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Ein Koffer voller Plüschkaninchen

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Von: Ingrid Zasche

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Sam (v. li., Emma Moser, halb verdeckt), Leni (Franziska Maschke), Alex (Emily Simpson), Jo (Nico Jankovsky), Luca (Cora Ostertag), Dennis (Jonathan Schatz). Kulturwerkstatt Kaufbeuren
„Ist ein Flüchtling jemand, der in einem fremden Land Schutz sucht?“. Sam (v. li., Emma Moser, halb verdeckt), Leni (Franziska Maschke), Alex (Emily Simpson), Jo (Nico Jankovsky), Luca (Cora Ostertag), Dennis (Jonathan Schatz). © Zasche

Kaufbeuren – Endlich wieder eine ganz normale Theaterpremiere! Die Kulturwerkstatt feierte am 30. April die Uraufführung von „Auf der Suche nach dem rosa Kaninchen“. Ohne Masken – allenfalls freiwillig – ohne Auflagen und Einschränkungen. Ein Stück nach Vorlage des autobiografischen Romans „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Der Roman stammt von Judith Kerr, der Tochter des jüdischen Journalisten und Naziregimekritikers Alfred Kerr. Die Textfassung des Stücks stammt von Simone Dopfer, Regie führte Astrid Striegl unter der Assistenz von Carlotta Hirschberger. Für einen reibungslosen technischen Ablauf sorgten Sebastian Berger, Maurice Ensinger und Noah Daukandt.

So ganz „normal“ war diese Premiere allerdings doch nicht – sie war vielmehr außergewöhnlich eindrucksvoll und rundum stimmig. Das gesamte Stück findet in einem einzigen Raum statt, dem Dachboden einer Gesamtschule in Berlin, der auf den giebelförmigen Hintergrund projiziert wird, ebenso wie spätere Fotos und Video-Einspieler. Sechs Jugendliche sollen dort für eine Projektwoche zwischen allerlei Gerümpel und Relikten nach „Schätzen aus der Vergangenheit“ suchen.

Aufmüpfig, genervt und lustlos, mögen sie offensichtlich weder einander noch sich selbst und giften sich mit jedem Satz an. Da sie jedoch Ergebnisse liefern sollen, beginnen sie widerwillig herumzustöbern und entdecken eine alte Klassenliste von 1932/1933. Ein Name ist rot ausgestrichen: Judith Kerr. Bis auf Sam (Emma Moser) hat noch keiner der übrigen fünf von dieser Autorin gehört.

Sam bringt das Buch mit, und allmählich interessiert sich die Gruppe immer mehr für die Geschichte Judith Kerrs, für die Flucht der Familie aus Nazideutschland und die Odyssee durch die Schweiz, Frankreich und England. Die Schüler lesen und diskutieren und spielen Judiths Lebensgeschichte sogar teilweise nach. Neue Funde kommen zutage und werden säuberlich an einer Wäscheleine gesammelt, fürs Publikum als Hintergrundprojektion. Auch historische Filmaufnahmen von Naziaufmärschen oder der Bücherverbrennung sind so zu sehen. Die von ihren Funden bei den Jugendlichen ausgelösten Gedanken sind aktueller denn je: „Ist ein Flüchtling jemand, der von zu Hause weggehen muss, der in einem fremden Land Schutz sucht?“.

Gemeinschaft

Immer wieder ergeben sich Vergleiche oder Parallelen zum Leben eines der Jugendlichen, die sich dann öffnen und mehr und mehr von ihrem eigenen pubertären und familiären Gefühlschaos preisgeben. „Die Kerrs hatten einander – sie mochten sich alle – so kann man viele Situationen meistern.“ Die Mutter von Luca (Cora Ostertag) hat dagegen die Familie verlassen und Luca glaubt sich von allen abgelehnt. Alex (Emily Simpson) fühlt sich zum coolen Dennis (Jonathan Schatz) hingezogen, der sie an den verlorenen Austauschfreund aus New York erinnert. Dennis, als Sohn zweier Lehrer, die noch dazu an seiner Schule unterrichten, bettelt durch Provokationen um Aufmerksamkeit. Jo (Nico Jankovsky) findet keine Freunde, weil seine Eltern wie die Kerrs dauernd umziehen.Nachdem sich der Vater von Leni (Franziska Maschke) wie der Onkel von Judith Kerr erhängt hatte, ist ihre Mutter dem Alkohol verfallen . Leni muss sich um sie und um die kleine Schwester kümmern.

Allmählich entwickelt sich ein Gemeinschaftsgefühl in der Projekt-Gruppe. Als sie sich wegen eines von Dennis aus der Schulkantine „organisierten“ Kartons mit Snacks im Direktorat verantworten sollen, nehmen die Teenager – mit Ausnahme von Luca – jeweils die alleinige Schuld auf sich.

Schließlich findet die Gruppe die frühere Anschrift der Familie Kerr. Sie beschließen, dort weiter zu recherchieren und für das Projekt diesen Ausflug mit dem Handy zu dokumentieren. Damit kann auch das Publikum den Ausflug verfolgen. In einem Schuppen entdecken die Jugendlichen einen Koffer voller Plüschkaninchen mit einem Abschiedsbrief der „Kaninchenbande“ an ihre Freundin Judith Kerr: „Wir werden uns wiedersehen!“ Mit diesem Vorsatz trennt sich auch die Projektgruppe als „neue Kaninchenbande“.

Weitere Vorstellungen

Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem, wohl verdientem Applaus für eine gelungene Inszenierung, wie man es von der Kulturwerkstatt nicht anders erwartet. Weitere Vorstellungen sind am Samstag, 7. Mai und Sonntag, 8. Mai, jeweils um 18 Uhr. Alle weiteren Infos gibt es online unter www.kulturwerkstatt.eu.

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