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Feinarbeit am Hanomag R16: Mit Liebe zum Detail schraubten demenzkranke Senioren im Chiemgau monatelang an einem alten Traktor herum – so lange, bis das gute Stück wieder fahrbereit war.

Projekt mit Demenzkranken

Die Schrauber von Bad Endorf

Bad Endorf – Im Bad Endorfer Katharinenheim restaurierten demenzkranke Senioren einen alten Traktor. Ein einmaliges Projekt, das für einen würdevollen Umgang mit Alter und Demenz wirbt.

„Damals“, sagt Herr K., „habe ich ja schon einen alten 600er Mercedes Benz restauriert, in München Harras, in der Werkstatt eines Ungarn.“ Herr K. sitzt mit schulterlangen, grauen Haaren auf einem Anhänger, den er und vier weitere betagte Herren gerade langsam und ein wenig mühsam über einen wackeligen Schemel bestiegen haben. Die Sonne scheint, und wenn vorne der alte Hanomag R16 schwarze Abgasschwaden aus dem Auspuff stößt und das Getriebe kracht, dann glänzen seine Augen. Lässig lehnt er sich zurück und genießt die warme Luft und die sanfte hügelige Landschaft auf dem Weg von Bad Endorf nach Höslwang.

Herr K. kann zufrieden sein. Denn, dass der alte Traktor wieder fährt, dazu hat er beigetragen. Er und sechs weitere Senioren, einst Landwirte, Gärtner oder Landmaschinenmechaniker, haben seit November 2011 die Maschine auseinandergenommen. Sie haben die Einzelteile gereinigt, teils neu verchromt, kleinere Teile lackiert und am Ende in der Hausmeisterwerkstatt des Endorfer Katharinenheims alles wieder zusammengesetzt. Der Traktor, den ein Landwirt aus der Nachbarschaft seit gut 20 Jahren in einer alten Scheune verrosten ließ, ist jetzt eine verschrobene Schönheit: blaues Blech, knallrote Reifen, lackschwarzes Lenkrad und ein sattes, glucksendes Puffen.

In deutschen Altenheimen wird viel gebastelt. Es wird gebacken, genäht und gemalt. Aber das alte Leben, die alten sozialen Kontakte, die Vereinsmitgliedschaften, enden oft mit dem Umzug ins Heim. Und an diesem Punkt wird das Endorfer Traktorprojekt zu etwas Besonderem. Es ist ein Leuchtturmprojekt, das die Möglichkeiten eines würdevollen Umgangs mit demenzkranken Männern aufzeigen soll. Hinter dem Projekt steckt der Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie im nordrhein-westfälischen Neukirchen Vluyn, Dr. Udo Baer, und die Riederinger Gerontotherapeutin und Pflegemanagerin Rosemarie Bleil.

Bleil, selbst passionierte Motorradfahrerin und Oldtimer-Bastlerin, fand mit dem Höslwanger Oldtimerverein einen Partner, der bereit war, das Projekt ehrenamtlich zu leiten. Sie suchte Sponsoren und Unterstützer – heute trägt auch der bayerische Staat das Unternehmen mit. Und sie kümmerte sich um die Dokumentation: Der Filmemacher Frank Bergmann hat das Projekt von Anfang an begleitet. Bleil und Baer versuchen mit ihrer Arbeit dem Leben im Alter, vor allem aber dem Leben mit Demenz, mehr Würde zu verleihen. „Viele Pflegedienstleitungen“, weiß Rosemarie Bleil, „jonglieren mit Personalschlüsseln, Bettenzahlen und Auslastungsquoten.“ Die Frage, ob hinter all den Zahlenkolonnen Menschen ein eigenes Leben, ein gutes Leben führen können, werde fast zur Nebensache. „Wem täglich klargemacht wird, was er nicht mehr kann, der zieht sich immer weiter aus dem alltäglichen Leben zurück“, warnt Dr. Baer. Gerade ein Demenzkranker brauche Herausforderungen des alltäglichen Lebens. „Mit diesen alltäglichen Herausforderungen tun sich viele Heimträger jedoch noch schwer.“

Demenz werde heute zu sehr von der kognitiven Seite her erklärt, als Vergessen von Fakten, von Daten, von räumlicher Orientierung. „Dabei gibt es neben diesem kognitiven Gedächtnis noch andere Formen des Erinnerns, sinnliches Erinnern über Gerüche, Bilder, Farben. Oder über Emotionales wie durch menschliche Zuwendung, durch Zuhören und dergleichen.“ Weit besser als mit Gedächtnistraining erreiche man Demenzkranke mit emotionalen Ereignissen. In Endorf bastelten die dementen Alten zwei Mal die Woche an ihrem Traktor.

Wenn auch einige Teilnehmer aus dem Katharinenheim nur mehr schwer die einzelnen Wochentage auseinanderhalten konnten, Mittwoch und Samstag saßen sie pünktlich im Foyer und warteten darauf, an ihrem Hanomag weiterarbeiten zu dürfen. Auch alte Menschen, die nicht im Heim wohnen, fanden den Weg in die Werkstatt. Frau P. etwa, die mit ihrem Mann in Endorf lebt, ist begeistert über das Angebot: „Mein Mann hat dort neuen Lebensmut gefasst.“ Parkinson und Demenz ließen ihn sich immer weiter zurückziehen. Jetzt konnte er eine Leidenschaft ausleben, die seine Frau zuletzt fast in den Wahnsinn trieb: „Mein Mann war Zeit seines Lebens ein begeisterter Bastler. Doch mit fortschreitender Krankheit musste ich alle Wecker, alle Elektrogeräte wegräumen, wenn ich nicht wollte, dass die mein Mann auseinandernimmt, ohne sie wieder instandzusetzen.“

Auch wenn sich der Geschäftsführer des Katharinenheims wünscht, das erfolgreiche Angebot solle weitergehen, zeigt sich doch, dass das ehrenamtliche Engagement des Höslwanger Oldtimervereins nicht überstrapaziert werden kann. Die Mitglieder hatten die fachliche und technische Betreuung der Endorfer Bastelgruppe übernommen – wenn auch immer eine Pflegekraft aus dem Heim in der Werkstatt anwesend war. „Wir brauchen jetzt erst einmal eine Pause“, sagt der Kassier des Vereins, Hans Lauber.

Der Traktor ist mittlerweile für gutes Geld verkauft, doch das Projekt könnte an anderer Stelle weitergehen. Rosemarie Bleil plant eine Demenzwerkstatt in Endorf. Eine feste Einrichtung, in der Männer wohnen und auch arbeiten können. „Es gibt ja den Trend, Demente in sogenannten Demenzdörfern verschwinden zu lassen“, sagt Rosemarie Bleil. Dabei, so ist sie überzeugt, wäre der andere Weg der richtigere, diese Menschen wieder in die Dörfer einziehen zu lassen.

Martin Both

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