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Nicht erinnerungswürdig

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Von: Kai Lorenz

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Dr. Rouven Janneck
Dr. Rouven Janneck vom Institut für Zeitgeschichte in München und Berlin stellte im Kulturausschuss das wissenschaftliche Gutachten des IfZ zu den Biografien von Josef Fischer, Hans Seibold und Bürgermeister Kristaller vor. © Ingrid Zasche

Kaufbeuren – Die Stadt nimmt die Aufarbeitung ihrer NSDAP­-Vergangenheit sehr ernst. Das zeigt die Ausstellung „Kauf­beuren unterm Hakenkreuz“ im Stadtmuseum mit entsprechend ausführlicher Dokumentation, die Verlegung von Stolpersteinen oder die Umbenennung der Kurat-Frank-Straße in Heiligkreuzstraße nach der Entdeckung von dessen völkischer Einstellung. Und das zeigt auch die jüngste Sitzung des Schul-, Kultur- und Sportausschusses am vergangenen Montag, in der die Umbenennung dreier weiterer Straßen zur Diskussion stand.

Nach der Umbenennung der Kurat-Frank-Straße durchforstete Stadtarchivar Dr. Peter Keller das Archiv sorgfältig nach weiteren Persönlichkeiten mit NSDAP­-Vergangenheit, nach denen Straßen im Stadtgebiet benannt worden sind. Er ist mit der Josef-Fischer-Straße südlich des Kaufbeurer Bahnhofs, der Hans-Seibold-Straße im Haken und dem Bgm.-Kristaller-Weg in Oberbeuren fündig geworden. Um dem Vorwurf von Befangenheit vorzubeugen und Qualität zu gewährleisten, hatte die Stadt Kaufbeuren 2019 beim renommierten Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München dazu ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben.

Dr. Rouven Janneck vom IfZ stellte dieses 59 Seiten starke Gutachten mit ausführlichen Quellenangaben im Kulturausschuss vor:

Josef Fischer Straße Kaufbeuren
Josef Fischer eigne sich nicht als Namensgeber einer Straße südlich des Kaufbeurer Bahnhofs, da dessen NS-Vergangenheit viele Fragen aufwerfe, wie ein Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte in München zeigt. © Lorenz

Josef Fischer (1906-1980) war von 1937 bis 1945 und von 1949 bis 1971 Leiter der Städtischen Berufsschule Kaufbeuren. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat Fischer der NSDAP und mehreren weiteren NS-Organisationen bei. Ab 1935 war er ehrenamtlich NS-Kreisredner. In der Öffentlichkeit trat Fischer als überzeugter Nationalsozialist auf und bot auch entsprechende Schulungen an.

Hans Seibold (1899-1960) war ab 1927 Bau- und ab 1933 zusätzlich Polizeireferent der Stadt Kaufbeuren. Als solcher administrierte er einen für die NS-Herrschaft besonders sensiblen Machtbereich. Die ihm unterstellte Stadtpolizei wirkte verlässlich an der Umsetzung von nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen mit, wie zum Beispiel der Verhaftung von Ernst Buxbaum, dem letzten jüdischen Einwohner Kaufbeurens.

Josef Kristaller (1871-1938) war von 1912 bis 1937 Bürgermeister der Gemeinde Oberbeuren. Kristaller begrüßte öffentlich den Machtantritt Hitlers, weil er sich von diesem den nationalen Wiederaufstieg Deutschlands erhoffte und trat noch 1933 der NSDAP bei. Den Prozess der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Gemeinden unterstützte Kristaller in Oberbeuren bereitwillig und ohne Konflikte mit der lokalen NS-Kreisleitung.

Das Gutachten belege, so Jan­neck, dass Josef Fischer, Hans Seibold und Josef Kristaller zu den lokalen Stützen des NS-Regimes zu zählen und damit als Namensgeber für Straßen ungeeignet seien.

OB Stefan Bosse betonte, dass mit der Maßnahme der Straßenumbenennung niemand verurteilt werden soll, der in jener Zeit keinen Widerstand geleistet hat. Es stelle sich nur die Frage, ob Menschen, die sich zwar durchaus Verdienste um die Stadt erworben, jedoch das Verbrechensregime der Nationalsozialisten überzeugt mitgetragen haben, wirklich für die Geschichte dermaßen erinnerungswürdig seien, dass ihnen zu Ehren eine Straße benannt werden muss.

Dieser Meinung schlossen sich auch fast alle betroffenen Nachfahren an, die OB Bosse schriftlich von der geplanten Umbenennung informiert hatte. Die Mehrzahl zeigte Verständnis. Nur eine Nachfahrin reagierte empört und kritisierte, dass in dem Gutachten alles Positive über die Personen unterschlagen worden sei. Das konnte von Dr. Janneck jedoch widerlegt werden – die Leistungen der fraglichen Personen sind korrekt wiedergegeben worden.

Den Empfehlungen für den Stadtrat zu den drei Umbenennungen haben alle Ausschussmitglieder ausnahmslos zugestimmt. Auch die vierte Empfehlung wurde einstimmig akzeptiert: Die Verwaltung soll beauftragt werden, eine öffentliche Veranstaltung für das Frühjahr 2022 vorzubereiten, in der sich die Bürger über Anlass und Hintergründe der Straßenumbenennungen informieren und Vorschläge zur Namensfindung einbringen können. Schließlich, so der OB, sei eine solche Umbenennung auch eine Belastung für die dort lebenden Menschen.

Eine ähnliche Problematik stellt sich bei der im Gewerbegebiet Moosmangwiese gelegenen Porschestraße: Der Unternehmer Ferdinand Porsche (1875-1951) ist eine kontroverse historische Figur. Auf der einen Seite galt er bereits zu Lebzeiten als technisches Genie und Pionier auf dem Gebiet des Automobilbaus. Auf der anderen Seite hat Porsche in der NS-Zeit persönlich den Einsatz tausender Zwangsarbeiter in dem von ihm geleiteten Volkswagenwerk forciert, von denen viele unter menschenunwürdigen Bedingungen ihr Leben verloren. Die von Ferdinand Porsche gegründete Porsche AG dagegen ist ein international führender Sportwagenhersteller und zählt zu den weltweit bekanntesten Marken des lndustriestandorts Deutschland.

Die Stadtverwaltung kam zu dem Schluss, dass Ferdinand Porsche durch sein Verhalten schwere Schuld auf sich geladen habe. Die Porschestraße solle jedoch nicht an ihn, sondern an die Porsche AG erinnern. Um Missverständnisse auszuschließen, soll nun der Text für ein Erläuterungsschild ausgearbeitet werden, das in der Porschestraße anzubringen ist. Der Text soll auf die Porsche AG als Namensgeber der Porschestraße verweisen und gleichzeitig die kritischen Aspekte in der Biografie Ferdinand Porsches herausstreichen. Auch diese Empfehlung fand ungeteilte Zustimmung.

Sowohl die Straßenumbenennungen als auch das Erläuterungsschild für die Porschestraße sollen in der kommenden Stadtratssitzung am Dienstag beraten werden.

Von Ingrid Zasche

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