hat auch Fußballtrainer und Asylhelfer wütend gemacht. Für sie ist sein Satz Beweis dafür, wie wenig Scheuer sich mit dem Thema Integration befasst hat.

Koly Balde ist kein Ministrant. Er ist Muslim – wie übrigens mehr als 90 Prozent der Senegalesen. Wäre er Christ und hätte man ihn gefragt – vermutlich wäre er in Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) auch Ministrant geworden. Dann wäre er das Schlimmste, was sich Andreas Scheuer für Deutschland vorstellen kann: ein fußballspielender, ministrierender Senegalese – ein „Wirtschaftsflüchtling“, den Deutschland nicht abschieben kann. Den man nie mehr los wird. Für diese Worte kassiert der CSU-Generalsekretär seit dem Wochenende scharfe Kritik von allen Seiten – selbst aus seiner eigenen Partei.

Koly Balde hat von der umstrittenen Äußerung und der hitzigen Debatte nichts mitbekommen – was vor allem daran liegt, dass er momentan andere Sorgen hat. Denn er hat bereits einen Abschiebebescheid bekommen. Obwohl er seit einem Jahr alles tut, um sich hier in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. Er spielt mit Leidenschaft in zwei Lenggrieser Fußball-Mannschaften – einem gemischten Team und einem Flüchtlingsteam. Er arbeitet ehrenamtlich an fünf Tagen die Woche im Altenheim, begleitet die Senioren auf Spaziergängen, hilft ihnen beim Essen, spielt mit ihnen Spiele. Er spricht fast fließend Deutsch. Und er hätte sogar einen Ausbildungsplatz zum Altenpfleger – wenn er eine Duldung hätte. Vor allem aber hat er in Lenggries überall Freunde gefunden. Dort gibt es niemanden, der ihn wieder loswerden möchte.

Fußballspielen - für viele Flüchtlinge ist das ein Rettungsanker

Kolys Asyl-Patin Monika Kirberich hat überlegt, ob sie dem 18-Jährigen von Scheuers Äußerung erzählen soll. Sie hat sich dagegen entschieden, um ihn nicht noch mehr zu belasten – und hat nur gesagt, dass gerade ein „scharfer Wind“ weht gegen Flüchtlinge, die aus als sicher eingestuften Ländern wie dem Senegal kommen.

Angst vor der Zukunft: Koly Balde hat bereits einen Abschiebebescheid.

Koly Balde ist nicht aus Armut nach Deutschland geflohen. Sondern weil er seit dem Tod seiner Eltern auf sich allein gestellt war. Seine Verwandten haben ihn verbannt. Er hatte gehofft, hier in Deutschland durch Arbeit auf eigenen Beinen stehen zu können. Um jede Hilfe dabei war er dankbar, deshalb hat er sofort zugesagt, als der Helferkreis eine Fußballmannschaft aufstellte.

Fußballspielen – für viele Flüchtlinge wie Koly Balde ist der Sport ein Rettungsanker. Marco Capo Bianco kann das vollkommen nachvollziehen. „Das sind alles junge Männer, die dazu verdammt sind, den ganzen Tag nur rumzusitzen“, sagt der 51-jährige Trainer aus Grafing (Kreis Ebersberg). „Sie wollen was tun, wollen am Leben teilhaben.“ Deshalb hat Capo Bianco vor einigen Monaten das Team der Black Bears gegründet. Ein reines Flüchtlings-Team. Black Bears, weil ein schwarzer Bär das Grafinger Wappen ziert. Und weil’s so schön passt für seine großteils afrikanischen Spieler, die auf dem Platz wie Bären kämpfen. In der Royal Bavarian League sind sie bereits Tabellenführer.

"Wir haben versucht, es mit Humor zu nehmen"

Marco Capo Bianco kennt seine Jungs. Er sagt: „Natürlich bekommen sie mit, was Scheuer gesagt hat – und natürlich schmerzt sie das.“ Er selbst habe „blanke Wut“ empfunden, als er von der Äußerung erfuhr. „Das sind Menschen, über die wir hier reden“, sagt er. „Das sollten wir nicht vergessen.“

Capo Bianco ist nicht der einzige Fußballtrainer, den Scheuers Äußerung geärgert hat. Auch Dominic Mayer war für einen kurzen Moment fassungslos. Er trainiert ein Team beim TSV 1877 Ebersberg, das zum Großteil aus Senegalesen besteht. Einer der Spieler saß neben ihm, als er das Zitat im Internet las. „Wir haben versucht, es mit Humor zu nehmen“, sagt Mayer. Im Gegensatz zu der Lenggrieser Asylhelferin Monika Kirberich findet er es wichtig, dass die Flüchtlinge mitbekommen, wie einzelne Politiker Stimmung machen. „Es betrifft sie schließlich“, sagt er.

Die Senegalesen, die in seinem Team kicken, haben alle schlechte Bleibechancen. Und das wissen sie. Umso wichtiger ist das Fußballspielen für sie, erklärt Mayer. Es erleichtere ihren Alltag. „Durch diese Leidenschaft versuchen sie, ihre Schicksale zu verarbeiten und Zuversicht zu schöpfen – unabhängig davon, wie ihre Zukunft aussieht.“

Koly Balde ist einer von vielen afrikanischen Flüchtlingen in Bayern, auf die dieser Satz von Dominic Mayer zu hundert Prozent zutrifft. Er sagt: „Seit ich meinen Abschiebebescheid bekommen habe, kann ich nachts kaum noch schlafen.“ Es wird für ihn von Tag zu Tag schwerer, an sich zu glauben. An seinen Zielen festzuhalten. Es gibt Momente, in denen es gelingt. Meistens trägt er in diesen Momenten seine Fußballschuhe.

Die CSU, Scheuer und der Senegal - ein Kommentar von Merkur-Politikredakteur Christian Deutschländer

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