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Die Bergwacht verlädt den unterkühlten 42-Jährigen auf die Pistenraupe.

Schon wieder ein tödliches Lawinenunglück

Bayrischzell – Bernd P., einer der Pächter der Bayerländer Hütte im Taubensteingebiet (Kreis Miesbach), sieht am Samstagvormittag aus dem Fenster: Eine Lawine gleitet den Hang hinab. Er stürmt hinaus, hört Hilferufe.

Sofort setzt Bernd P. einen Notruf ab, dann steigt er mit einer Schaufel in das Lawinengebiet östlich des Taubensteingipfels und gräbt die Verschütteten aus. Ein 42-jähriger Tourengeher aus München, der um Hilfe geschrien hatte, ist nur leicht verletzt. Doch seine 35-jährige Begleiterin ist zu schwer verletzt. Obwohl Bernd P. und die Rettungskräfte versuchen, die Frau wiederzubeleben, stirbt sie noch am Berg.

Die Lawinenwarnstufen:

Es gibt fünf Lawinenwarnstufen – von eins (gering) bis fünf (sehr groß). Bei Stufe eins ist eine Lawine nur bei großer Zusatzbelastung an sehr wenigen, extremen Steilhängen möglich. Bei Stufe zwei ist eine Lawine bei großer Zusatzbelastung vor allem an den angegebenen Steilhängen wahrscheinlich. Größere Lawinen sind nicht zu erwarten. Wenn Stufe drei ausgerufen wird, so ist eine Lawine bereits bei geringer Zusatzbelastung vor allem an den angegebenen Steilhängen wahrscheinlich. Das ist auch bei Warnstufe vier so. Fallweise sind hier spontan viele mittlere, mehrfach auch große Lawinen möglich. Bei Stufe fünf besteht dann höchste Gefahr: Spontan sind zahlreiche große Lawinen, auch in mäßig steilem Gelände, zu erwarten. Derzeit besteht in den bayerischen Alpen oberhalb der Waldgrenze (1600 Meter) eine erhebliche Lawinengefahr (Stufe drei), in tieferen Lagen ist die Lawinengefahr mäßig (Stufe zwei).

Ein weiteres tödliches Lawinenunglück in den Alpen, wo derzeit höchste Lawinenwarnstufen herrschen. Erst am Donnerstag war eine Frau (27) aus Hausham (Kreis Miesbach) in Tirol von einer Lawine getötet worden. In einer Lawine sind die Verschütteten hilflos den Gewalten der Natur ausgesetzt. So kam es, dass der 42-jährige Tourengeher an einem Baum hängen blieb und nur bis zum Unterkörper verschüttet wurde – er erlitt eine Unterkühlung. „Das war pures Glück, das seine Begleiterin leider nicht hatte“, sagt Dieter Bezold vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd, „nur Glück entscheidet in diesen Momenten über Leben und Tod.“

50 Meter mitgerissen

Die Frau wurde 50 Meter mitgerissen und fast vollständig unter den Schneemassen begraben. Allerdings schaute noch ein Fuß heraus, so dass Bernd P. sie fand. Nach etwa einer halben Stunde konnte er sie ausgraben – er begann sofort mit der Wiederbelebung. Und tatsächlich schaffte er es, dass sie wieder atmete. Die Rettungskräfte, die bald darauf an der Unglücksstelle eintrafen, setzten die Reanimation fort. Das Wetter am Samstagvormittag im Taubensteingebiet behinderte die Rettungsarbeiten. Es schneite stark, man sah kaum etwas. Deshalb konnte die Polizei keinen Hubschrauber losschicken.

Die Rettungskräfte, rund 35 Helfer der Bergwachten Bayrischzell, Schliersee, Hausham und München, zwei Alpinpolizisten und zwei Ärzte, mussten mit der Taubensteinbahn auf den Berg fahren und mit den Skiern zur Unglücksstelle fahren oder mit Skiern aufsteigen. Nach dem Einsatz vor Ort transportierte die Bergwacht die Patienten mit Akjas und einer Pistenraupe nach Geitau. Doch die Münchnerin verstarb noch auf dem Weg ins Tal. Der Mann kam ins Krankenhaus Agatharied, wurde aber nach einer Untersuchung wieder entlassen.

Kripo Rosenheim ermittelt

Zum Todesfall ermittelt nun die Kripo in Rosenheim. Die beiden Tourengeher waren offenbar beim Aufstieg von der Krottenthaleralm zum Taubensteinhaus. Dabei kamen sie auch an der Bayerländer Hütte an der Ostseite des Rauhkopfs (1689 Meter) vorbei, die dem Alpenverein gehört. Bernd P. sieht die Tourengeher noch am Fenster vorbeimarschieren. Es herrscht Lawinenwarnstufe drei. Bei der Route, die das Paar wählte, soll es sich um einen extrem steilen Weg handeln. In rund 1400 Metern Höhe lösten sie dann das rund 200 Meter breite Schneebrett aus.

Seit Tagen warnt der Lawinenwarndienst vor erheblicher Gefahr in den Alpen. Auch im Taubensteingebiet ist die Lage kritisch. „Aufgrund der starken Windverfrachtungen der Neuschneefälle in den letzten Tagen haben sich in den ostseitigen Rinnen und Hanglagen erhebliche Schneemengen aufgebaut“, sagen Rudi Wuttig und Günter Riedl, Bereitschaftsleiter aus Bayrischzell und Schliersee, „Tourengeher sollten in diesen Bereichen auch weiterhin erhöhte Vorsicht walten lassen.“

Auch in Österreich gingen am Wochenende Lawinen ab. Dabei hatten zwei bayerische Tourengeher am Samstagmittag Glück im Unglück: Sie überlebten ein Schneebrett fast unverletzt. Ein Münchner (39) und ein Erlanger (40) hatten sich in der Wattener Lizum (Tirol) im Nebel verirrt und kehrten um, als die Schneedecke abglitt. Der Münchner wurde 80 Meter mitgerissen, konnte sich aber selbst befreien. Er verletzte sich an den Beinen. Der Erlanger war nicht von der Lawine erfasst worden.

Von Nina Gut

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