„Einen Shitstorm sollte man nicht persönlich nehmen. Er hat nichts mit meiner Kompetenz zu tun; ich stehe halt für ein bestimmtes Feindbild. Dieser Gedanke entlastet“, rät Judith Rahner, Referentin der Amadeu Antonio Stiftung, den Opfer antifeministischer Hassrede
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„Einen Shitstorm sollte man nicht persönlich nehmen. Er hat nichts mit meiner Kompetenz zu tun; ich stehe halt für ein bestimmtes Feindbild. Dieser Gedanke entlastet“, rät Judith Rahner, Referentin der Amadeu Antonio Stiftung, den Opfer antifeministischer Hassrede.

Bewegter Donnerstag

Frauen und Rechtsextremismus

  • VonAntonia Knapp
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Kempten – „Rechte. Frauen. Rechte.“ Mit diesem „Wortspiel“ hatten die Veranstalter den Vortrag am jüngsten Bewegten Donnerstag des Kempten-Museums überschrieben, wie Katharina Simon, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Co-Organisatorin und Moderation des Abends sagte.

Die Referentin Judith Rahner „lavierte“ die gut 30 Zuhörerinnen und Zuhörer online „durch die Untiefen eines herausfordernden und teils verstörenden Themas“, wie sie anfangs ankündigte: Wie gewinnen rechtspopulistische und -extremistische Gruppen Mädchen und Frauen für sich? Welche Rollen spielen weibliche Rechtsextremistinnen in diesem politischen Milieu? Und „was passiert mit Frauen und Frauenrechten, wenn die Rechte erstarkt?“, umriss Simon die Grundfragen des Abends.

Rahner war als studierte Erziehungswissenschaftlerin lange in der Jugendarbeit tätig und hat dabei „erlebt, was es bedeutet von Rassismus betroffen zu sein“. Vor etwa zehn Jahren wechselte sie zur Amadeu Antonio Stiftung, die seit 1998 eine Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekten in Deutschland unterstützt, die Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus entgegenwirken und sich für eine demokratische Kultur stark machen. Benannt ist die Stiftung nach dem angolanischen Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa, einem der ersten bekannten Opfer rechtsextremer Gewalt nach der Wiedervereinigung. Rahner leitet dort u.a. die Fachstelle für Gender, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus und widmet sich damit einem wesentlichen Anliegen der Amadeu Antonio Stiftung: Politische Entscheidungsträger, Medienmacher und Wissenschaftler aber auch die Zivilgesellschaft auf die Gefahren und Folgen rechtsextremer Radikalisierung aufmerksam zu machen. Sie berät Politik und Medien, arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung und begleitet insbesondere Projekte mit Jugendlichen für eine offene und demokratische Gesellschaft.

Obwohl Rahner langjährige Erfahrungen mit „politischen Bildungsformaten“ gesammelt hat, die für menschenfeindliche, illiberale Einstellungen sensibilisieren, sie entlarven und ihnen vorbeugen wollen, stellte sie fest: „Vor anderthalb Jahren hätten wir uns die Querdenker-Bewegung so nicht träumen lassen.“ Sie zeige, wie verbreitet neurechte Meinungen mittlerweile seien.

So habe etwa die Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“ für die Jahre 2018/19 ermittelt, dass 41 Prozent der Bevölkerung ein „Meinungsdiktat“ unterstellten: Die Behauptung, nicht mehr frei die eigene Meinung äußern zu dürfen, sei „ein fundamentaler Bestandteil neurechter Vorstellungen“ und gehe „schon in Richtung Verschwörungstheorie“. Nicht selten hätten jene, die vom Ende der Meinungsfreiheit überzeugt seien, Gelegenheit, ebendies vor großem Publikum in einer Talkshow kundzutun; bekämen also Raum, ihre Position öffentlich zu vertreten – und widerlegten sie damit. Ein Viertel der Befragten glaube an eine „Islamverschwörung“, sei also überzeugt, dass die deutschstämmige Bevölkerung einem geheimen „Masterplan“ folgend systematisch ausgetauscht werde. Etwas mehr als ein Drittel der Studienteilnehmer lehne folgerichtig „das Establishment“ überhaupt ab, denn sie gingen davon aus, dass „die da oben uns nichts Gutes wollen“.

„Es geht hier nicht nur um Ideen in den Köpfen, die man argumentativ entkräften kann“, betonte die Referentin. Vielmehr seien diese Überzeugungen „eng mit Gewalt verknüpft. Denn wenn ich wirklich glaube, dass wir unterwandert werden, muss ich aktiv werden“, zum Beispiel „indem ich auf einen Umsturz hinarbeite oder harte Worte im Internet verwende“.

Zu den neurechten Einstellungen, die verbale, aber auch körperliche Gewalt motivieren und rechtfertigen können, zählt Rahner auch den Antifeminismus: Eine Weltanschauung, die sich gegen „Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit“ richte, Feminismus und vielfältige Lebensformen ablehne und sich in alltäglichen Verhaltensweisen, aber auch in „zumeist organisiertem Widerstand“ äußere. 2020 habe die ebenfalls repräsentative Leipziger „Autoritarismus Studie“ nachgewiesen, dass „jeder vierte Mann und jede zehnte Frau ein geschlossenes antifeministisches Weltbild“ verinnerlicht haben. Offenbar erlebten nicht wenige Menschen eine „vielfältige Gesellschaft, Liberalismus und weitere Aspekte der Moderne als Bedrohung“ und als Zeichen des Niedergangs. Zwar ist der Begriff „Antifeminismus“ nicht neu, geprägt hat ihn die 1813 geborene Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, aber in den letzten Jahren habe die antifeministische „Mobilisierung“ der erstarkenden Rechten deutliche Wirkungen erzielt: „Im Bundestag werden Dinge gesagt, rassistische wie antifeministische, die man so vor wenigen Jahren nicht gesagt hätte.“ So eigne sich etwa das umstrittene „Themenfeld der geschlechtergerechten Sprache“ bestens für „Stimmungsmache“. Es sei legitim, das Gendern, die sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter, befremdlich, unschön oder unnötig zu finden, stellte Rahner klar. Aber in den von antifeministischen Dynamiken geprägten Kämpfen gehe es nicht mehr um die Sache selbst. Vielmehr missbrauchten die Gegner „feministischer Emanzipationsbestrebungen“ die Debatten, um Hass zu schüren und Frauen oder ihre politischen Anliegen verächtlich zu machen. „Zum Beispiel wird eine Gleichstellungsbeauftragte im Netz so lange niedergebrüllt, bis sie keinen Bock mehr auf ihren Job hat“ – dann ist das Kalkül der Trolle und Hetzer aufgegangen: Sie haben ihr Opfer mundtot gemacht.

Die Kemptener Gleichstellungsbeauftragte Katharina Simon moderierte die Online-Veranstaltung.

Antifeministen nutzten zudem häufig typische „erzählerische“ Strategien, um ihre Ressentiments plausibel und attraktiv zu machen: Sie verkehren Begriffe in ihr Gegenteil, behaupten etwa, die Freiheit, auch unkonventionelle Lebensentwürfe zu verwirklichen, bringe einen allgemeinen Zwang zur „Umerziehung“ mit sich, oder deuten Geschlechtergerechtigkeit zur „Erniedrigung oder ‚Verweiblichung‘ des Mannes“ um. Mit „falschen Vorwürfen“ schüren sie Ängste, indem sie den Feminismus für den demographischen Wandel verantwortlich machen oder davor warnen, dass Gender Familien zerstöre. Dabei „kapern“ sie Kofferwörter, die noch wenig geläufig sind, deuten sie um und „packen alles Negative, alle Vorwürfe hinein“, erläuterte Rahner. Der sozialwissenschaftliche Begriff „Gender“, der das soziale Geschlecht bezeichnet, dessen Merkmale durch Gesellschaft und Kultur bestimmt und daher veränderbar sind, wird so zum ideologischen Schreckgespenst.

Er widerspricht den „antiquierten, biologistischen“ oder „völkischen Geschlechterbildern“ rechtsextremer Kreise, die „eine grundlegend andere Vorstellung haben, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt funktioniert“: Sie gingen von einer „natürlichen Hierarchie der Ungleichheit“ aus, in der Männer und Frauen von Natur aus bestimmte Eigenschaften, Fähigkeiten und Aufgaben haben. Gegen diese „Ideologie einer als natürlich verstandenen Ordnung“ sei schwer anzukommen, denn da sie als naturgegeben gelte, „kann man nicht diskutieren“. Sie verbinde so unterschiedliche extremistische Gruppierungen wie Identitäre Bewegung und Salafisten, die hier einen gemeinsamen antifeministischen „Nenner“ fänden.

Gleichzeitig komme „ein Vorurteil selten allein“ und so werde der Antifeminismus häufig mit „verschwörungsideologischen Weltbildern“ verknüpft: „Feministinnen sind schuld daran, dass der deutsche Mann geschwächt ist und sein Volk nicht mehr gegen den angeblichen ‚Bevölkerungsaustausch‘ verteidigen kann. Der Feminismus wird zum inneren, die Migration zum äußeren Feind.“ Wer auf diese Art verschiedene Narrative, also sinnstiftende, Orientierung gebende Erzählungen, miteinander verwebe, „schafft sich eine eigene Welt, immunisiert sich gegen Widersprüche, verstrickt sich in Verschwörungstheorien“ und meint schließlich „eine Notwehrsituation“ zu erkennen, die Gewalt legitimiert. Das subjektive Gefühl des Bedrohtseins werde so zur Bedrohung für die Demokratie. Die Attentäter von Halle, Hanau oder Christchurch hätten ihre Taten in ihren Pamphleten alle genau so begründet: mit der demographischen Entwicklung der westlichen Welt und einer Mischung aus Verschwörungstheorien, Antifeminismus sowie Antisemitismus.

Wenn sie über rechtsextreme Frauen schreibe oder spreche, begegne ihr nicht selten Verwunderung, berichtete Rahner: „Das kann doch gar nichts mit Frauen zu tun haben“, denn die seien doch gemeinhin so „friedfertig“. Bevölkerungsstudien hätten jedoch gezeigt, dass Frauen etwa rassistischen Einstellungen genauso häufig zustimmen wie Männer. Rechtsextreme Gruppierungen können offenbar auch für Frauen und weibliche Jugendliche interessant und anziehend sein. In rechten Milieus „ist die Welt übersichtlicher: Rollen und Aufgaben sind klar verteilt, Gut und Böse sind eindeutig definiert und Widersprüche werden eingeebnet“. Gerade jüngere Frauen hätten die Chance, als Mütter und „Hüterinnen der Familie“ Orientierung und Anerkennung zu finden, „ohne Karriere machen zu müssen“. Zudem könnten sie sich auch als „politische Kämpferinnen“ einbringen und seien in öffentlichen Debatten insbesondere bei „‚Frauenthemen‘ wie Kindererziehung oder sexuelle Gewalt“ willkommene Vertreterinnen und Aushängeschilder ihrer Gruppe. Frauenpolitische Anliegen würden jedoch auch für rassistische oder antimuslimische Ziele instrumentalisiert, so Rahner. Die Kölner Silvesternacht etwa habe die Rechte benutzt, um die Unterstellung zu bekräftigen, sexuelle Übergriffe gingen von bestimmten ethnischen Gruppe aus. Eine Antwort, was man für den Schutz der Frauen vor sexualisierter Gewalt tun könne, habe sie nicht gehabt.

Judith Rahner beobachtet besorgt, dass sich „die antifeministische Mobilmachung“ durchaus auf die politische Kultur auswirkt: Verbale Angriffe auf politisch engagierte Frauen gingen zunehmend „weg von inhaltlicher Kritik, werden sexualisiert“, persönlich beleidigend und herabsetzend. Insbesondere „Verbände, die sich für Frauen einsetzen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind“, erlebten gerade auch im Netz „widerliche, extrem gewaltvolle“ Anfeindungen und unverhohlene Drohungen. Einige Aktivistinnen oder beruflich exponierte Frauen reagierten mit Rückzug, öffentliche Solidaritätsbekundungen mit den Opfern rechter Hetze blieben aus, die Zivilgesellschaft schrumpfe. Aber sie erlebe auch, dass sich einzelne Frauen oder Initiativen durch Diskriminierungserfahrungen stärker politisierten, dass sie sich „wappnen“ und teils ungewöhnliche Bündnisse mit anderen demokratisch Gesinnten schmieden.

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Quelle: Kreisbote

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