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„Herr Ober, bitte einen Tänzer!“ – Eine musikalisch-szenischen Lesung

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Von: Selma Höfer

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Stadttheater Kaufbeuren, Sebastian Hofmüller alias Billy Wilder
Sebastian Hofmüller alias Billy Wilder. © Höfer

Kaufbeuren – Die Schrecken des Ersten Weltkriegs saßen den Menschen noch in den Knochen, und die Hyperinflation zu Beginn des 20. Jahrhunderts forderte ebenfalls einen hohen Tribut. Gleichzeitig prägte die Suche nach Vergnügen, nach Abwechslung, Tanz und Leichtigkeit das Leben der Menschen. So entwickelte sich im Berlin der späten 1920er Jahre eine Feier- und Tanzkultur der besonderen Art. Im Stadttheater war dieses Lebensgefühl nun wieder für einen Abend erlebbar: Die musikalische Lesung „Herr Ober, bitte einen Tänzer!“ setzte kurze Texte des später berühmt gewordenen Regisseurs Billy Wilder in Szene, der 1927 für einige Zeit als Tänzer in einem Berliner Hotel engagiert war. Schauspieler Sebastian Hofmüller ließ für das Kaufbeurer Publikum die ersten Tanzschritte Wilders grandios und nuancenreich wieder aufleben. Musikalische Unterstützung erhielt er dabei vom kleinen „Tanztee-Syndikat“.

Präzise und pointenreich wusste Wilder die Facetten und Details seines neuen Berufes des „Eintänzers“ für die Nachwelt festzuhalten. Wie es dazu kam, schilderte Hofmüller in Wilders Worten mit Witz und Charme. Denn diese neue Tätigkeit, die Wilder damals aus großer Not aufnahm, verdankte er einem zufälligen Wiedersehen mit einem Bekannten aus Wien.

Wilders Berliner Jahre

Auftragslos vermisst der junge Wilder eine Perspektive. Mit der Miete im Rückstand, die wenigen Pfennige in der Tasche und einem Magen, „der vor Leere schmerzt“. Da staunt er nicht schlecht, als ihm ein Bekannter aus Wien über den Weg läuft und ihn anspricht. Roberts lebt für Wilders Verhältnisse in „purem Luxus“. Cognac, Rinderfilet und Salat bestellt er für sie und „zahlt mit einem Hundert-Mark-Schein“, so beschreibt er es.

Roberts bietet Wilders nun seine Hilfe an. Wilders sei doch „gut gewachsen.“ Also „Willst du Geld verdienen, viel Geld?“ fragt er ihn. Es kommt zum Vorstellungsgespräch in einem renommierten Hotel.

Den ersten Tanznachmittag darf Wilder mit einer Mahlzeit beginnen. „Apfelkuchen mit Sahne. Oh – und Eis!“ Bis der Tanzleiter ihn schickt: „Tanzen Sie!“ Unendlich lang erscheint dem jungen Wilder der Reigen. Es ist heiß, die Arme schmerzen und das Orchester spielt ohne Pause. Wilder zweifelt, doch der Tanzleiter lächelt: „Sie werden es schon lernen.“ Ohne Pause geht es weiter: Wilder wechselt Straßenanzug gegen einen Smoking, Hemd, Schuhe und Krawatte. Alle Tänzer sind rasiert, frisiert und parfümiert. Mit dem steifen Kragen ist es noch viel ungemütlicher als nachmittags und die Damen von Tisch 103 kennen keine Müdigkeit.

Das Tanztee-Syndikat, Ulrike von Sybel-Erpf (Violine), Erika Zimmer (Violoncello) und Walter Erpf (Klavier), im Stadttheater Kaufbeuren.
Das Tanztee-Syndikat, Ulrike von Sybel-Erpf (Violine), Erika Zimmer (Violoncello) und Walter Erpf (Klavier), im Stadttheater Kaufbeuren. © Höfer

Er habe zu tanzen. Auch mit Damen, die ihm nicht gefallen. „Das erste Gebot des Tänzers ist: ‚Es darf keine Mauerblümchen geben. Er hat sie zu pflücken“, waren die Worte des Tanzleiters. Wilder tanzt also, lustlos, wunschlos und ohne Herz und Hirn. Aber gewissenhaft. „Hier gelten nur meine Beine. Dieser Tretmühle gehöre ich,“ schreibt er tagebuchartig auf. Er tanzt mit Jungen und Alten, ganz Schlanken und jenen Frauen, die „Entfettungstee“ trinken. Mit mondänen Gattinnen und unreifen Töchtern, Ausländerinnen und Damen, die tagtäglich da sind, aber keiner weiß, woher sie kommen. „Ich tanze mit 1.000 Typen.“ Bald weiß Wilder, dass der Samstag der schlimmste Tag für den Tänzer ist. Auf der Tanzfläche befinden sich an die 50 Paare. „Eine einzige Fleischmasse, im Rhythmus wie Sülze zitternd“.

Wilder tanzt weiter, bis in die Nacht, verdient „gutes Geld“. Er schläft bis 15 Uhr. „Meine Toilette dauert jetzt eine gute Stunde. Sie ist von so grotesker Kompliziertheit, dass ich mich vor der Wirtin zu schämen beginne“. Parfüm, Seifen, Pomaden, Haarfixativ und vieles mehr. Am Ende seiner Zeit als Tänzer heißt es in seinem Arbeitszeugnis: „Wilder hat es verstanden, sich auch dem verwöhntesten Publikum in jeder Weise anzupassen.“

Der Abend in Kaufbeuren jedenfalls verging weder grotesk noch kompliziert, sondern in Leichtigkeit. Die Erzählungen unterbrach das Tanztee-Syndikat mit kurzen, launigen Instrumentalstücken, mit Tango sowie mit Geigen-Soli der Violinisten. Selbstverständlich durften ein Boogie-Woogie und „Veronika, der Lenz ist da!“ nicht fehlen. Ulrike von Sybel-Erpf (Violine), Erika Zimmer (Violoncello) und Walter Erpf (Klavier) fanden immer den richtigen Ton.

Der beste Rohstoff für eine gute Geschichte sei das Leben selbst, schrieb Wilder. Hofmüller überzeugte als junger Billy Wilder mit ansteckender Begeisterung, dann mit glaubhafter Verwunderung, mal nervös, verträumt, mal beschämt und zufrieden. Die Lesung gehörte zum Rahmenprogramm der Sonderausstellung „Veronika, der Lenz ist da!“ im Stadtmuseum. Weitere Events und mehr Infos gibt es unter www.stadtmuseum-kaufbeuren.de.

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