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Verheerendes Unwetter über Füssen: „Mit dieser Heftigkeit hat keiner gerechnet“

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Von: Matthias Matz, Katharina Knoll

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Unwetter in Füssen
Nach dem Unwetter steht die Rupprechtstraße in Füssen unter Wasser. © Matthias Matz

Füssen - Nach dem heftigen Unwetter vom Montag haben in Füssen die Aufräumarbeiten begonnen. Zwar wurde niemand verletzt, der Schaden geht aber in die Millionen.

Auch am Morgen nach dem großen Unwetter vom gestrigen Montagnachmittag und Abend kann von Ruhe für die Einsatzkräfte der Füssener Feuerwehr keine Rede sein. „Wir haben schon wieder drei Einsätze gehabt“, berichtet Feuerwehr-Kommandant Thomas Roth am Telefon. Viele Füssener hätten erst am Dienstag in der Früh festgestellt, dass auch ihr Keller voll Wasser stehe, erklärt er. Für seine Truppe bedeutet das: wieder ausrücken, wieder leer pumpen.

Unwetter über Füssen
Minutenlang prasselten am Montagnachmittag Hagelkörner vom Himmel über Füssen. © privat

Dabei waren die letzten der rund 200 Brandbekämpfer erst gegen ein Uhr in der Nacht von ihrem letzten Einsatz in den Stützpunkt in der Kemptener Straße zurück gekehrt. Insgesamt 161 Einsätze hatten sie bis dahin nach der ersten Alarmierung um 15.30 Uhr bewältigen müssen.

Zu diesem Zeitpunkt begann ein außergewöhnlich heftiges Unwetter, sich über Füssen und Schwangau zu entladen.

Fast eine dreiviertel Stunde lang tobten Starkregen, Hagel und heftige Windböen über dem Königswinkel. „Das Epizentrum waren Füssen und Schwangau“, berichtet Füssens Polizeichef Edmund Martin am Dienstagvormittag gegenüber dem Kreisboten.

Unwetter über Füssen
Da braut sich was zusammen: Am Nachmittag ziehen dunkle Wolken über den Königswinkel, ehe sie sich mit verheerender Wirkung entladen. © privat

Binnen kurzer Zeit gingen so viele Alarmierungen über die Leitstelle in Kempten ein, dass die Kreisbrandinspektion Ostallgäu eine sogenannte Abschnittsführungsstelle in der Füssener Feuerwache einrichtete, um die anfallenden Einsätze besser koordinieren zu können. Allein in der ersten Stunde seien die Wehren der Kernstadt und der Ortsteile zu 80 Einsätzen gerufen worden, berichtet Kommandant Roth.

Vor allem vollgelaufene Keller und Tiefgaragen mussten leer gepumpt werden. Wie viele genau es waren, müsse erst in den kommenden Tagen ausgewertet werden, so der Kommandant weiter. Polizeichef Martin konnte ebenfalls noch keine konkreten Zahlen nennen. Er geht aber von „vielen, vielen Kellern“ aus. Selbst der Keller der Polizeiinspektion sei nicht verschont geblieben.

Tatsächlich haben uns bereits am Montagabend unzählige Video- und Fotoaufnahmen von Lesern erreicht, die vollgelaufene Keller, Hausflure und Tiefgaragen überall im Stadtgebiet zeigen. Zu sehen sind diese und weitere Aufnahmen des Sturms auf unserer facebook-Seite.

Schaden geht in die Millionen

Noch gar nicht absehbar in diesem Zusammenhang ist die Höhe des entstandenen Schadens. Sowohl Bürgermeister Maximilian Eichstetter (CSU) als auch Martin gehen von deutlich über einer Million Euro aus. Denn zu den vollgelaufenen Kellern und Häusern kommen unter anderem auch noch unzählige Autos mit Hagelschaden und solche, die in den Tiefgaragen im Wasser standen.

Evakuieren musste die Wehr den Netto-Markt am Luitpoldkreisel, da dieser mit seinen Verkaufsräumen wie ein Keller unter der Oberfläche liegt. Ein weiterer Einsatz fand im Bundesstützpunkt in der Kemptener Straße statt, wo das Wasser drohte, in den Raum einzudringen, wo das Ammoniak für die Eisherstellung sich befindet. Vorsichtshalber wurde das Eisstadion deshalb vorübergehend vom Stromnetz genommen, wie Bürgermeister Eichstetter mitteilte.

Unwetter in Füssen
Hagel-Geschosse dieser Größe kamen minutenlang vom Himmel. © privat

Betroffen war auch der Kindergarten St. Gabriel im Füssener Westen, wo die Wassermassen ebenfalls in den Keller liefen. Bereits am heutigen Dienstag könne der Betrieb aber normal weiter gehen, so Eichstetter.

Bahnverkehr ist ebenfalls betroffen

Zu kämpfen mit dem Unwetter hatte auch der Bahnverkehr. So sind laut Polizeichef Martin die Signalanlagen an den Bahnübergängen bei Füssen, Hopfen und Hopferau ausgefallen. Hier sei die dafür zuständige Bundespolizei eingesprungen. Darüber hinaus sei bei Hopfen ein Autofahrer wegen des Wetters von der Straße abgekommen und in ein angrenzendes Feld gefahren.

Obwohl die Wetterdienste vor Unwettern gewarnt hatten, sind die Beteiligten überrascht von der Heftigkeit. „Wir wussten das etwas kommt, aber mit dieser Heftigkeit hat keiner gerechnet“, sagt Bürgermeister Eichstetter. Auch Polizeichef Martin gibt zu: Ein solches Unwetter habe der schon lange nicht mehr erlebt. „Mit einer solchen Konzentration haben wir nicht gerechnet.“ Feuerwehr-Kommandant Roth kann sich ebenfalls an keinen Einsatz dieser Größenordnung erinnern.

Unterdessen gibt es viel Lob für die Arbeit der Feuerwehr. Die habe „sehr koordiniert und professionell reagiert“, freut sich der Bürgermeister. Am Montag habe sich ausgezahlt, dass man eine solche Situation in der Vergangenheit schon einmal trainiert habe. „Genau dieses Szenario hatten wir schon mal geplant und geübt“, erklärt er. Auch Polizeichef Martin wolle den Feuerwehren und dem Ostallgäuer Kreisbrandrat Markus Barnsteiner „ein dickes Lob“ aussprechen, wie er sagt.

Begeistert ist Bürgermeister Eichstetter auch vom Zusammenhalt der Füssener. Einer helfe in dieser außergewöhnlichen Situation dem anderen – ob beim Aufräumen im Garten oder dem Leerpumpen vollgelaufener Keller. „Überall hat die Nachbarschaftshilfe ganz großartig funktioniert!“, betont er.

Pausenlos im Einsatz ist am Dienstag auch der städtische Bauhof. Dessen Mitarbeiter sind vor allem damit beschäftigt, Straßen und Wege von Unrat und Ästen zu säubern, die der Sturm dorthin geweht haben.

Es scheint alles glimpflich abgelaufen zu sein.“

Helmut Schauer, Leiter der Stadtwerke Füssen

Auch die Mitarbeiter der Stadtwerke Füssen fahren die Stadt ab, um ihre technische Anlagen zu überprüfen. „Es scheint alles glimpflich abgelaufen zu sein“, fasst Helmut Schauer, Leiter der Stadtwerke Füssen, die bisherigen Rückmeldungen zusammen. Bei den Anlagen der Wasserversorgung wie Pumpen und Hochbehälter sowie bei den Einrichtungen der Abwasserversorgung sei nichts passiert. „Es gibt keine Schäden zu vermelden.“

In der Sparkassen-Tiefgarage, am Übergang zum Einkaufszentrum Theresienhof, sei dagegen etwas Wasser eingedrungen. Auch auf der Morisse stand das Wasser. „Wir werden uns die Einsatzpunkte von der Feuerwehr geben lassen“, so Schauer. Zusammen mit dem städtischen Bauhof werden man dann besprechen, wo die neuralgischen Punkte lagen und was man in Zukunft dagegen tun könne.

Zu viel Regen auf einmal

Grundsätzlich sei am gestrigen Nachmittag aber einfach zu viel Regen auf einmal vom Himmel gefallen. „Ein normal ausgelegter Kanal kann das nicht aufnehmen“, erklärt der Werksleiter. Da sich solche Wetterphänomene aufgrund der Klimaveränderung wohl wiederholen werden, seien nun auch private Grundstücksbesitzer gefordert. „Spätestens jetzt sollte man die private Grundstücksentwässerung auf Vordermann bringen.“ Zudem gehöre alles, worüber Wasser ins Gebäude eindringen könne, regelmäßig gewartet und gereinigt. „Wir klären da auch regelmäßig auf“, so Schauer.

Rund um die Uhr im Einsatz war am gestrigen Montag auch die Freiwillige Feuerwehr Schwangau. „Los ging es um kurz vor 4 Uhr“, informiert Martin Schweiger, Erster Kommandant der Schwangauer Brandbekämpfer. Zu 20 Einsätzen im Dorf der Königsschlösser mussten die Einsatzkräfte ausrücken und sich vor allem um vollgelaufene Keller kümmern.

So stand das Wasser im Schwangauer Kindergarten einen Meter hoch. Auch in das Ticketcenter in Hohenschwangau, in die Kristalltherme, in den Gasthof am See sowie in zahlreichen Privathaushalten war Wasser eingedrungen und stand 15 bis 30 Zentimeter hoch. Aber: „Es gab keine Personenschäden, weder bei den Einsatzkräften noch bei den Betroffenen.“ Weil aber die 35 Einsatzkräfte der Schwangauer Wehr mit ihren fünf Fahrzeugen gar nicht alle Notrufe abarbeiten konnten, erhielten sie Unterstützung aus Trauchgau, Buching und Eisenberg.

Umgestürzte Bäume blockieren Straßen in Schwangau

„Gegen 18.30 Uhr gab es nochmal einen kurzen Sturm und Regen“, so Schweiger. Dieser wehte einige Bäume und Äste um. So lag in der sogenannten Bannwaldseekurve ein Baum quer über der Straße. Am Schlossbrauhaus blockierte große Äste und ein Baum die Straße. Nachdem die Feuerwehrler die Lage in Schwangau im Griff hatten, unterstützen sie ihre Kollegen in Füssen bis weit in die Nacht hinein.

In seinen fast 30 Jahren bei der Feuerwehr kann sich Schweiger nur an ein ähnlich schweres Gewitter erinnern, das damals über Trauchgau und Buching niederging. Platzregen habe es in den vergangenen Jahren immer wieder mal gegeben. Das gestrige Gewitter aber sei in seinem Umfang außergewöhnlich gewesen.

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