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75 Jahre Neugablonz: Ein Ort zum Leben für Alt und Jung

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Von: Ingrid Zasche

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Inge Fehrmann 2022
Inge Fehrmann heute. © Zasche

Kaufbeuren/Neugablonz – 2021 wurde die Erfolgsgeschichte des Vertriebenenorts Neugablonz 75 Jahre alt. Vom 9. bis 12. September soll das mit dem „Neugabiläum“ gebührend gefeiert werden.

Seit seinen Anfängen hat sich in Neugablonz viel verändert. Der Kreisbote lässt stellvertretend für die bunte Menschenvielfalt, die hier eine Heimat gefunden hat, acht ganz unterschiedliche Neugablonzer Bürger zu Wort kommen. Sie haben als Vertriebene oder aus beruflichen Gründen Neugablonz als Wohnort gewählt, sind hier aufgewachsen oder gar zur Welt gekommen. Teil zwei der Serie bestreitet Inge Fehrmann, geborene Kaulfuß.

Inge Fehrmanns Mutter war bei der Aussiedlung schwanger, und so wurde Inge 1946 in Kaufbeuren geboren. Dort arbeitete die Mutter in einem Friseursalon und bewohnte zwei Zimmer mit Wasser am Gang und einem Plumpsklo. Die kleine Inge besuchte den evangelischen Kindergarten in der Schraderschule, wo sie „Kaufbeurerisch“ sprach. In Neugablonz besuchte sie dann zunächst die Waldschule, dann die Adalbert-Stifter-Schule (katholische Bekenntnis-Schule) und schließlich die Gustav-Leutelt-Schule (Gemeinschafts-Schule), lernte Hochdeutsch und Gablonzerisch.

Nach der Mittleren Reife bei den Englischen Fräulein in Mindelheim absolvierte sie eine Friseurlehre bei ihrer Mutter, legte 1966 die Gesellen- und 1973 die Meisterprüfung ab. Sie unterrichtete bis 2011 in der Berufsschule Kaufbeuren. Nach einem zweijährigen weiterführenden Studium 1977 in München zur Fachlehrerin im Berufsfeld Körperpflege wurde sie zudem Prüfungsmitglied im Vorstand des Lehrerverbandes.

Frisierstube Lerch im Lager Riederloh, Neugablonz
Die Frisierstube Lerch im Lager Riederloh. © Zasche

Wann und wie sind Sie nach Neugablonz gekommen?

Inge Fehrmann: „1948 eröffnete meine Mutti als erste Friseurin im Lager Riederloh zusammen mit ihrem Onkel Lerch-Rasierer eine Friseurstube. Somit zogen wir nach Neugablonz, wo ich bereits mit den Lagerkindern und späteren Schulfreundinnen spielen konnte, 1952 eröffnete sie ihren eigenen Frisiersalon in der Papageiensiedlung. Das Wohnen dort war für uns Luxus pur: Ein Bad mit Ofen, Toilette mit Spülung, fließend Wasser im Haus, ein kleiner Garten und viele liebevolle Freunde.

Selbstverständlich war man Mitglied im Turnverein, im Alpenverein, bei der Katholischen Jugend. Das Mitmachen bei Heimatfesten, Faschingsbällen, Gesangverein, Musikverein, Tänzelfest war Ehrensache. Nachbar Dr. Zasche „sonnte“ uns mit seiner Höhensonne und verarztete uns nach Rollschuh- und Rollerunfällen.

Frau Dr. Zasche ging mit uns ins Kino, las vor und veranstaltete die schönsten Faschingsbälle und Kinderfeste. Andere Anwohner in der Papageiensiedlung hatten finanzielle Hilfe von ihren Arbeitgebern. So konnten sich auch Arbeitnehmer ein Häuschen leisten. Fleißig waren sie alle. Heimarbeit war ein guter, aber auch anstrengender Nebenverdienst. „Postarbeit“ hatte wenig mit der Bundespost zu tun, sondern bezeichnete einen Auftrag, der möglichst über Nacht fertig sein musste.“

Wie sah es in Neugablonz damals aus?

Inge Fehrmann: „Es gab Beton-, Staub- und Kiesstraßen, Rehwiesen, Bunker mit Bäumen, Ski-und Rodelbahnen am Leinauer Hang, viele Drückhütten und Glashütten, wo man stundenlang zuschaute und das Heimgehen vergaß. Das Gelände war die Einkaufsmeile, beispielsweise der Posseltbäcker, Papier Rössler, Milchhalle Wabersich, Fischl-Anna, Würschtl-Bruno, Feinkost Fiedler. Brosche lieferte auch den Einkauf nach Hause, Schuh Hofmann, Mode und Kurzwaren Seidel.

Beim Klier-Fleischer gab‘s die besten Rejcherwörschte, Herta Neumann hatte die neueste Mode. Bei uns oben war der Franz-Fleischer mit sehr guter Wurstsuppe, im Zenkner-Laden gab‘s die Milch aus der Zapfsäule, Mehl, Zucker, Reis war „offen“ und wurde in Papiertüten grammweise verkauft.

Die Schnitzel im Gablonzer-Hof waren beliebt. Viele Gasthäuser gab es, die gutes heimatliches Essen servierten, und „Nachteulen“gingen in die Citybar. Jeder kannte jeden. Das war einerseits schön. Aber hatte man etwas angestellt, wusste die Mutter schon alles, bevor man nach Hause kam. Wir hatten sogar eine Polizei, die sehr menschlich mit der Jugend umging. Und Busfahrt Hofmann wartete auch mal, wenn meine Mutti später zur Bushaltestelle kam.“

Wie hat sich Neugablonz in Ihren Augen seitdem verändert?

Inge Fehrmann: „Die Gablonzer fuhren gerne nach Italien in Urlaub. 1961 kamen die ersten Italiener als Gastarbeiter. Sie arbeiteten bei bekannten Firmen wie Walter & Prediger in der Schneekugelabteilung. Viele leben mit ihren Kindern und Enkeln heute noch hier. Auch einige Deutsche aus Tschechien kamen zu uns. In der Dessestraße und am Luxdorfer Weg wurden Hochhäuser gebaut. Aus Berlin kamen gut situierte Ehepaare. Familien aus dem Kaufbeurer Bärenwäldchen zogen her, später auch Aussiedler und Fremde.

Leider begann auch das allmähliche Sterben der traditionellen Gablonzer Schmuckherstellung, weil China und Japan billiger produzierten und zur Konkurrenz wurden. Die Gablonzer Industrie musste sich verändern und umorientieren. Aber einige Firmen haben mit ihren Kindern und Enkelkindern Neues geschaffen und neue Märkte gefunden. Die fleißichn Gablinzer honns halt droffe.“

Was gefällt Ihnen an Neugablonz?

Inge Fehrmann: „Ich habe das Glück noch zwischen alten und jungen bekannten Gablonzern zu wohnen. Die 1951/1952 gebauten Häuser im Eichenmähderweg und Umgebung gehören zu den ältesten. Das Lager Riederloh, heute Altenheim, war die erste Heimat für einige, die später in den Eichenmähderweg und in die Papageiensiedlung zogen.

Wir, die noch leben, kennen uns noch und treffen uns regelmäßig im „Koffejtippl“. Die Ärzte Dr. Zasche und Dr. Bürckner waren die ersten Ärzte in Neugablonz. Beide hatten Söhne, die als Ärzte in Neugablonz blieben. Leider ging diese Ära inzwischen vorüber.

Die Heimatvereine mit ihren Ortsgemeinschaften, der Paurische Mundartkreis und einige Gablonzer „Kinder“ helfen, Erinnerungen in Wort und Bild festzuhalten. Allmählich habe ich mich auch an Großmärkte gewöhnt. Ein paar kleine Läden und die Marktstände am Samstag erfreuen meinen Alltag und erinnern mich an alte Zeiten.“ iza

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