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Kot, Urin, Erbrochenes: Ex-Mitarbeiter schildern schlimme Zustände in Heim - jetzt werden Bewohner evakuiert

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Von: Katarina Amtmann, Cornelia Schramm

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Mehr Auszubildende für Pflegeberufe
In einem Augsburger Heim soll es schwere Missstände geben (Symbolbild). © Bodo Marks/dpa/dpa-Bildfunk

Ex-Mitarbeiter schildern schreckliche Zustände in einem Augsburger Heim und berichten von Vertuschungsversuchen. Der Träger ist der gleiche wie bei der Seniorenresidenz Schliersee.

Update vom 17. Februar, 18.42 Uhr: Nachdem am Mittwoch 17 Bewohner aus dem Augsburger Seniorenheim Ebnerstraße wegen eines Corona-Ausbruchs verlegt worden sind, wurden am Donnerstag zehn weitere Menschen auf mehrere städtische sowie ein nicht-städtisches Pflegeheim im Umland verteilt. Krankentransporter, Zivilpolizei und Sanitäter in Schutzkleidung waren im Einsatz. Auch am Donnerstagabend standen noch Krankenwagen für den Transport vor der Einrichtung.

„Für uns handelt es sich nicht um eine Evakuierung der Bewohner, sondern um eine Verlegung“, heißt es von der Stadt. „Grund dafür ist, dass mehr als die Hälfte des Pflegepersonals mit Corona infiziert ist, sodass dieses nicht mehr in ausreichender Zahl vor Ort sein kann.“ Zudem ist die Hälfte der rund 60 verbleibenden Bewohner infiziert, so Amtsarzt Doktor Thomas Wibmer. Bei seinen Besuchen in der Einrichtung habe er teils sehr rüstige, teils sehr hilfebedürftige Menschen angetroffen. Eine Person habe ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Die bei der Stadt angesiedelte Heimaufsicht hatte am Mittwoch angeordnet, zuerst die Bewohner mit der höchsten Pflegebedürftigkeit zu verlegen. „Die Verlegungen gehen aber weiter“, kündigte die Stadt jetzt an.

Seniorenheim Ebnerstraße Augsburg
Seniorenheim Ebnerstraße Augsburg.jpg © Mateusz Roik


Als Gesundheits- und Sozialreferat am Donnerstag keine ausgebildeten Pflegekräfte mehr, sondern nur noch Hilfskräfte im Heim vorfanden, hat die Städtische Altenhilfe vor Ort eine Notbetreuung eingerichtet. Die ist allerdings auf zwei Tage befristet. Stellt der Betreiber bis dahin die Pflege nicht sicher, sei die Schließung unumgänglich. „Die Heimplätze, die die Senioren nun bekommen haben, sind nicht provisorisch“, heißt es von der Stadt. Sie müssen nicht zurück in die Ebnerstraße. Die Angehörigen könnten aber auch andere Heime für sie suchen. Bis zum Zeitpunkt der Verlegung lebten insgesamt 86 Menschen in dem Heim.

Erst im Herbst vergangenen Jahres waren 16 Bewohner aus dem Skandal-Heim in Schliersee (Kreis Miesbach) nach Augsburg verlegt worden. Beide Heime haben denselben Träger – und hatten auch einen ähnlich schlechten Ruf. Die Schlierseer Seniorenresidenz wurde im September geschlossen. Auch für das Augsburger Heim steht eine Schließung im Raum. Laut Stadt sei das aber nur die letzte Konsequenz. CORNELIA SCHRAMM

Augsburg: Pflegeheimbetreiber fordert sieben Hilfskräfte aus Italien an

Update vom 11. Februar, 20.04 Uhr: Nachdem in einem Augsburger Pflegeheim eklatante Missstände ans Licht gekommen sind, äußert sich Reiner Erben vom Gesundheitsreferent der Stadt, das für die Heimkontrollen zuständig ist. „In dem Heim gibt es zu wenig Personal: Sieben Pflegekräfte wurden deshalb gestern von Italien hergebracht.“ Auf Anordnung der Heimaufsicht musste der Betreiber, der zu dem Konzern Sereni Orizzonti gehört, diese Kräfte schnell bereitstellen. Erben vermutet, dass es sich um Hilfspersonal handelt. Dieses wäre nicht befugt, Bewohnern Medikamente zu geben oder Wunden zu versorgen. „Ein kritischer Punkt“, sagt Erben. „Daher kontrollierte die Heimaufsicht gestern bereits, wie die neuen Mitarbeiter ausgebildet sind und eingesetzt werden.“

Trotz der akuten Pflegemängel, die es in der Einrichtung gibt, wird der Betrieb aufrecht erhalten. „Die Schließung wäre letztes Mittel“, sagt Erben. Dafür müsse die Heimaufsicht ohnehin schrittweise und über das Verhängen von Bußgeldern vorgehen. Die Fälle, die ans Licht gekommen sind, findet Erben dramatisch. „Bei uns sind aber nicht ohne Ende Meldungen eingegangen“, sagt er. „Bei Beschwerden hat die Heimaufsicht ihre Kontrollfunktion jedes Mal erfüllt. Gemeldete Missstände, etwa ein defekter oder verschmutzter Toilettenstuhl, wurden behoben.“ Seit Februar vorigen Jahres würde das Heim engmaschig kontrolliert, betont er. Mehrere Mitarbeiter der Heimaufsicht stehen mit dem Heim wöchentlich in Kontakt. „Wir haben trotzdem vorsorglich schon Kontakt zu anderen Pflegeeinrichtungen im Umkreis aufgenommen“, sagt Erben. CORNELIA SCHRAMM

Pflegeheimskandal: Ermittlung wegen Verdachts auf Abrechnungsbetrug

Update vom 10. Februar, 14.52 Uhr: Die Ermittlungen zu der wegen gravierender Pflegemissstände geschlossenen Seniorenresidenz im oberbayerischen Schliersee werden wohl noch eine ganze Weile dauern. „Die sind umfangreich und schwierig, deshalb ist der Zeitpunkt des Abschlusses der Ermittlungen nicht absehbar“, sagte ein Sprecher der Bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen am Donnerstag.

Die Nürnberger Behörde ermittelt wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug. Das klingt erstmal bürokratisch, doch hinter Abrechnungsbetrug kann beispielsweise auch stecken, dass Leistungen abgerechnet wurden, für die gar nicht genügend Pflegekräfte angestellt waren (siehe Erstmeldung). „Dann hängt das mit einer etwaigen Unterversorgung zusammen“, erläuterte der Sprecher.

Update vom 10. Februar: Nach einem Medienbericht über gravierende Missstände in einem Augsburger Pflegeheim hat die Staatsanwaltschaft ein Vorprüfungsverfahren eingeleitet. Die bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen, die den Träger des Heimes ohnehin im Visier hat, prüft nun auch die jüngsten Vorwürfe, wie ein Sprecher am Donnerstag in Nürnberg bestätigte. Dies sei aber nicht zu verwechseln mit einem formalen Ermittlungsverfahren, sondern eine Art Vorstufe davon.

In Augsburg selbst ist die Staatsanwaltschaft noch nicht aktiv, denn Pflegemängel fallen zunächst einmal in die Zuständigkeit der Heimaufsicht. „Wir können erst tätig werden, wenn wir einen Auftrag bekommen im Sinne von Strafanzeigen. Es müssten Heimbewohner, Angehörige oder sonst jemand Strafanzeigen erstatten, dass Straftaten zum Nachteil von Patienten passiert sind“, erläuterte ein Sprecher.

Kot, Urin, Erbrochenes: Ex-Mitarbeiter schildern schlimme Zustände in Heim

Erstmeldung vom 9. Februar, 9.14 Uhr: Augsburg - Vor vier Monaten wurde die Seniorenresidenz Schliersee geschlossen*. Nun sollen Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) zeigen: Auch im Augsburger Heim des Trägers gibt es Pflegemängel. Die Rede ist von unversorgten Wunden, falschen Medikamenten, zu wenig Nahrung und Gewalt.

Nach Seniorenresidenz Schliersee: Missstände auch in Augsburger Heim - „Das war ein Gefängnis“

„Albtraum“ ist demnach der erste Gedanke, den Nico, ein ehemaliger Pflegehelfer im Seniorenheim Ebnerstraße, hat, wenn er daran denkt. Nach Berichten über die Seniorenresidenz Schliersee hat er sich an BR-Recherche gewandt, heißt es. Denn: Beide Heime haben denselben Träger - und nach den Schilderungen des ehemaligen Pflegehelfers auch die gleichen Probleme*. So hätten die Bewohner in Augsburg* meist Hunger gehabt, weil es zu wenig Essen gab. „Das war einfach kein Altenheim, das war ein Gefängnis“, erzählt er dem BR. Eigentlich heißt Nico anders. Der Pflegehelfer ist einer von 14 ehemaligen Mitarbeitern des Heims, mit denen Reporterinnen des BR gesprochen haben. Alle wollen anonym bleiben, sie haben Angst. Alle berichten von vergleichbaren, schweren Missständen - von denen auch die Behörden wissen.

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Augsburger Pflegeheim: Zu wenig Essen, Bewohner ungewaschen, Mängel bei Medikamenten

So kam der Medizinische Dienst (MD Bayern) im Oktober 2021 ungekündigt in das Augsburger Heim. Neun Bewohner seien von den Prüfern für eine Stichprobe ausgewählt worden. Das Fazit: Sie bekamen zum Teil zu wenig Essen, einige waren ungepflegt und nicht gewaschen. Defizite gab es demnach auch bei den Medikamenten. Die Rede ist von falschen oder fehlenden Medikamenten. Bei einem Senior entdeckten sie eine unversorgte Wunde, ein weiterer hatte Schwellungen an den Beinen und verfärbte Füße. Dem BR liegt das nicht öffentliche Protokoll eigenen Angaben zufolge vor.

Im Januar soll sich dann sogar eine drastische Verschlechterung gezeigt haben: Erneut habe der medizinische Dienst das Heim überprüft. Wie der BR berichtet, gab es 22 sogenannte D-Bewertungen, also „Defizite mit eingetretenen negativen Folgen für die versorgte Person“ - im Oktober hatte der Wert bei zwölf gelegen. Protokolliert wurden unter anderem Mängel bei der Medikamentenversorgung.

Bayern: Erhebliche Mängel in zahlreichen Altenheimen

„Sie saß nackt auf ihrem Rollator, tot. Überall war Toilettenpapier, überall Durchfall, Urin, Erbrochenes“

Mehrere ehemalige Mitarbeiter berichten gegenüber dem BR auch von vertuschten Pflegefehlern. „Sie saß nackt auf ihrem Rollator, tot. Überall war Toilettenpapier, überall Durchfall, Urin, Erbrochenes“, erzählt Nico. Die Seniorin war am Rotavirus erkrankt. Der ehemalige Pflegehelfer und weitere Ex-Kollegen schildern unabhängig voneinander, dass es die Anweisung gab, den Körper zu säubern und ins Bett zu legen.

In einem weiteren Fall soll die Wunde eines Seniors nicht versorgt worden sein. Daraufhin hätten sich Maden gebildet, das Bein musste amputiert werden. Auch hier soll es laut den Schilderungen die Anweisung gegeben haben, das Zimmer des Mannes zu reinigen und zu schweigen. Solche Vorfälle bestreitet das Heim auf Anfrage des BR und weist massive Pflegemängel von sich. Die geschilderten Vorfälle seien nicht bekannt. Das Wohl der Bewohner habe „absolut höchste Priorität“. Das Personal arbeite „gewissenhaft“, zitiert das Portal.

Pflege-Skandal in Augsburg? „Alarmglocken hätten angehen müssen“

Für Professorin Martina Hasseler (Ostfalia Hochschule) sind die Schilderungen ein Beleg dafür, dass die Pflege in dem Augsburger Heim „schlecht, gefährlich und vernachlässigend“ war. Außerdem kritisiert die Pflegewissenschaftlerin die Behörden. Da die Missstände in Schliersee bekannt gewesen sein, hätten sie eingreifen müssen. „Bei diesem Prüfergebnis hätten sofort alle Alarmglocken des Medizinischen Dienstes angehen müssen, und auch der Heimaufsicht. Ihnen hätte sofort bewusst sein müssen, dass Schliersee II droht und sie hätten mehr Druck auf die Einrichtung ausüben müssen. Das ist nicht geschehen“, so die Kritik.

Wie der BR berichtet, sind 20 ehemalige Bewohner des Heims in Schlieersee in die Augsburger Einrichtung gezogen. Der Träger hatte demnach mit Rabatten geworben. Auch das Personal sei teils identisch: Der aktuelle Heimleiter sei über mehrere Monate für die Residenz in Schliersee verantwortlich gewesen.

Seit Mai 2021 werde das Heim in Augsburg laut Fachstelle Pflege- und Behinderteneinrichtungen - Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA) intensiv mit Beratungen begleitet. Wie oft Kontrollen stattfinden, verrät die Stadt Augsburg nicht und verweist stattdessen auf ungekündigte Kontrollbesuche. Doch ehemalige Mitarbeiter berichten, dass die Heimleitung vorher wusste, wann die Besuche stattfinden - wie im Schlierseer Heim.

Missstände in Augsburger Heim: Pflegewissenschaftlerin fordert Konsequenzen

Die Regierung von Schwaben bestätigte auf BR-Anfrage die Missstände in dem Augsburger Heim. Sie seien bekannt, die Heimaufsicht sei aber zuständig. Das bayerische Gesundheitsministerium als oberste Aufsichtsbehörde gibt an, dass man sich an den Prüfungen beteiligt habe: „Aufgrund der besonderen Situation, insbesondere der Aufnahme zahlreicher Bewohner aus der Einrichtung in Schliersee, war dies aus Sicht des Ministeriums geboten.“ Wie oft Ministeriumsmitarbeiter die Einrichtung besucht haben, geht aus der Antwort nicht hervor. Auch nicht, ob es Konsequenzen gab.

Martina Hasseler fordert in solchen Fällen aber deutlich schnellere Konsequenzen: „Was nützen uns diese Prüfsysteme, wenn sie nicht die Menschen schützen? Und hier sehe ich auch eine Verantwortung des Staates. Wenn sie davon erfahren, dass Menschen leiden und Schaden erfahren, dass sie dann intervenieren, um Menschen zu schützen“, sagte sie dem BR. (kam mit dpa) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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