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Vorsicht, bissig: Das Foto zeigt eine Alligator Schildkröte. Angeblich soll Lotti so aussehen; genau weiß das niemand.

Irsee: Sieben Monate danach

Was macht Schildkröte Lotti?

Irsee - Die Medien-Sensation um Schildkröte Lotti hat die Menschen im letzten Sommer auf die Probe gestellt. Heute herrscht in Irsee Katerstimmung - und die Suche geht in die letzte Runde.

Wieder und wieder hat er diesen Traum: Mit bloßen Händen greift er nach der Schildkröte, umklammert den Panzer, hebt ihn hoch. Der fleischige Reptilienkörper sackt zusammen, hängt hilflos in seiner Hülle. Andreas Lieb weiß, dass man so keine Schildkröten fängt. Aber: Er träumt eben davon, dass er Lotti noch zu fassen kriegt.

Lotti-Brezn sind der Partyrenner

Lieb ist der Bürgermeister von Irsee im Ostallgäu. Jenem 1400-Seelen-Dorf, über das im vergangenen August ein Mediensturm hinwegfegte. Alle jagten Lotti, die Phantom-Schildkröte, die einem Buben beim Baden die Achillessehne durchgebissen haben soll. Aus „Grüß Gott“ wurde schnell „Was macht Lotti?“. Noch heute gehört die einstige Standardfrage der Reporter zum Alltagsvokabular der Irseer. Lotti, die nie jemand sah, ist allgegenwärtig: Auf einer Mauer neben der Bäckerei hat der Münchner Graffitikünstler Loomit seine Vision von ihr verewigt: eine graue Schildkröte mit Flügeln aus Autotüren. Und Gudrun Koneberg, die Bäckerin im Ort, macht immer noch Lotti-Brezn – das Phantom aus Laugenteig ist ein Renner auf Partys. „Das ist ein lustiger Marketing-Gag, dachten wir uns damals“, sagt sie. „Unser Dorf wurde berühmt.“

Bilder aus Irsee gingen um die Welt – im Mittelpunkt der Oggenrieder Weiher: Dort, wo am 5. August 2013 ein achtjähriger Bub beim Baden an der Ferse verletzt wird. Ärzte sagen, es handelt sich um einen Biss. Aber von was? Experten vermuten, von einer Schnappschildkröte – einer Unterart der Alligatorschildkröte. Das Phantom wird auf Lotti getauft. Der See wird gesperrt, das Wasser abgelassen, die Fische umgesiedelt. Das Kinderbecken hochgerüstet, Suchtrupps durchkämmen die Felder, Spürhunde schnüffeln im Schlamm. Nichts. Der Fall Lotti stellt die Menschen auf die Probe: Die einen werden zu Jägern, wie Bürgermeister Lieb. Die anderen zu Gejagten, wie die Familie Wilhelm.

„Die Sache mit Lotti hat den Leuten hier ihre Maske runtergerissen“, sagt Michaele Wilhelm heute. Das Haus ihrer Familie steht am Ortsrand von Irsee, direkt am Weiher – dem Tatort. Eigentlich ein schönes Grundstück. Aber Michaele Wilhelm dachte oft daran, wegzuziehen. Vor allem damals, als sie im Dorf nach einem Schuldigen suchten: Getuschel. Fingerzeige. Die ältere Tochter kehrt zerknirscht aus der Schule heim. Deine Mama hat Lotti ausgesetzt, sagen die Mitschüler. Die hat ja auch Schlangen im Haus! Kinderfantasien. Die Erwachsenen lästern: Das Haus der Wilhelms ist das einzige, das direkt am Weiher liegt. Die müssen doch damit etwas zu tun haben.

„Niemand hat Lotti je gesehen“, sagt Michaele Wilhelm und regt sich auf. Ihr Vater, Horst Wilhelm, 62, sitzt im Rollstuhl und schaut misstrauisch aus dem Fenster – direkt auf den Weiher.

Bürgermeister: Es gibt Lotti!

Bürgermeister Lieb weiß, dass es Lotti gibt. Sie geben muss. „Sehen Sie sich doch das Foto an“, sagt er und hält es zum Beweis hoch. Auf dem Bild ist die verletzte Ferse des Buben abgebildet. Man erkennt genau die Bisswunde. „Das Monster von Loch Ness hat nie gebissen. Das ist der Unterschied“, erklärt Lieb. Er trägt die Aufnahme stets bei sich. Er will gerüstet sein, gegen die Zweifler. Erst neulich fragte ihn der Augsburger Weihbischof Anton Losinger: „Haben’S das Tier schon gefunden – oder war’s doch eine Finte?“ Der Weihbischof weiß noch genau, wie das damals war, als er Mitte August am New Yorker Flughafen landete – und über die Info-Bildschirme Nachrichten von der „Irseer Monsterschildkröte“ flackerten. „Ich war früher Gemeindepfarrer in Irsee“, erzählt er. „Ungläubig schickte ich Lieb eine SMS. Der antwortete: ,Hier ist die Hölle losgebrochen. Die Medien jagen uns.’“ Dabei hatte sich die Familie des Buben einst zurückgehalten. „Die hätte mich verklagen können. Als Bürgermeister hatte ich ja die Aufsicht. Ich hatte Glück, dass die nicht an die Presse gegangen sind“, sagt Lieb heute.

Doch die Medien kamen von allein. Erst ein Gemeindereporter. Dann die Nachrichtenagenturen. Damit war der Fall Lotti in der Welt. Sogar das japanische Fernsehen schickte einen Reporter. Bisher kannte man das Dorf allenfalls von der SPD-Klausur in Kloster Irsee.

„Die sind doch alle bekloppt“

Michaele Wilhelm blickt von ihrem Garten aus auf das Wasser. „Die sind doch alle bekloppt“, sagt sie, halb verächtlich, halb verletzt. Sie tippt sich an die Stirn. „So ein Rummel wegen einer Schildkröte.“ Bürgermeister Lieb sagt: „Normalerweise hätten wir einfach nur ein Warnschild aufgestellt.“ Aber was war schon normal damals? „So eine Situation, die übt man doch nicht.“

Die Sache wächst Lieb über den Kopf. Irgendwann fragt ihn ein Reporter, ob er denn nicht eine Belohnung aussetzen wolle. Vielleicht 1000 Euro? „Ich sagte ja. Aber im Nachhinein merkte ich, wie unverantwortlich das war.“ Denn nach der ausgelobten Belohnung gibt es kein Halten mehr. Selbst Kinder wühlen nun im Schlamm, um Lotti zu finden. Mit Taschenlampen bewaffnet suchen Anwohner nachts das Gebiet um den Weiher ab. Die Jagd ist eröffnet.

„Das war die Hölle“, sagt Michaele Wilhelm, „die haben nachts mit Taschenlampen in unser Haus geleuchtet!“ 2001 sind die Wilhelms nach Irsee gezogen – und nie mit den Leuten warm geworden. Michaele Wilhelm glaubt, man würde sie nicht mögen. „Vielleicht ist es Argwohn, weil ich eine junge, arbeitende, tätowierte Mutter bin? Vielleicht ist es Neid, weil wir damals das Haus gekauft haben?“

Heute liegt der Weiher friedlich da. Das Wasser ist längst wieder aufgefüllt und von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Die Kamerateams sind weg, auch die Schaulustigen und angereisten Experten. Jetzt tollen nur ein paar Hunde herum. Wilhelms kleinste Tochter Emmi hat gerade Laufen gelernt und zieht Kreise im Garten, greift nach kahlen Ästen, gluckst vergnügt.

Der Irrsinn von Irsee: Suche nach Schildkröte Lotti

Der Irrsinn von Irsee: Suche nach Schildkröte Lotti

Michaele Wilhelm sagt: „Ich habe immer diese Albträume, ich stehe im Dorf und alle zeigen mit dem Finger auf mich. Und ich schreie: Ich habe diese Scheiß-Schildkröte nicht ausgesetzt, aber keiner glaubt mir.“ Sie deutet mit ihrem Zeigefinger immer wieder hektisch nach vorn. „Dann wache ich mit Herzrasen auf und spüre ein Gefühl totaler Hilflosigkeit.“ Das Phantom Lotti – es ist immer noch da.

„Alle hatten wir Träume von Lotti. Manche haben sie immer noch“, sagt Bürgermeister Lieb. „Wenn man sich täglich damit beschäftigt, sucht das einen im Schlaf heim.“ Selbst sein kleiner Sohn hat mal geträumt, er würde Lotti fangen und in den Hasenstall sperren. Lieb schmunzelt. Dann schweift sein Blick in die Ferne. „Ich träume davon, sie zu fangen.“

Die Polizei hat das auch schon versucht – wegen des „besonderen öffentlichen Interesses“ am Fall Lotti. Und Familie Wilhelm hat dieses besondere Interesse besonders zu spüren bekommen: Am 21. August stehen vier Beamte mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen Michaele Wilhelms Vater Horst eingeleitet – wegen fahrlässiger Körperverletzung. Im Beschluss steht: „Aufgrund der bisherigen Ermittlungen besteht folgender Verdacht: Der Beschuldigte hält in seiner Wohnung eine Schnappschildkröte.“ Die Beamten suchen das Grundstück ab, selbst das Obergeschoss, wo Michaele Wilhelms querschnittsgelähmter Bruder im Pflegebett liegt. Und finden – nichts.

Horst Wilhelm grübelt bis heute, wer im Dorf was gesagt haben könnte – wer ihm diese Hausdurchsuchung eingebrockt hat. Eigentlich will er sich nicht aufregen, wegen seines Herzleidens. Und doch: Es rumort in ihm.

„Normalerweise gibt es kein öffentliches Interesse bei Verletzungen im unteren Bereich. Aber das hier war ein absoluter Ausnahmefall“, sagt Gunther Schatz von der Staatsanwaltschaft Kempten. „Woher sollten wir denn wissen, ob’s nicht noch mehr solcher Schildkröten gibt? Und im Zweifel schaut man da halt genauer nach.“ Das Haus der Wilhelms sei das einzige, das direkt am Weiher stehe. Und: Es gebe eine Telefonnotiz beim Umweltamt Kaufbeuren aus dem Jahr 2005. „Jemand meldete damals den Fund einer gefährlichen Schnappschildkröte.“ Michaele Wilhelm traut ihren Ohren nicht. „Das war völlig anders! Meine Oma hatte damals eine 20 Zentimeter kleine Rotwangenschildkröte gefunden und beim Umweltamt nachgefragt, wie sie sich verhalten soll. Wir haben die dann ins Tierheim gebracht. Das ist jetzt acht Jahre her.“ Ihre Stimme wird lauter. „Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern, die ich auch zum Baden in den Weiher schicke. Warum sollte ich so ein Tier halten geschweige denn aussetzen?“

Bürgermeister Lieb wusste lange Zeit nichts von der Hausdurchsuchung – auf seiner Jagd nach dem Phantom führt er eigene Ermittlungen, recherchiert alles, was es über Schildkröten gibt. „Ich bin heute Jagdexperte“, sagt er und lacht. Er weiß jetzt zum Beispiel, dass bei so einem urtümlichen Tier modernste Technik nichts nützt. Herztonmessgeräte? „Bei nur 1,5 Herztönen pro Minute kann man da lange warten.“ Wärmebildkameras? „Schildkröten können ihre Körperwärme an die Kälte anpassen.“ Wasser ablassen, Nahrung entziehen? „Diese Tiere können monatelang hungern.“

Michaele Wilhelm interessieren solche Details nicht. Sie will nur noch, „dass dieser Spuk endlich vorbei ist“. Das wünscht sich auch Bürgermeister Lieb. Aber er weiß: Bei einer Schildkrötenjagd muss man geduldig sein, darf nicht in Panik geraten. Lieb ist ein ruhiger Mann, kein Hetzer. „Demnächst lassen wir die selbstgebauten Reusen zu Wasser, wann kann man nur abwarten.“ Wenn es Lotti gibt, werde sie sich zeigen. Und wenn nicht? „Zumindest habe ich dann alles versucht.“

von Laura Selz

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