Das schreckliche Brüder-Paar schweigt

Augsburg - Sie planten einen Raubüberfall, doch Mathias Vieth und seine Kollegin störten die Brüder dabei – deshalb musste der Polizist sterben. Rudi R., der 1975 einen Beamten erschoss, und sein Bruder Raimund, schweigen aber eisern zur Tat.

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Polizeihauptmeister Mathias Vieth muss auf dem Weg zur Arbeit hunderte Male an dieser Säule im Eingang des Augsburger Präsidiums vorbeigegangen sein. Darauf, in Stein gemeißelt, die Namen von erschossenen Polizisten. Vielleicht hat er manchmal an die Gefahren seines Berufs gedacht. Dass er, der 41 Jahre alte Familienvater, einmal von demselben Täter ermordet wird, wie vor 36 Jahren sein Kollege Dieter Kraus – er konnte es nicht ahnen.

Seit Donnerstagmittag sitzen sein mutmaßlicher Mörder, Rudi R., und der Mittäter in Haft. Nach bisherigem Ermittlungsstand haben die zwei Brüder den Polizisten in der Nacht vom 28. Oktober 2011 kaltblütig erschossen.

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Was sind das für Menschen? Staatsanwaltschaft und Polizei gaben am Freitag in Augsburg erste Details bekannt. So kamen Rudi R. und Bruder Raimund, heute sind die beiden 56 und 58 Jahre alt, 1965 mit ihren Eltern aus Polen nach Augsburg. Rudi R. war erst 19 Jahre alt und wegen einiger Eigentumsdelikte vorbestraft, als er seinen ersten Mord beging – die Parallelen zu der Tat, bei der Vieth ums Leben kam, sind erschreckend.

Mit einem Komplizen überfällt R. in einer März-Nacht 1975 die Landsberger Ritter-von-Leeb-Kaserne, schwerbewaffnet erpressen sie von dem wachhabenden Soldaten die Dienstpistole und türmen in einem BMW. Noch bevor die Großfahndung rausgeht, fällt dieses Auto auf einer Augsburger Raststätte einer Polizeistreife auf – mit dabei der Beamte Dieter Kraus. Er parkt, steigt aus und wird niedergeschossen, Rudi R. feuert mit einem Revolver Magnum aus dem Gebüsch. Kraus, 31 Jahre alt, ist sofort tot.

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R. wird zu lebenslanger Haft verurteilt, doch nach 19 Jahren darf er auf Bewährung raus. Wieder fällt er auf. In einem Laden in Augsburg tauscht er die Etiketten von Sektflaschen, er will beim Preis schummeln. Seine Bewährung wird verlängert, bis März 2000. Rudi R. aber ist nicht bekehrbar: Im Dezember 2003 klaut er wieder. Als ihn Detektive erwischen, attackiert er sie rücksichtslos mit einem Pfefferspray. „Dieser Mann hat eine ausgesprochen hohe Affinität zu Waffen“, sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz am Freitag.

Am 11. August 2006 wird R. abermals aus der Haft entlassen – ab jetzt muss er sich fünf Jahre lang bei seinem Bewährungshelfer melden, darf das Stadtgebiet Augsburg nur mit Genehmigung verlassen und keine Waffen besitzen. Blanker Hohn: Sogar bei einem Anti-Aggressionstraining macht er mit. Nur zweieinhalb Monate nach Ablauf der Frist, im Oktober dieses Jahres, schlägt der Arbeitslose wieder zu. Mit seinem älteren Bruder, der all die Jahre in der Nachbarstadt Friedberg wohnt und laut Staatsanwaltschaft Metzger in Rente, verheiratet und ein unbeschriebenes Blatt ist, plant er im Oktober 2011 einen Raubüberfall. Weil Vieth und seine Kollegin die beiden dabei stören, muss der 41-Jährige sterben, die Beamtin wird an der Hüfte angeschossen.

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Offenbar horten die Brüder seit Jahren ganze Waffenarsenale in mindestens zwei Bunkern, einer davon ist in Kissing, einer auf dem schäbigen Anwesen eines Onkels in Friedberg. Mit mindestens drei Waffen, so Oberstaatsanwalt Nemetz, treffen sich die beiden in der Nacht des 28. Oktober am Kuhsee. Wochen zuvor haben sie in Ingolstadt ein Motorrad, in Schwabmünchen ein Kennzeichen dafür geklaut. Einer der beiden fährt jedoch mit einem Mercedes zum Treffpunkt – und das wird dem Brüderpaar zum Verhängnis.

Soko-Chef Bayerl gestern vor einer Übersicht der sichergestellten Waffen.

Polizisten, die kurz nach dem tödlichen Schusswechsel an den Tatort kommen, fällt das etwa 100 Meter davon entfernt geparkte Auto auf. Obwohl die Nacht kalt ist, ist die Motorhaube warm. Weil der Mercedes auf einen Münchner Geschäftsmann zugelassen ist, ist er zunächst keine heiße Spur. Doch vor drei Wochen stößt ein Beamter der Sonderkommission „Spickel“ in den Akten auf einen merkwürdigen Zusammenhang. Der Münchner ist mit dem Polizistenmörder Rudi R. verwandt – und auf ihn gab es aus der Bevölkerung einige Hinweise: „Schaut’s euch den mal an“, sagen die Leute.

Die Ermittler starten eine aufwändige, aber höchst diskrete Überwachung. Gerade Rudi R. hat Erfahrung mit Polizeiaktionen, er würde jede Auffälligkeit bemerken. Die Brüder, so berichtet Soko-Chef Klaus Bayerl, verhalten sich „konspirativ, so, wie es nur Schwerverbrecher tun, wenn sie eine Tat planen“. Weil die Ermittler fürchten, dass die mutmaßlichen Mörder den Plan mit dem Raubüberfall jetzt vollenden wollen, schlagen sie am Donnerstag zu. Rudi R. wird in dem Mercedes seines Verwandten an einer Ampel geschnappt. Das Auto fährt er seit Jahren, um nicht ständig kontrolliert zu werden. Sein Bruder wird daheim in Friedberg verhaftet.

Gestern Vormittag, 11 Uhr, fahren zwei graue Busse vor das Amtsgericht Augsburg : Rudi R. und sein Bruder werden einem Richter vorgeführt, der den Haftbefehl erneuert. Bislang schweigen die beiden eisern, doch die Ermittler haben einen weiteren Trumpf in der Hand: Die DNA-Spur, die an einer am Tatort zurückgelassenen Waffe gesichert wurde, passt zu Raimund R.

Kommt es zur Mord-Anklage, muss der 58-Jährige laut Staatsanwaltschaft lebenslang in Haft. Dem 56 Jahre alte Rudi R. droht Sicherungsverwahrung, er wird das Gefängnis wahrscheinlich nicht mehr verlassen. Diesmal nicht.

Carina Lechner

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