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75 Jahre Neugablonz: Ein Ort zum Leben für Alt und Jung

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Von: Ingrid Zasche

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Historische Aufnahme Neugabiläum: Elegant: Gertrud Hofmann, geborene Maschke, mit Blick zur Gewerbestraße und zum ehemaligen Kiosk Diwok-Bäcker.
Elegant: Gertrud Hofmann, geborene Maschke, mit Blick zur Gewerbestraße und zum Kiosk vom Diwok-Bäcker. © Privat

Kaufbeuren/Neugablonz – 2021 wurde die Erfolgsgeschichte des Vertriebenenorts Neugablonz 75 Jahre alt. Vom 9. bis 12. September soll das mit dem „Neugabiläum“ gebührend gefeiert werden.

Seit seinen Anfängen hat sich in Neugablonz viel verändert. Der Kreisbote lässt stellvertretend für die bunte Menschenvielfalt, die hier eine Heimat gefunden hat, acht ganz unterschiedliche Neugablonzer Bürger zur Wort kommen. Sie haben als Vertriebene oder aus beruflichen Gründen Neugablonz als Wohnort gewählt, sind hier aufgewachsen oder gar zur Welt gekommen. Teil vier der Serie bestreitet Gertrud Hofmann, geborene Maschke, Jahrgang 1940.

Neugabiläum: Gertrud Hofmann
Gertrud Hofmann heute. © Zasche

Die ersten sechs Jahre wuchs Gertrud Maschke in Gablonz a. d. Neiße auf. Ende September 1946, kaum zwei Wochen nach der Einschulung, wurde sie zusammen mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern ausgesiedelt. Der Vater befand sich noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Auf der langen Fahrt im Viehwaggon brachte ein alter Lehrer den Kindern Lesen und Rechnen bei. In Neugablonz besuchte Gertrud die Waldschule, dann die neu erbaute Stifterschule, dann die Staatliche Oberrealschule mit Gymnasium in Kaufbeuren (heute JBG. Nach dem Abitur 1960 studierte sie an der Pädagogischen Hochschule Pasing für das Lehramt an Volksschulen, weil sie schon als kleines Mädchen immer Lehrerin werden wollte.

Nach einem kurzen Einsatz in Schulen in Germaringen und Mauerstetten kam sie an ihre ehemalige Schule, die Adalbert-Stifter-Schule in Neugablonz, wo sie ihren späteren Mann, den Kollegen Ernst Hofmann kennenlernte. Es gab noch einen zweijährigen „Ausflug“ als Rektorin an der Beethoven-Schule in Kaufbeuren. Danach blieb sie bis zur Pensionierung 2002 als Rektorin an „ihrer Stifter-Schule“.

Schon seit der Kindheit war sie aktiv im Chorwesen, war als Erwachsene Mitglied im Gesangverein Sudetenland und wurde später dessen Vorsitzende. Nebenbei machte sie eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Chorleiterin und gewann mit ihrem Schulchor den 7-Schwaben-Preis beim Wettbewerb „Sing a Liadle“.

Sie wurde ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Chorverband Bayerisch Schwaben (CBS) und von 2000 bis 2006 dessen erste weibliche Präsidentin. Schon vor ihrem Ruhestand hatte sie sich zudem ehrenamtlich für das Isergebirgs-Museum und das Industrie- und Schmuckmuseum Neugablonz eingesetzt. Inzwischen ist sie bei letzterem Vorsitzende und bei ersterem stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrates. Ihr Engagement wurde 2018 durch eine Ehrennadel von Ministerpräsident Horst Seehofer honoriert.

Frau Hofmann, wann und wie sind Sie nach Neugablonz gekommen?
Gertrud Hofmann: Die erste Station nach der Vertreibung war ein Lager in Mecklenburg-Vorpommern. Von dort ging es zurück nach Tabarz in Thüringen. Mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes gelang es 1947 endlich, unsere gesamte Familie – Vater, Mutter, meine beiden sehr viel älteren Schwestern und mich – in Kaufbeuren zusammen zu führen, wo meine Tante schon angekommen war. Damals durften wir schon mehr mitnehmen, eine ganze Zinkbadewanne voll.

Ich hatte einen selbst gepackten Pappkoffer und erinnere mich an meine Puppe Heidelies mit einem Pappmachékopf. Ich liebte sie heiß und innig, und sie ist bis nach Neugablonz gekommen. Zunächst waren wir mit drei Familien in einem Zimmer im Lager Espermüller (heute Buroncenter) untergebracht, dann erhielt jede Familie ein Zimmer im Barackenlager Riederloh, der ehemaligen Unterkunft für die Arbeiter der Munitionsfabrik in Kaufb­euren-Hart. Mein Vater bekam auch gleich eine Arbeit in der Gablonzer Industrie als Glasfacharbeiter.

Wie sah es in Neugablonz damals aus?
Gertrud Hofmann: Bis die Waldschule fertig war, wurden wir mit „Holzgasern“ nach Kaufbeuren in die Hörmann-Schule gefahren, „zommgepfercht wie de Hariche“. Der Gag war: wenn zwischendurch das Holz ausging, mussten alle aussteigen, bis mit Reserveholz der Kessel wieder angeheizt war. Dann kam ich in die „Waldschule“.

Es handelte sich um ein Provisorium, eine Baracke, auf dem Gelände der heutigen Berufsfachschule für Glas und Schmuck. Als wir einzogen, gab es noch nicht einmal Plumpsklos, wir mussten auch im Winter unser Geschäft im Wald verrichten. Eine Lehrerin erzählte „da blühten dann immer gelbe Dotterblümchen im Schnee“. Ein wenig Angst hatte man uns vor versprengten Soldaten gemacht – das könnten ja Lustmörder sein, auch wenn wir gar nicht wussten, was das ist...

Berthold Lindner war der erste Arbeitgeber. Im späteren Hotel Europa (heute Rewe) hat er Glasdrücker und Perlenwickler in einer Werkstatt versammelt. Diese mussten auf Abruf bereitstehen, weil es nicht immer Strom gab. Teilweise hieß es im Lager mitten in der Nacht „S hout Strom, olle Orbeitr otratn!“ Lindner hat dann alle seine Arbeiter in dem Haus untergebracht. Wir waren im Dachgeschoss und hatten zwar schräge Wände, aber immerhin zwei Zimmer.

Feudal war’s ne, aber man war für sich. Zwar gab es nur Gemeinschafts­toiletten und man musste sich mit Wasser aus einem Krug in einer Schüssel waschen. Aber wenn man die „sanitären Einrichtungen“ im Lager kannte, war das schon ein gewaltiger Fortschritt. Das Trümmergelände war unser großer Spielplatz. Das Spielen dort war eigentlich verboten. Aber „mir worn halt neugierich“.

Wie hat sich Neugablonz in Ihren Augen seitdem verändert?
Gertrud Hofmann: Jetzt ist von den Anfangsbunkern fast gar nichts mehr übrig. Die noch vorhandenen Bunker sind so überbaut, dass man sie kaum noch erkennt, wenn man’s nicht weiß. In den von der Stadt veranstalteten Bunkerführungen kann man sich aber noch einige zeigen lassen.

Der Wald ist größtenteils verschwunden, ebenso die Bunkertrümmer, bis aufs Trümmergelände, das wurde Gottseidank als Souvenir erhalten. Die ersten Wohnblocks an der Sudetenstraße wurden inzwischen durch eine „chinesische Mauer“ ersetzt.Insgesamt hat sich natürlich alles sehr verbessert, die Lebensqualität kann jetzt als gehoben bezeichnet werden. Außer enn deutschn Wirtshause honn mr olles.

Was gefällt Ihnen an Neugablonz?
Gertrud Hofmann: Ich freue mich, dass sich Neugablonz so schön weiterentwickelt hat und trotzdem Traditionen in Ehren gehalten werden, wie man sowohl am Isergebirgs-Museum als auch an der Erlebnisausstellung im Haus der Gablonzer Industrie oder am Erfolg von „Mauke – die Band“ sehen kann.

Es ist wunderbar, dass sich auch die nächste Generation über Traditionen informiert und diese fortsetzt. Meine Tätigkeit im Isergebirgs-Museum liegt mir besonders am Herzen. Damit trage ich meinen Teil zum Erhalt der Traditionen bei. Denn die Geschichte, die hier gezeigt wird, ist auch meine Geschichte.

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