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80 Jahre Füssener Bergwacht: Bergretter blicken auf bewegte Jahrzehnte zurück

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Von: Matthias Matz, Hubert Hunscheidt

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Bergretter und Helikopter sind während eines Sonnenuntergangs im Einsatz.
Einsatz auf dem Säuling: Seit 80 Jahren hilft die Füssener Bergwacht in Not geratenen Wanderern und Kletterern. © Bergwacht Füssen

Füssen – Für in Not geratene Bergsteiger am Tegelberg ist sie meist die letzte Rettung – die Füssener Bergwacht. Heuer feiert sie ihr 80-jähriges Bestehen. 

21 Jahre nach der Gründung der Bayerischen Bergwacht formierte sich 1941 auch in Füssen eine Gruppe Bergretter zur Bergwacht, die damit den bisherigen alpinen Rettungsdienst des DAV und den Gebirgsunfalldienst des BRK ablöste. Seitdem hat die Füssener Bergwacht während ihres 80-jährigen Bestehens bereits mehrfach Geschichte geschrieben. Ihre für kommenden Samstag, 13. November, vorgesehene Jubiläumsfeier müssen die Bergretter aufgrund der sich wieder verschärfenden Corona-Situation aber absagen.

Bereitschaftsarzt entwickelt Akia

Bereits kurz nach ihrer Gründung machten die Füssener Bergretter erstmals von sich reden: Dr. Fritz Rometsch, Bereitschaftsarzt aus Horn, entwickelte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Rettungsschlitten mit drei Kufen, ähnlich dem Rettungsschlitten, den die Gebirgstruppe der Deutschen Wehrmacht für den Transport von Verwundeten benutzte. Dort war Rometsch während des Krieges an der Hochgebirgsschule der Wehrmacht für das Rettungswesen zuständig.

1946 gab der Arzt aus Horn bei der Firma Dornier in Pfronten zwei solcher heute Akias genannten Schlitten in Auftrag, allerdings in Holzbauweise. Da Dornier aber keine Erfahrung im Holzbau hatte, dafür aber im Flugzeugbau, fertigte die Firma den Schlitten aus Aluminium. Der Akia erfuhr seitdem nur noch leichte Veränderungen und kommt noch heute im gesamten Alpenraum zum Einsatz.

Rometsch war es auch, der 1942 das Stahlseilgerät erfand, das unverändert über 70 Jahre vor allem für lange Abseilstrecken verwendet wurde. Darüber hinaus entwickelte er eine Kurztrage für den Verletztentransport, die heute noch immer verwendet wird.

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Füssener Bergretter war der Bau einer Einsatzhütte. 18 Bergwachtler errichteten das Gebäude 1956/57 in insgesamt 4000 Arbeitsstunden im Haupteinsatzgebiet Bleckenau. Schnell hatte die Unterkunft den Ruf als schönste Diensthütte im Allgäu weg.

Bergretter werden als Rettungsspringer ausgebildet

1965 wurde es wieder spannend: Da bereits Anfang der 1960er Jahre über den Einsatz von Hubschraubern in der Bergrettung nachgedacht worden war, wurden einige Füssener Bergwachtmänner zu Rettungsspringern ausgebildet. Da der schwach motorisierte Hubschrauber „Bristol Sycamore“ des britischen Herstellers Bristol Aeroplane Company mangels Leistung keinen Schwebeflug zustande brachte, mussten die Bergretter im Vorwärtsflug aus einigen Metern Höhe an ihrem Einsatzort abspringen. „Da hat‘s bei so manchem Kameraden blaue Flecken und ausgekugelte Schultergelenke gegeben“, erinnert sich der ehemalige Bereitschaftsleiter und heutige Chronist der Bergwacht, Heinz Hipp.

Die Fertigstellung der Bergbahn auf den Tegelberg im Jahr 1969 veränderte auch das Einsatzgeschehen der Füssener Bergwacht. Für die Wintermonate wurde ein Pistendienst organisiert und auch die Unfallschwerpunkte verlagerten sich während der Wandersaison auf das Tegelberggebiet. Wenige Jahre später stand mit der Einführung der „Bell UHI D“, einem Hubschrauber des amerikanischen Flugzeugherstellers Bell Flight, eine leistungsfähige Maschine mit Winde für die Rettungen zur Verfügung.

Frauen werden aktiv

Geschichte schrieb die Füssener Bergwacht dann wieder 1993, als sie die erste weibliche Bergretterin im gesamten Allgäu aufnahm. Zuvor hatten zwei Frauen aus Baden-Württemberg dafür geklagt, dass auch Frauen als aktive Mitglieder in die Bergwacht aufgenommen werden dürfen. „Von da an wurde die Mitgliedschaft von weiblichen Bergwacht-Mitgliedern immer selbstverständlicher, auch wenn die Männer heute noch weit in der Mehrzahl sind“, erinnert sich Bergwacht-Chronist Heinz Hipp.

Um den stetig und schnell steigenden Anforderungen an die Bergwacht gerecht zu werden, begann im Mai 2016 schließlich der Bau einer neuen Rettungswache am Füssener Krankenhaus. Im Herbst 2017 bezogen die Bergwachtler schließlich ihr neues und modernes Domizil am Lech.

48 Aktive engagieren sich in der Bereitschaft Füssen

Personell tat sich in all den Jahrzehnten trotz einer hohen Kontinuität an der Spitze ebenfalls so einiges: Nach 24 Jahren Bereitschaftsleitung übergab Valentin Nigg den Vorsitz 1977 an Heinz Hipp. Der heutige Chronist war es auch, der 1978 Funkmeldeempfänger, mit denen das Meldesystem entscheidend verbessert werden kann, anschaffen ließ. Dies war auch nötig, denn schon ein Jahr später kamen am Tegelberg die Hängegleiter in Mode, die wegen der noch unausgereiften Technik des Fluggerätes zu zahlreichen Einsätzen wegen tödlicher Flugunfällen führten.

Wiederum nach 24 Jahren stand 2001 erneut ein Wechsel an der Spitze der Füssener Bergrettung an: Heinz Hipp übertrug die Führung an Martin Steiner. Unter dessen Moderation entstanden dann die ersten Überlegungen über eine neue Bergrettungswache, die später auf dem Gelände des Füssener Krankenhauses gebaut wurde.

Jubiläumsfeier wird verschoben

Aktuell stehen 48 aktive Einsatzkräfte der Bereitschaft Füssen für die Aufteilung der Dienste zur Verfügung. 14 Anwärter befinden sich in Ausbildung und die Jugendgruppe umfasst 12 junge Mädchen und Jungs. Die Einsatzkräfte sind über das gesamte Dienstgebiet, welches vom Buchenberg bis zum Weißensee und von der österreichischen Landesgrenze bis hinter Lechbruck reicht, verstreut. Im Dienst sind immer fünf Bergretter an 24 Stunden, sieben Tage die Woche, was für die reine Dienstbereitschaft 43.800 Stunden pro Jahr bedeutet.

Die bewegte acht Jahrzehnte lange Geschichte der Füssener Bergwacht sollte eigentlich am kommenden Samstag, 13. November, gebührend im Schwangauer „Schlossbrauhaus“ gefeiert werden. Wegen der sich aktuellen Corona-Lage muss die Jubiläums-Feier allerdings verschoben werden. „Wir müssen einfach an unsere Vorbildfunktion und aber auch an unsere Dienstbereitschaft denken“, so Pressesprecher Markus Albrecht.

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