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Sommer, Sonne, See... aber kein Schiff: Der Tegernsee blieb gestern leer. Auch auf dem Königssee streikten die Kapitäne

Keine Schifffahrt auf Tegernsee und Königssee

Der Streik der Kapitäne

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Schönau/Tegernsee - Traumwetter, Sommerferien – und trotzdem ist nichts los auf zwei der beliebtesten bayerischen Seen. Am Königssee und am Tegernsee blieben die Linienschiffe der staatlichen Seenschifffahrt am Montag in den Bootshäusern. Die Gewerkschaft Verdi hatte zu einem  Warnstreik aufgerufen.

Markus Lenz liebt seinen Beruf. Seit 14 Jahren ist er Schifffahrtskapitän auf dem Königssee und befördert Touristen und Ausflügler von einem Ufer ans andere. An manchen Sommertagen sind es 5500. An diesem Montag war es kein einziger. Alle Linienschiffe am Königssee sind in den Bootshäusern geblieben. Die Gewerkschaft Verdi hatte die Beschäftigten der Bayerischen Seenschifffahrts GmbH zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen, um in den laufenden Tarifverhandlungen Druck aufzubauen. Markus Lenz sitzt mit in der Verhandlungsgruppe. Er sagt: „Jetzt, nach dem Streik, bin ich optimistischer, dass wir uns einigen werden.“

Der 34-Jährige arbeitet seit 14 Jahren für die Bayerische Seenschifffahrt. Er hat rund 180 Kollegen, die auf dem Tegernsee, dem Ammersee und dem Starnberger See genau die gleiche Arbeit machen wie er auf dem Königssee. Doch sie werden dafür unterschiedlich bezahlt. Alle Beschäftigten, die schon vor 1997 angestellt waren – dem Jahr, in dem das Finanzministerium eine GmbH gegründet und ihr die Betriebsführung der Seenschifffahrt übertragen hatte – werden noch nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt. Seit 1997 werden neue Mitarbeiter nur noch mit deutlich schlechterer Bezahlung und zu schlechteren Arbeitsbedingungen eingestellt. Die Gewerkschaft wirft dem Finanzministerium Lohndumping vor. Kapitän Markus Lenz spricht von einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“. Die Arbeitstage sind im Sommer lang. „Es gibt kein Dienstende, wir sind erst fertig, wenn kein Fahrgast mehr da ist“, berichtet er. Eine Pause ist im Fahrplan nicht vorgesehen, für ein kurzes Mittagessen bleiben gerade einmal 15 Minuten. Sonn- und Feiertagszuschläge gibt es nicht, weniger Urlaubstage, ein geringeres Weihnachtsgeld. „Im Schnitt verdienen wir 2200 Euro brutto“, sagt Lenz. Im Jahr sind das 8000 bis 10 000 Euro weniger, als die „Altbeschäftigten“ bekommen. „Um eine Familie zu ernähren, reicht unser Gehalt nicht aus“, sagt Lenz. Er fordert mehr Gerechtigkeit. Auch unter den bei der GmbH Angestellten. „Wer am Ammersee oder Starnberger See arbeitet, bekommt 400 Euro mehr“, berichtet er. Dort haben die Beschäftigten gestern nicht gestreikt.

Der Tegernsee allerdings ist bis auf ein paar Segelboote ebenfalls leer geblieben. Auch dort streikten die Beschäftigten. Unter ihnen auch Kapitän Reinhard Maier (48). Er hat noch einen alten Vertrag – findet es aber ungerecht, dass die jungen Kollegen so viel schlechter wegkommen. Das bereitet ihm Zukunftssorgen. Viele junge Kapitäne gehen nach der Ausbildung. Maier kann sie verstehen – und ist deshalb dem Streikaufruf von Verdi gefolgt.

Die Gewerkschaft habe versucht, alle Ausflügler über die Alpenhütten, die Wirtshäuser und mit Aushängen rechtzeitig zu informieren, betont der stellvertretende Verdi-Landesbezirksleiter Norbert Flach. Die vierte Verhandlungsrunde war am Freitag ohne Ergebnis geblieben. Eine Sprecherin des Finanzministeriums betonte, die Arbeitgeberseite habe schon mehrfach nachgebessert und sei in den Verhandlungen nahezu bis an die Grenzen des Möglichen gegangen. Die Seenschifffahrt müsse sich aber selbst tragen und dürfe nicht auf Kosten der Steuerzahler ein subventioniertes Unternehmen werden.

„Wir werden von unserer Forderung nicht abweichen“, betont Norbert Flach. Er geht nach dem Warnstreik optimistisch in die neue Verhandlungsrunde an diesem Dienstag. Sollte es kein Entgegenkommen geben, wären auch unbefristete Streiks während der Ferienzeit denkbar. Der Schönauer Kapitän Markus Lenz glaubt nicht, dass es soweit kommen wird. Er ist zuversichtlich, dass die Signale der Beschäftigten erst genommen werden. Der Zusammenhalt sei seit einigen Wochen enorm. „Das ist der einzige positive Nebeneffekt dieser Ungleichbehandlung.“

Katrin Woitsch

Klaus-Maria Mehr

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