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Russlanddeutsche demonstrieren mit Hupkonzert – wofür oder wogegen eigentlich?

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Von: Jörg Spielberg

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Der „Russe“ schätzt „deutsche“ Wertarbeit, ausschließlich deutsche Boliden am Start bei der sonntäglichen Rallye, ja, für oder gegen was eigentlich? Eine Pressemitteilung zum Korso gab es leider nicht.
Der „Russe“ schätzt „deutsche“ Wertarbeit, ausschließlich deutsche Boliden am Start bei der sonntäglichen Rallye, ja, für oder gegen was eigentlich? Eine Pressemitteilung zum Korso gab es leider nicht. © Spielberg

Kempten/Kaufbeuren – Es sollte ein Zeichen gegen die „Diskriminierung russischstämmiger Menschen“ sein, so die dürre Auskunft über einen Autokorso von Russlanddeutschen, der sich am Sonntag um 13 Uhr vom Tänzelfestplatz in Kaufbeuren aus quer durchs Allgäu auf den Weg nach Kempten machte. 

Eine Pressemitteilung der Initiatoren, gar eine Kontaktadresse im Vorfeld der Veranstaltung, die über das Anliegen der Russlanddeutschen hätte informieren können, gab es nicht. Die Diskriminierung ihrer „Ethnie“ machen die Teilnehmer u.a. an mutwilliger Beschädigung ihrer Fahrzeuge, an Ausgrenzungen in Klassenzimmern oder einem generellen Ansehensverlust innerhalb der vielfältigen bundesrepublikanischen Bürgergesellschaft fest. 
Dies wird von den betroffenen Personen in sozialen Medien kolportiert. Der Pressesprecher der Polizeiinspektion Schwaben Süd/West Holger Stabik erklärt hierzu auf Nachfrage, dass es seit Beginn der Kampfhandlungen am 24. Februar im Präsidiumsbereich drei angezeigte Fälle von Beleidigungen und in einem Fall zusätzlich Körperverletzung gegenüber Russen/Russlanddeutschen gegeben habe.

Versuch der Deeskalation

Kaufbeurens Bürgermeister Stefan Bosse hatte im Vorfeld vergeblich versucht, die Organisatoren der Veranstaltung davon abzubringen, ihre Idee eines provozierenden Autokorsos durchzuziehen. Gescheitert ist er an mangelnder Einsichtsfähigkeit der Initiatoren und an rechtlichen Vorgaben, die jedem in Deutschland, anders als in Russland, das Recht einräumen, öffentlich seine Meinung kundzutun. Gegen 14.20 Uhr erreichten die ersten mit russischen Fahnen geschmückten Fahrzeuge das Stadtgebiet von Kempten. In der Spitze zählte die Polizei in Kempten, die mit 100 Einsatzkräften vor Ort war, 275 teilnehmende Fahrzeuge mit rund 600 Personen. Laut Polizeisprecher Stabik sind während des Autokorsos keine Probleme aufgetreten. Auf Höhe der Zulassungsstelle hatte die Initiative „Kempten gegen Rechts“ zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Teilnehmer dieser Gegendemonstration wurden aus einzelnen Fahrzeugen des Korsos heraus beleidigt. Vier Ermittlungsverfahren wurden seitens der Polizei eingeleitet.

Kein zusammenhängender Korso

Die Strategie der polizeilichen Einsatzkräfte ging voll auf. Da der gesamte Korso in Abschnitte mit maximal zehn Fahrzeugen aufgeteilt wurde, gab es im Kemptener Stadtgebiet nie einen langen Korso zu sehen. Die meisten der Fahrzeuge hatten sich russische Fahnen mit dem Doppelader – ein Symbol des zaristischen Russlands – über ihre Motorhauben gespannt. Nicht zu sehen waren das „Z“ für „Za Pobedu“ und das orange-schwarze Georgsbändchen, ein Zeichen der Separisten im Donbass und Signet des modernen russischen „Superpanzer“ T-14 Armata. Die Kennzeichen stammten fast zur Gänze aus Kaufbeuren und dem Unterallgäu, vielleicht eine Art bayerischer Donbass? Dafür viel Gehupe und Gejohle, das Victory-Zeichen wurde hier und da aus den Seitenfenster gezeigt. Auffällig viele teure, getunte Limousinen und wuchtige SUVs waren am Start, keine Kleinwagen. Ein gutes Zeichen? Es sieht zumindest so aus, dass Russlanddeutsche in Deutschland zumindest nicht wirtschaftlich diskriminiert werden.

»Ich empfinde nur Scham«

In Kaufbeuren beobachtete eine kleine abseits stehende Gruppe die Menschenansammlung auf dem Tänzelfestplatz. Sie hielten eine ukrainische Flagge sowie ein Bild hoch, auf dem eine Friedenstaube zu sehen war. Fassungslos schaute Nata aus Buchloe drein. Seit 13 Jahren wohnt die gebürtige Ukrainerin schon in Deutschland. „Ich habe noch nie Diskriminierung gesehen und erlebt. Sie (die Teilnehmer, Anm. d. Red.) sehen doch, dass Putin ein Mörder ist. Uns tut das einfach weh. Wir wollen doch nur Frieden.“ Ihr kommen beim Erzählen die Tränen. Ihre Familie und Verwandte wohnen noch in der Ukraine. Täglich erreichen sie Nachrichten und Informationen aus dem Kriegsgebiet. Die dramatischen und erschütternden Bilder zerreißen sie. Olga ergreift das Wort. Sie kritisiert das zur Schaustellen der russischen Flaggen. „Warum nehmen sie keine weißen Flaggen, die für Frieden stehen?“ In Richtung der Teilnehmer sagt sie: „Sie sind verblendet und glauben der russischen Propaganda. Was sie jetzt tun, führt zur Diskriminierung. Die Menschen werden das missverstehen. Ich empfinde nur noch Scham. Das ist eine Heuchelei.“ Christine aus Kaufbeuren hat russische Wurzeln. Was sie hier sehe, sei schockierend. „Es ist peinlich, was hier gerade passiert. Es ist wichtig, dass wir als Minderheit trotzdem hier sind, um die Ukraine zu unterstützen. Mir fehlen die Worte. Ich unterstütze das nicht.“

Ohne Zwischenfälle verlief die Veranstaltung „Auto-Demo gegen Diskriminierung“ auch in Kaufbeuren.

jsp/gs

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