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Veredeln und draufzahlen: Der ehemalige Betriebsleiter Peter Nees zeigt die Maschinen, in denen Rohalkohol veredelt wird. Der Staat zahlte bisher dazu.

EU kippt Subventionen

200 Schnaps-Brennereien vor dem Aus

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München - Seit fast 100 Jahren hält der Staat Brennereien mit Steuergeldern am Leben. Für viele ist Ende September Schluss damit. Die EU hat das Branntweinmonopol als unzulässige Subvention gekippt.

Er wird die Brennerei nicht anrühren, zu viel Arbeit steckt darin und zu viel Geld. In den Nachbarorten sind sie schlauer. Abreißen, als Bauplatz teuer verkaufen. Viele machen das so, Anton Stürzer (50) nicht. Immerhin sind die Maschinen noch einwandfrei, man muss sie bloß anschmeißen. Stürzer glaubt nicht, dass das irgendwann passiert. Trotzdem hält er seine Brennerei betriebsbereit, „in der Hoffnung, dass sich am freien Markt was tut“.

Es wird anders laufen. Am Markt ist der Alkohol, den der Landwirt aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn (Kreis München) aus Kartoffeln und Getreide gewinnt, kaum wettbewerbsfähig. Ab kommender Woche schon gar nicht mehr. Dann, am 1. Oktober, fällt nämlich das Branntweinmonopol für landwirtschaftliche Erzeuger endgültig weg. Für Stürzer und 520 andere Betriebe in Deutschland eine Katastrophe.

Bisher konnten sie ihren Rohalkohol ins Werk des Bundesmonopolamts nach München bringen. Das zahlte über Marktpreis, veredelte den Fusel und verkaufte ihn weiter. Für die Landwirte war das ein gutes, weil sicheres Geschäft. Nur: Der Bürger zahlte drauf. 80 Millionen Euro an Subventionen brauchte das Amt, um die Verluste auszugleichen. Jährlich.

Der EU ist die Praxis schon lange ein Dorn im Auge. 2003 versuchte sie mit Verweis auf das Wettbewerbsrecht erstmals, den subventionierten Alkohol zu verbieten. Weil sich deutsche Politiker aller Fraktionen dagegenstellten, erteilte die EU eine befristete Ausnahmegenehmigung von sieben Jahren. 2010 war dann Schluss. Das Branntweinmonopol, das Wilhelm II. 1918 einführte, wurde gekippt.

Martin Empl, Vorsitzender des Brennereiverbands Bayern, ist einer, der lange für den Erhalt des Monopols gekämpft hat. Er schätzt, dass allein im Freistaat 200 Betriebe betroffen sind. Da viele von ihnen Genossenschaften sind, liegt die Zahl der Landwirte viel höher. Deutschlandweit, schätzt Empl, sind es bis zu 5000. „Sicher werden einige versuchen, weiterzumachen.“ Für die meisten wird es aber nur einen Weg geben: zumachen.

Für Stürzer, dessen Familie seit 57 Jahren Alkohol herstellt, bedeutet das das Ende einer „Leidenschaft“. Und es bedeutet, dass ihm künftig 40 Prozent des Gewinns abgehen. „Ich hab das als Haupteinnahmequelle gesehen“, sagt er. Im Winter, wenn’s auf dem Feld nichts zu tun gab, ließ sich wunderbar Alkohol herstellen. Und dann risikofrei verkaufen.

Vorerst bekommen Stürzer und seine Kollegen Ausgleichszahlungen vom Bund. Die Höhe richtet sich nach dem bisherigen Produktionsvolumen. Ein letztes Zugeständnis der EU, bevor das Branntweinmonopol am 31. Dezember 2017 ganz der Vergangenheit angehört. Dann verlieren auch die kleinen Obstbrennereien ihre Subventionen. Ihre Zahl ist noch viel größer: In der Bundesrepublik sind es rund 20 000.

Das Werk in München wird seine Alkohol-Vorräte noch bis Ende November verarbeiten. Bis zum 31. März 2014 sollen dann alle Bestände verkauft sein. Dann wird es stillgelegt. Es sei denn, die neue Initiative einiger Brennereien hat Erfolg. An die 60 Betriebe sollen sich zusammengeschlossen haben, um das Werk zu pachten und selbst weiterzuführen. Ob ihnen das gelingen wird, ist fraglich. Experten trauen der Initiative nur wenig zu.

Es ist ein Versuch, Stürzer könnte seine Maschinen wieder anschmeißen. Dann wäre auch die größte Sorge vorerst vom Tisch: „Ich will nicht aus der Tür gehen und sehen, wie Bagger die Brennerei abreißen. Das würde zu weh tun.“

Marcus Mäckler

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