Schulstart in Bayern: Neues Schuljahr - alte Probleme

München - Gymnasiasten gibt es zu viele, Lehrer nicht genug, von Ganztagsklassen ganz zu schweigen. Auch in diesem Schuljahr steht die bayerische Bildungspolitik vor Herausforderungen, die zum Großteil altbekannt sind.

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) zeigt sich aber zuversichtlich und betont in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa: "Wir werden in diesem Schuljahr einen großen Schritt machen." Die Hauptschule soll zu einer sogenannten Mittelschule weiterentwickelt werden, es soll mehr Lehrer geben, die Klassen sollen schrumpfen und Migranten sollen in Bayern bessere Chancen auf einen guten Schulabschluss bekommen.

Prominente Sitzenbleiber

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Der Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, zeigt sich allerdings skeptisch und hält dagegen: "Das bayerische Schulsystem produziert zu viele Verlierer und Versager." Problem Nummer eins: Weil immer mehr Schüler auf die Gymnasien drängen, warnt der BLLV vor einer Überlastung der Schulen und Qualitätsverlust. "Das Gymnasium ist inzwischen zur Hauptschule -im Wortsinn - geworden", sagt Wenzel. Schon jetzt seien die Lehrer an Gymnasien völlig überlastet und die Klassen viel zu groß.

Das gilt allerdings nicht nur für das Gymnasium. Seit Jahren werden an allen Schulen in Bayern zu große Klassen bemängelt, zu wenig Lehrer und zu viel Unterrichtsausfall. Wenzel prognostiziert, dass in diesem Schuljahr bayernweit rund 6000 Lehrer fehlen werden -Tendenz steigend. Minister Spaenle räumte ein, dass die Versorgung nur mit großer Kraftanstrengung gewährleistet werden kann - trotz knapp 1500 neuer Lehrer. An den Gymnasien sei es nach wie vor schwierig, genügend Lehrer für Mathematik, Naturwissenschaften und alte Sprachen zu finden.

"Wir haben da ein strukturelles Problem", sagt der Kultusminister. Die Konkurrenz der Arbeitgeber auf dem freien Markt, die sich um einen Physiker oder Mathematiker reißen, sei einfach zu groß. "Wir haben da ganz klar eine Lücke."

Unter dem Ansturm auf das Gymnasium leiden nach Einschätzung des Landesverbandes Bayerischer Schulpsychologen (LBSP) aber nicht nur Lehrer, sondern vor allem viele Schüler. "Wer nicht den Weg auf das Gymnasium schafft - meinen viele Eltern - hat schon verloren", sagt der LBSP-Vorsitzende Hans-Jonas Röthlein. BLLV-Chef Wenzel sagt: "Die Grundschule wird verstanden als Rennstrecke, um Anlauf zu holen für den Sprung ins Gymnasium."

Viele Kinder würden psychisch krank und müssten schon in der Grundschule therapeutisch behandelt werden. Sozialdemokraten und Grüne und auch der CSU-Koalitionspartner FDP fordern deshalb eine längere gemeinsame Schulzeit von mindestens sechs Jahren - die CSU lehnt das ab. "Meine Antwort darauf ist eine flexible Grundschulzeit", sagt Spaenle. In einem Modellversuch an ausgesuchten Schulen sollen Schüler sich so lange Zeit für die Grundschule nehmen, wie sie brauchen. "Wenn es einer in drei Jahren schafft, dann soll er es in drei Jahren machen, bei den meisten werden es weiterhin vier Jahre sein. Aber wenn einer ein Jahr länger braucht, soll das Kind diesen Weg ein Jahr länger gehen können."

Als Wurzel allen Übels gilt bei SPD und Grünen das gegliederte Schulsystem. Die Hauptschule sei - als "Resteschule" gebrandmarkt -für viele Eltern und ihre Kinder heute einfach keine Option mehr. Spaenle will das ändern. Hauptschulen sollen zu "Mittelschulen" aufgewertet werden. "Was die Hauptschule kann, kann nur die Hauptschule", betont er. Schüler bräuchten Wahlmöglichkeiten, die drei weiterführenden Schulformen müssten miteinander konkurrieren.

Trotzdem legen Zahlen des Ministeriums nahe, dass es die Hauptschule - auch wenn sie dann Mittelschule heißt - schwer haben könnte. Nach der Schüler- und Absolventenprognose 2009 werden künftig immer weniger bayerische Schüler eine Hauptschule besuchen - im Jahr 2020 nur noch etwa 180.000. Im vergangenen Schuljahr waren es noch 240.000. Ein Grund ist die demografische Entwicklung. Allerdings sinken die Schülerzahlen der anderen Schulformen deutlich langsamer.

Doch nicht nur an weiterführenden Schulen gibt es Schwierigkeiten. Die Eltern von Grundschülern in München gingen schon vor Beginn dieses Schuljahres auf die Barrikaden, weil es für die Erstklässler am Nachmittag nicht genügend Betreuungsplätze gab und der Übergang vom Kindergarten in die Schule so zur Belastungsprobe für unzählige Familien wurde. Spaenle verspricht Verbesserungen: In diesem Jahr soll es an 200 zusätzlichen Schulen neue Ganztagszüge geben.

Von Britta Schultejans

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