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Abgesperrt: Am Bahnhof Kempten ist am Freitagnachmittag Ausnahmezustand.

Erste Ermittlungsergebnisse

Dramatische Minuten: Das passierte im "Alex"

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Kempten - Nach der folgenschweren Schießerei im Regionalzug „Alex“ im Allgäu haben die Ermittler die dramatischen Minuten weitgehend rekonstruiert. Großes Lob zollen sie einem LKA-Beamten, der womöglich Schlimmeres verhindert hat.

Es beginnt mit einer Routineangelegenheit: Zwei Beamte der Bundespolizei, 45 und 57 Jahre alt, wollten am Freitagnachmittag zwei Männer kontrollieren, die allein in einem Abteil des gut besetzten „Alex“ von Kaufbeuren nach Kempten sitzen. Das, so sagt Klaus Papenfuß, Sprecher der Bundespolizei, sei Alltagsgeschäft – selbst dann noch, als sich herausstellt, dass der Jüngere der beiden, ein 20-jähriger Russe aus dem Raum Augsburg, zur Festnahme ausgeschrieben ist. Doch als die Beamten den Mann, der nach tz-Informationen in einer Suchthilfeeinrichtung in Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck) lebte, festnehmen wollen, überschlagen sich die Ereignisse. „Einer der Männer hat unter einer Jacke auf seinen Knien eine Waffe hervorgezogen und sofort geschossen“, sagt Richard Thiess, Vizechef der Münchner Mordkommission. Dass es nur eine Schreckschusswaffe ist, kann in diesem Moment niemand wissen.

Die Münchner Fahnder, die den Fall auf Weisung des Innenministeriums untersuchen, haben dann folgenden Ablauf rekonstruiert: Die beiden Polizeihauptmeister weichen aus dem Abteil zurück, die Täter setzen ihnen sofort nach, einer schlägt den 57-jährigen Beamten mit der Waffe mehrfach auf den Kopf. Als der Polizist blutüberströmt zu Boden geht, entreißt ihm der Täter die Dienstwaffe und schießt damit auf den zweiten Polizisten, der wenige Meter weiter mit dem anderen Täter ringt. Ein Projektil bohrt sich in Höhe der Leber in die Schutzweste, ein zweites trifft den Oberschenkel.

Schießerei im Zug: Toter war in Grafrath in Therapie

Die Fahrgäste fürchteten um ihr Leben - es brach Panik aus

In den umliegenden Abteilen bricht Panik aus, Fahrgäste fürchten um ihr Leben.

Inzwischen hat ein Zugbegleiter in einem weiter hinten gelegenen Abteil einen Beamten des Landeskriminalamts alarmiert, der auf dem Heimweg vom Dienst ist. Der Beamte, laut Thiess „ein sehr erfahrener Mann, der mit actionreichen Geschehnissen vertraut ist“, zieht sofort seine Waffe und stürmt nach vorn.

Der Umsicht des Kriminalers schreibt es Thiess zu, dass die Schießerei nicht in eine Geiselnahme mit womöglich noch dramatischeren Folgen mündete: „Er hat allen Fahrgästen gesagt, sie sollen nach hinten gehen.“ Dann, begleitet von dem inzwischen wieder auf die Beine gekommenen 57-jährigen Polizisten, stellt er die Täter zwischen dem ersten und zweiten Waggon. Es fallen Schüsse, eine Glasscheibe birst, eine Frau wird später über ein Knalltrauma klagen.

Gerichtsmedizin fand bei Obduktion keine Einschüsse

Den Tätern gelingt es offenbar, die Türen des mit 80 bis 100 Stundenkilometer fahrenden Zugs zu öffnen, was automatisch eine Notbremsung auslöst. Doch bei diesem Tempo, so Papenfuß, kommt der Zug erst nach einem Kilometer zum Stillstand.

So lange wollen die Täter nicht warten: Sie springen aus dem Zug. Für den 20-Jährigen wird es ein Sprung in den Tod. Er kommt unter die Räder. Die Gerichtsmedizin wird später in seiner zerfetzten Leiche keine Einschüsse finden. Sein Komplize, unbestätigten Angaben zufolge ein 44-jähriger Deutscher aus Augsburg mit kasachischen Wurzeln, überlebt den Sprung, wird jedoch ebenfalls schwer verletzt. Zudem hat er Schussverletzungen im Arm und in einem Bein. Der Mann, so Thiess, liegt auch am Montag noch im Koma. Sein Zustand sei stabil, ob er überlebe, sei aber unklar.

Als der Zug schließlich bei Günzach stehen bleibt, springen einige Fahrgäste in Panik heraus und flüchten in einen Wald. Die Polizisten entscheiden, den Zug schnellstmöglich weiterfahren zu lassen – wohl, weil der angeschossene Kollege so am schnellsten ärztliche Hilfe bekommt.

Fotos: Schießerei im Zug nach Kempten - Täter tot

Fotos: Schießerei im Zug nach Kempten - Täter tot

Inzwischen sind die Einsatzzentralen von Polizei und Bundespolizei alarmiert, ein Großeinsatz mit rund 200 Beamten läuft an. Als der Zug in Kempten einfährt, wird der Bahnhof gerade abgeriegelt. Dennoch geht die Polizei davon aus, dass nicht alle Fahrgäste befragt worden sind. Sie bittet alle noch nicht registrierten Zeugen, sich zu melden.

Die bei Günzach aus dem Zug geflüchteten Fahrgäste sind nach Erkenntnissen der Polizei allesamt wohlbehalten wieder aufgetaucht. Der Zug wurde zur Spurensicherung in eine Halle gefahren. Experten sollen nun die letzten noch offenen Detailfragen klären. Der verletzte Polizist wurde in Kempten operiert und wird die Schussverletzungen, so Papenfuß, voraussichtlich ohne bleibende Schäden überstehen. Sein Kollege musste ambulant behandelt werden.

Als mutmaßliches Motiv der Täter kann Thiess nur den Haftbefehl gegen den 20-Jährigen nennen. Zweieinhalb Jahre hätte der Russe wegen räuberischen Diebstahls absitzen müssen. Gegen den 44-Jährigen lag aktuell nichts vor.

Peter T. Schmidt

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