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Stundenlang eingepfercht: Ein Schleuser wollte die beiden Mädchen im Kofferraum dieses Kleintransporters nach Deutschland schmuggeln

Illegale Einreise: Zahlen steigen

Schleuser pferchen Flüchtlings-Kinder in Kofferräume

München - Im Kofferraum. Im Zug. Manchmal im Reisebus. Sie wollen illegal nach Deutschland. Im August hat die Polizei im Grenzgebiet zu Österreich 400 Flüchtlinge aufgegriffen – so viele wie seit Jahren nicht.

Am Wochenende waren es 60. Sie kamen aus Syrien und Eritrea, aus Pakistan und dem Kosovo. Sechs Schleuser hatten versucht, sie von Italien aus nach Deutschland zu schmuggeln. Einige kamen in Autos oder Kleintransportern, die meisten in einem EuroCity aus Verona. „Die Strecke haben wir gerade besonders im Visier“, sagt Rainer Scharf, Sprecher der Bundespolizei in Rosenheim. Ganze Familien saßen in diesem EC. „Da mussten wir gar nicht groß suchen.“

Das vergangene Wochenende zeigt, wie es derzeit im Grenzbereich zwischen Österreich und Deutschland zugeht. Allein im August hat die Bundespolizei 400 Menschen einkassiert, die versucht haben, ohne Papiere über die Grenze zu kommen. Von Mai bis Juni waren es jeweils über 300, davor im Schnitt 100 bis 150. Scharf sagt: „Das hielten wir damals schon für viel.“ Insgesamt haben die Beamten im ersten Halbjahr 2013 1530 illegal eingereiste Flüchtlinge festgenommen70 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2012.

Ein großer Teil der Flüchtlinge kommt aus den Krisengebieten in Syrien. Um nach Deutschland oder Skandinavien zu gelangen, verlassen sie sich oft auf professionelle Schleuserbanden. „Das funktioniert wie ein Reisebüro“, sagt der Rosenheimer Inspektionsleiter Reinhard Tomm. Für Preise zwischen 3000 und 30.000 Dollar organisieren die Schleuser Fahrkarten und Hotels, planen die Wege.

Zur Zeit kommen viele mit dem Schiff übers Meer, sagt Scharf. Über die italienische Insel Lampedusa gelangen sie aufs Festland, reisen schließlich quer durch Italien Richtung Norden. Mit dem Zug von Verona aus. Oder per Auto und Bus über den Brenner. Die Menschen seien manchmal bis zu einem Jahr unterwegs, sagt Reinhard TommLeiter der Bundespolizei in Rosenheim. Viele Kinder seien darunter, auch solche, die von ihren Eltern allein auf die Reise geschickt werden.

Für die Flüchtlinge ist das Alles auch ein Gang an ihre Grenzen. Sie verbringen teils Stunden zusammengepfercht im Kofferraum eines Autos. Den Fahndern erleichtert das die Arbeit. „Da sieht man schon, dass die Achsen sehr tief hängen“, sagt Polizeisprecher Scharf. Ein beschwerlicher Weg. Aber wofür?

Klar ist: Trotz ihrer illegalen Einreise können Flüchtlinge, die von der Polizei erwischt werden, um Asyl bitten. Sie werden dann an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) weitergeleitet, das sie in einer Erstaufnahme-Einrichtung unterbringt und den Antrag prüft. Laut BAMF liegt die Anerkennungsquote bei 30 Prozent. Für Syrien-Flüchtlinge ist die Chance zur Zeit größer. 95 Prozent wird Asyl gewährt. „Es zählt die individuelle Geschichte“, sagt BAMF-Sprecherin Christiane Germann. Und deren Prüfung kann dauern. Im Schnitt brauche das gut acht Monate. Weil es in diesem Jahr so viele Anträge gibt, bisher sind es in Bayern 8781, dauere es im Moment sehr viel länger.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt weiter. Die große Welle aus Syrien ist beim BAMF noch gar nicht angekommen. Auch die 400 Beamten der Bundespolizei in Rosenheim stellen sich auf viel Arbeit ein. Autos und Züge kontrollieren. „Die relevanten Routen“, sagt Scharf, „decken wir ab."

Landkreise bekommen zehn neue Asylbewerber pro Monat

Die Zahl der Asylbewerber in Bayern steigt seit 2012 kontinuierlich. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge wurden in diesem Jahr bisher 8781 Asylanträge gestellt. 2012 waren es im gleichen Zeitraum 4555. Allein Oberbayern wird bis Ende des Jahres monatlich etwa 470 Menschen aufnehmen müssen. Die Lage drängt so sehr, dass die Bezirks-Regierungen dazu übergegangen sind, die Flüchtlinge aus Tschetschenien, Afghanistan, Syrien, Nordafrika und anderen Regionen wöchentlich auf die Landkreise zu verteilen.

Wie ein Sprecher der Regierung von Oberbayern sagt, müsse jeder bayerische Landkreis aktuell zehn Menschen pro Woche aufnehmen. Wie viele Flüchtlinge ein Kreis insgesamt aufnehmen muss, ergibt sich aus der bayerischen Asyldurchführungsverordnung. Danach muss sich etwa der Kreis Freising um 3,8 Prozent der Menschen kümmern, der Kreis Miesbach um 2,2 Prozent.

Viele Landkreise und Gemeinden bringt das neue Vorgehen in Bedrängnis, weil sie kaum Wohnraum für die Flüchtlinge finden. Erst vergangene Woche musste Miesbach 17 Menschen in der Turnhalle der Berufsschule unterbringen. Inzwischen sind es 19. Sie werden bis Ende September in der Turnhalle bleiben. „Hallen sind für uns die absolute Notlösung“, sagt der Regierungssprecher. Aber man wolle den Kreisen in Bezug auf die Unterbringung keine Vorschriften machen. „Zur Not müssen Wohncontainer her.“ Allein München und Neuburg an der Donau (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) sind von der wöchentlichen Zuweisung nicht betroffen, weil sie ihr Soll erfüllt habe.

Marcus Mäckler

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