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Nie mehr Tintenkleckse: Schülerin Ann-Katrin Reuter sitzt in ihrem Klassenzimmer vor ihrem Laptop, das an eine Dockingstation im Tisch angeschlossen ist. Das Internat bei Rosenheim ist Deutschlands erste papierlose Schule.

Die Schule, die das Papier verbannt

Neubeuern - Auf Schloss Neubeuern haben Hefte und Bücher ausgedient. Deutschlands erste papierlose Schule setzt von der 9. Klasse an auf modernste Kommunikation.

Keine Tafel, keine Kreide, keine Hefte, keine Bücher, stattdessen futuristisch anmutende Schreibtische mit Dockingstation für den PC. Das Klassenzimmer der Zukunft ist an der privaten Internatsschule Schloss Neubeuern längst Realität. In Deutschlands erstem papierlosen Gymnasium – zumindest drückt sich die Schulleitung diesen Stempel auf – verzichten Lehrer und Schüler von der 9. Klasse an vollständig auf Tinte und Papier. Aus einem zweijährigen Versuch ist gelebter Schulalltag geworden.

Große weite Welt im kleinem oberbayerischen Ort am Alpenrand: Rund 200 Jugendliche aus Mexiko, Russland, Korea oder China besuchen die Internatsschule nahe Rosenheim. Schulkleidung ist Pflicht. Wer sein Kind dorthin schickt, braucht Geld. Allein die Internatsgebühr beträgt gut 2500 Euro im Monat, Kaution und Aufnahmegebühr kommen hinzu. Modernste Technologie ist hingegen inklusive. Ein Tablet-PC ersetzt Hefte und Bücher. Zusätzlich zur Tastatur hat der Laptop eine Schreibfläche auf einem Touch-Display, auf der die Schüler mit einem Stift elektronisch mit der Hand schreiben. Alle Unterrichtsmaterialien, aber auch Termine, Tests, Noten, Hausaufgaben werden von Schülern und Lehrern am PC bearbeitet. Die Software erkennt dabei die jeweilige Handschrift des Schülers.

In den kahl eingerichteten Klassenzimmern stehen eigens entworfene, ergonomische Tische mit Docking-Stationen, Beamer werfen Tafelbilder an die Wand. Bearbeitete Dateien werden vom Lehrer digital eingesammelt. „Es entsteht so eine völlig neue, interaktive Lernumgebung, die die Abkehr vom klassischen Frontalunterricht bedeutet“, sagt Schulchef Jörg Müller. Zudem können Schüler sämtliche Anwendungen auch im Internat oder zu Hause nutzen und mit ihren Smartphones synchronisieren.

"Anfangs war es schwer"

„Es ist gut, dass man alles abspeichern kann und dadurch nichts verloren geht“, sagt die 14-jährige Alexandra Klein aus Mexiko. „Aber anfangs war es schwer. Ich musste mich erst daran gewöhnen.“ Auch für Nikita Aleshin aus Moskau überwiegen die Vorteile. „Man kann viel mehr gestalten. Der Unterricht ist interaktiv und der Lernstoff kann wesentlich verständlicher dargestellt werden“, meint der 17-Jährige aus der Klasse 9b. Fabiana Saggio, 15, schwört ebenfalls auf ihren PC. „Ich habe immer viel Wert auf gute Heftführung gelegt, also musste ich viel ausbessern oder neu schreiben“, sagt sie. „Das ist jetzt vorbei. Ich kann schreiben und Fehler einfach löschen. Das macht viel mehr Spaß.“

Für Therese Ansin, Klassenlehrerin der 9b, gibt es kein Zurück. „Ich möchte diese Form nicht mehr missen. Man hat immer alles dabei“, erläutert die 28-Jährige. „Und ich kann mal schnell ein Youtube-Video zeigen. Es gibt ganz viele Möglichkeiten für einen bunten und abwechslungsreichen Unterricht.“ Zu Beginn ging es Stiftungsvorstand Müller übrigens weniger um das „Weg vom Papier“, sondern die Frage: „Was können wir tun, um unseren Schülerinnen und Schülern einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen?“

Zweigeteilte Reaktion im Kultusministerium

Auch im bayerischen Kultusministerium ist der Ansatz aus Neubeuern bekannt. Die Reaktion fällt zweigeteilt aus: „Der Einsatz moderner Arbeitsweisen und Technologie kann die Qualität von Schule und Unterricht erhöhen“, heißt es. „Aber moderne Technik muss nicht grundsätzlich den Lernerfolg sowie die Unterrichtsqualität verbessern.“

Der Härtetest steht indessen noch noch aus: 2013 wollen sie in Neubeuern das erste Abitur ohne Papier schreiben.

Von Paul Winterer

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