Schlaglöcher: Im Land der Buckelpisten

München - Winter ist Schlagloch-Zeit: Frost und Tauwetter strapazieren unsere Straßen. Doch die Kommunen haben für die Sanierung immer weniger Geld. Auch im Freistaat sprengt der Nachholbedarf für Fahrbahn-Reparaturen den Haushalt.

„Gemeinde verkauft Schlaglöcher“ - erinnern Sie sich noch an diese kuriose Schlagzeile aus dem vergangenen Winter? Niederzimmern, ein von Straßenschäden geplagtes Nest in Thüringen, verschacherte Krater im Asphalt für 50 Euro - persönliche Widmung für den Käufer inklusive. Sogar ausländische Zeitungen berichteten über den Bürgermeister, der die Idee hatte. Christoph Schmidt-Rose verkaufte fast 300 Schlaglöcher. Eine Straße wurde mit dem Erlös „zumindest ein bisschen“ geflickt, erzählt er. Vor allem aber wollte er mit der Aktion auf den schlechten Zustand der Straßen aufmerksam machen.

Auch in Bayern holpern Autofahrer derzeit durch die Landschaft. Die Schneedecke ist weggeschmolzen, das Tauwetter gibt den Blick auf die Schäden im Asphalt frei. Nur einige Beispiele: Auf der Staatsstraße zwischen Dachau und der Ortschaft Feldgeding ist der Fahrbahnbelag so löchrig, dass es immer wieder zu gewagten und gefährlichen Ausweichmanövern von Auto- und Lastwagenfahrern kommt. In der Würmtal-Gemeinde Gräfelfing alarmieren besorgte Bürger das Rathaus, weil sie ein Sicherheitsrisiko durch die Mulden befürchten. Die Karlsstraße, die durch die Innenstadt von Penzberg (Landkreis Weilheim-Schongau) führt, ist seit Jahren eine Buckelpiste, „in einem unmöglichen Zustand“, schimpft der Bürgermeister, Hans Mummert, über die Staatsstraße. Und in Wolfratshausen mussten gestern die Bauarbeiter anrücken: Löcher stopfen in der Faulhaberstraße, zumindest die großen.

Der Winter ist noch nicht vorbei, doch er hat schon jetzt deutliche Spuren hinterlassen. Noch halten sich die Behörden mit Schadensbilanzen zurück. Der Bayerische Gemeindetag klappert jedes Jahr die Kommunen ab, allerdings warte man damit, bis der Winter vorbei sei, erklärt Wilfried Schober. Doch es sieht nicht gut aus: Allein gemessen am Salzverbrauch und den Einsatzstunden des Räumdienstes erkennt man etwa im Staatlichen Bauamt Weilheim: „Das ist ein überdurchschnittlicher Winter“, sagt Sven Maertz, dessen Behörde für die Bundes-, Staats- und Kreisstraßen in Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen, Starnberg und Bad Tölz-Wolfratshausen zuständig ist. Ein strenger Winter wirkt sich direkt auf den Zustand der Straßen aus. Fatal: das aktuelle Tauwetter. „So tritt das Wasser wieder in den Unterbau der Straße ein“, erklärt Josef Maurus, Experte für Verkehr und Umwelt beim ADAC Südbayern. Sobald es wieder friert, sprengt der Frost die Straßen. Und schon hat der Asphalt einen Riss, ein Schlagloch. Finanzschwache Kommunen flicken oft nur notdürftig, doch im darauffolgenden Winter ist das Provisorium noch anfälliger. „Diese Debatte wird seit etwa zehn Jahren geführt“, sagt Maurus. „Seit die Mittel für den Straßenbau gekürzt wurden.“ Gerade der Zustand der Gemeindestraßen verschlechtere sich von Jahr zu Jahr.

Pünktlich zur Schlaglochdebatte werden auch Vorwürfe von der Opposition laut. Vier SPD-Landtagsabgeordnete (Helga Schmitt-Bussinger, Inge Aures, Reinhold Perlak und Harald Schneider) fordern „ein finanzielles Sofortprogramm des Freistaats zur Unterstützung der Gemeinden bei der Reparatur ihrer schlaglochübersäten Straßen“. Betteln bei der Politik - „das bringt gar nix“, sagt Schober vom Gemeindetag. Die Mittel für den Straßenbau sind festgelegt: Etwa 245 Millionen Euro bekommen bayerische Kommunen jedes Jahr über den Länderfinanzausgleich, für den Rest der Straßen ist der Freistaat beziehungsweise der Bund direkt zuständig.

Doch die Staatsregierung vernachlässigt ihre Straßen grob, sagt Florian Streibl, der für die Freien Wähler im Landtag sitzt. Der Oberammergauer hatte im November eine schriftliche Anfrage über den Zustand der Staatsstraßen im Oberland gestellt. Von der Antwort der Obersten Baubehörde im Innenministerium ist Streibl erschüttert: „Ein Offenbarungseid.“ Aus dem Schreiben geht hervor, dass in den vergangenen zehn Jahren Staatsstraßen in den vier Oberlandkreisen (Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen) für insgesamt 11,4 Millionen Euro saniert wurden. Dazu kommen jeweils Summen im hohen sechsstelligen Bereich für kleinere Instandhaltungen. Für die kommenden zehn Jahre muss laut Innenministerium deutlich mehr aufgebracht werden - mindestens 19,3 Millionen.

Für alle bayerischen Staatsstraßen sind jährlich 100 Millionen Euro veranschlagt, nur, um den Status Quo halten zu können. Schon jetzt liegt der Nachholbedarf für die Sanierung im Freistaat bei 720 Millionen Euro. „Die im Doppelhaushalt eingeplanten Mittel reichen nicht aus, um den laufenden Erhaltungsbedarf abzudecken“, heißt es in dem Schreiben, das von Innenminister Joachim Herrmann unterzeichnet ist. „Wenn das so weiter geht“, sagt Streibl, „durchzieht unser Land bald ein Netz malerischer Schotterpisten.“

Carina Lechner

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