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Nazi-Raubkunst im Stadtmuseum?

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Von: Mahi Kola

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Herkunftsforscherin Lisa Wagner stellte der Öffentlichkeit die Ergebnisse ihrer intensiven Forschungsarbeit vor.
Herkunftsforscherin Lisa Wagner stellte der Öffentlichkeit die Ergebnisse ihrer intensiven Forschungsarbeit vor. © Kola

Kaufbeuren – Bei der Raub- und Beutekunst der Nazis handelt es sich um ein dunkles Kapitel der Museen und Kunstgalerien. Ob entsprechende Nazi-Raubkunst auch im Bestand des Stadtmuseums zu finden ist, erforschte die Einrichtung von August 2019 bis April 2022 im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellte Kulturwissenschaftlerin Lisa Wagner nun allen Interessierten in einem Vortrag mit dem Titel „Herkunft ungewiss?! Kunstwerke und ihre Besitzgeschichte“ im Haus St. Martin vor.

Dass das Kaufbeurer Stadtmuseum dabei als kleines Haus den großen Aufwand der Provenienzforschung betreibt, ist etwas Besonderes. Das Vorhaben gelang dem Stadtmuseum dank der Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Von den insgesamt rund 15.000 Objekten im Bestand des Stadtmuseums wurden 600 unter Verdacht stehende Objekte unter die Lupe genommen – bei drei davon deutet vieles darauf hin, dass es sich um Nazi-Raubkunst handeln könnte. Die Provenienzforschung beschäftigt sich damit, der Herkunft von Kunstwerken auf die Spur zu gehen.

Adleruhr, 1746/48, Johann Georg Hafner, Kaufbeuren
Adleruhr, 1746/48, Johann Georg Hafner, Kaufbeuren (Uhrwerk). © Stadtmuseum Kaufbeuren

Denn bei vielen Ausstellungsstücken handelt es sich um Objekte, die ihren (jüdischen) Vorbesitzern während der NS-Zeit unter Zwang abgenommen wurden. Für Provenienzforscherin Lisa Wagner war einiges an detektivischem Spürsinn gefragt: So wurden in den knapp drei Jahren Objekte genauestens untersucht, Nachforschungen betrieben, Quellen gesichtet und Online-Datenbanken durchforstet. „Die Bilanz kann sich sehen lassen“, lautet das Fazit von Wagner zur Recherchearbeit, die oft der Suche nach der „Nadel im Heuhaufen“ gleiche. So stufte die Forscherin 52 Prozent der untersuchten Objekte als unbedenklich, 48 Prozent als „nicht zweifelsfrei unbelastet“ ein.

Drei Verdachtsfälle

Bei zwei als kritisch beurteilten Kunstwerken handelt es sich um spätmittelalterliche Tafelbilder, welche die Katharinenlegende und die Krönung von Kaiserin Faustina zeigen, die auch in der Dauerausstellung des Mu­seums zu sehen sind. Bei den Gemälden liegen Hinweise auf einen Zusammenhang mit einem NS-verfolgungsbedingten Entzug vor. Laut Wagners Recherche waren sie schon 1901 in der Wertachstadt ausgestellt, und tauchten 1908 in einem Münchner Auktionskatalog auf. Die Tafelbilder können mit einem jüdischen Kunsthändler in Verbindung gebracht werden, der von den Nazis verfolgt wurde. Beide Objekte sind nun in der „Lost-Art-Datenbank“ zu finden: In dieser Online-Datenbank können Museen, Bibliotheken, Archive aber auch Privatpersonen Such- und Fundmeldungen veröffentlichen, um auf diesem Wege frühere Eigentümer beziehungsweise deren Erben mit heutigen Besitzern zusammenzuführen, und beim Finden einer fairen Lösung zu unterstützen.

Bei zwei als kritisch beurteilten Kunstwerken handelt es sich um spätmittelalterliche Tafelbilder, welche die Katharinenlegende und die Krönung von Kaiserin Faustina zeigen. Beide sind auch in der Dauerausstellung des Museums zu sehen.
Bei zwei als kritisch beurteilten Kunstwerken handelt es sich um spätmittelalterliche Tafelbilder, welche die Katharinenlegende und die Krönung von Kaiserin Faustina zeigen. Beide sind auch in der Dauerausstellung des Museums zu sehen. © Stadtmuseum Kaufbeuren

Das dritte Objekt, das unter dringendem Verdacht steht, ist eine Tischuhr in Adlerform, die wohl um 1750 von einem Kaufbeurer Uhrmacher hergestellt wurde. Sie gilt als „unrechtmäßiger Besitz“ und fand ebenso Einzug in die Lost-Art-Datenbank. Wagner hat herausgefunden, dass die Uhr aus einer Münchner Kunsthandlung stammt. Allerdings verliert sich die Spur der Geschäftsinhaber in den 1930er Jahren spurlos – Wagner zufolge ein Hinweis auf eine Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Eine „moralische Verantwortung“

Auch wenn noch viele Fragen rund um die Objekte offen sind, hofft Wagner durch das Projekt eine weitere Sensibilisierung für das Thema anzustoßen. Die Kommunikation zwischen Museum und den betroffenen Menschen sei dabei von grundlegender Bedeutung. „Es ist wichtig, dass auch kleine Museen Provenienzforschung betreiben“, so Wagner. Das Stadtmuseum stelle hier ein „Beispiel par excellence“ dar. Für Museumsleiterin Petra Weber geht es insbesondere um moralische Verantwortung und Gerechtigkeit, sowie eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte während des „Dritten Reichs“. Weitere Infos zur Forschungsarbeit gibt es auf der Homepage und den Social Media Kanälen des Kaufbeurer Stadtmuseums.

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