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Claudia Dalla Torre sagt dem Frauenhaus adieu

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Von: Christine Tröger

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Claudia Dalla Torre.
Claudia Dalla Torre. © Archivfoto: privat

1981 war der Beginn für den Verein Frauen helfen Frauen e.V..

Diese private Initiative von sechs engagierten und emanzipierten Frauen verfolgte das Ziel, für Frauen und Kinder einen Schutzraum zu schaffen, die von häuslicher oder Gewalt im Nahraum betroffen sind. 1983 konnte der Verein ein Frauenhaus in Kempten eröffnen und seit 2006 ist er Träger des Kemptener Interventionsmodells (KIM), ein niedrigschwelliges und proaktives Beratungsangebot bei häuslicher Gewalt. Das Kemptener Frauenhaus ist eines der wenigen autonomen Frauenhäuser. Ein wichtiges Ziel, das der Verein mit seiner Arbeit verfolgt, ist dem Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder einen Platz im Bewusstsein der Gesellschaft zu geben und auf die Ächtung von Männergewalt hinzuarbeiten.

„Ohne Moos nix los“, heißt es und das gilt natürlich auch für eine Einrichtung wie das Frauenhaus. Zwar wird viel ehrenamtliche Arbeit geleistet – dazu gehören u.a. Öffentlichkeitsarbeit, Rufbereitschaften, nächtliche Einsätze der Vereinsfrauen, Spendengelder akquirieren, kleinere Renovierungsarbeiten –, dennoch muss der Verein jährlich etwa 20.000 Euro an Spenden nur für Personalkosten der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen aufbringen. Nur dann erhält er öffentliche Gelder. Auch die zeitintensive 24-stündige Erreichbarkeit ist Voraussetzung für Zuschüsse des Landes Bayern.

Die Ehrenamtlichen decken dabei den Teil ab, der außerhalb der hauptamtlichen Besetzung liegt; ca. 16 Stunden täglich sowie die Wochenenden – über 365 Tage im Jahr.

Rein durch Spenden finanziert werden müssen Extras wie heilpädagogisches Reiten für Kinder, die nicht selten traumatisiert sind; auch neue Möbel im Frauenhaus z.B. für das dortige Büro; dringend benötigte Unterstützung für Frauen, kleine Geschenke zu Geburtstagen oder zu Weihnachten, Ferienfreizeiten für Kinder und Mütter oder ein Dienstfahrzeug. All diese Dinge werden von städtischen Geldern nicht gedeckt. Aktuell leisten noch elf Frauen auf ehrenamtlicher Basis rund 9.500 Arbeitsstunden pro Jahr für den Verein.

Freuten sich 2002 über die Ehrennadel, überreicht vom damaligen Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer: Ina Schoenborn (v.li.), Brunhilde Sobott, Poldi Pickert, Gerlinde Stief, Margot Bauer,
Claudia Dalla Torre.
Freuten sich 2002 über die Ehrennadel, überreicht vom damaligen Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer: Ina Schoenborn (v.li.), Brunhilde Sobott, Poldi Pickert, Gerlinde Stief, Margot Bauer, Claudia Dalla Torre. © Archivfoto: privat

36 Jahre Einsatz für Frauen und Kinder

Eine von ihnen war bis Ende 2021 Claudia Dalla Torre, die dem Verein über Jahre ein „Gesicht“ gegeben hat. Nach gut 36 Jahren Ehrenamt für den Frauen helfen Frauen e.V., davon zahlreiche Jahre als Vereinsvorsitzende, ist Schluss für die engagierte 64-Jährige. Erlebt hat sie viel in diesen 36 Jahren – Schönes und Unschönes. „Die Arbeit hat mich immer auf dem Boden bleiben lassen“, sagt sie rückblickend. Dass es das Schicksal mit ihr – anders als mit zu vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen – gut gemeint hat, sei ihr durch das ehrenamtliche Engagement im Verein schnell bewusst geworden: „Es ist nicht selbstverständlich, dass ich so einen Mann geheiratet und zwei gesunde Kinder habe.“ Deshalb sei es ihr immer wichtig gewesen, für die Gesellschaft einen Beitrag zu leisten. Geradezu ins Schwärmen gerät Claudia Dalla Torre, wenn sie von ihrem Mann, den sie bereits als Teenager kennen und lieben gelernt hat, erzählt. Fast wie in einer Parallelwelt zu den Geschichten im Frauenhaus hat er ihr jede Freiheit und Unterstützung gegeben, wie sie sagt.

„Ich kann jedem nur empfehlen, etwas im Ehrenamt zu machen“, bereut sie keine Minute ihrer oft aufreibenden Einsätze. Dennoch freut sie sich, wenn ihr nun weniger Verpflichtungen mehr Zeit bescheren. Zeit, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Mario, der bereits Ende September 2018 als Vorstand der BSG-Allgäu in den Ruhestand verabschiedet wurde und ihrer Familie, genießen kann. Davor lagen über drei Jahrzehnte „Frauen für Frauen e.V.“.

Das Interview mit Claudia Dalla Torre:

Der Verein Frauen helfen Frauen wurde 1981 gegründet, seit 1983 gibt es in Kempten ein Frauenhaus. Was hat Sie vor 36 Jahren dazu gebracht, im Frauenhaus mitzuarbeiten?

Claudia Dalla Torre: „Das war eigentlich Zufall. Ich habe damals beim „Spastikerverein“, heute Verein „Körperbehinderte Allgäu“ gearbeitet. Bei einer Unterhaltung mit einer Arbeitskollegin wurde ich auf den Verein „Frauen helfen Frauen“ aufmerksam. Sie erzählte mir vom Frauenhaus und der Arbeit dort. Mich hat das gleich sehr interessiert und so wurde ich eingeladen, an einem der wöchentlichen Treffen von Haupt- und Ehrenamtlichen teilzunehmen. Dort wurde über die betroffenen Frauen und deren Gründe für die Aufnahme ins Frauenhaus gesprochen. Für mich war es nicht nur an diesem Abend schwer zu verstehen, dass es tatsächlich so viele Frauen und Kinder gibt, die von so massiver körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt, überwiegend in der eigenen Familie, betroffen sind. Die Schicksale, mit denen ich in den nächsten Wochen konfrontiert wurde, ließen mich nicht mehr los und ich entschied, in diesem Verein mitzuarbeiten.“

Worin lagen damals die größten Hürden für die Arbeit?

Claudia Dalla Torre: „Eine große Hürde in der Anfangszeit war sicherlich die fehlende Einsicht für die Notwendigkeit eines Frauenhauses in Kempten. Da fielen Sätze wie, „bei uns im schönen Allgäu ist die Welt noch in Ordnung“ oder „wenn es so etwas wie häusliche Gewalt überhaupt gibt, dann geht das niemanden etwas an“.
Die Stadt hat uns deshalb anfangs und auch erst nach langen, zähen Verhandlungen eine kleine Doppelhaushälfte mit 80 Quadratmetern befristet für ein Jahr zur Verfügung gestellt. Bereits in den ersten sieben Monaten haben 24 Frauen und 33 Kinder Aufnahme im Frauenhaus gefunden. In Krisenzeiten mussten sich sechs Frauen und zwölf Kinder die Wohnräume teilen. Damit war die Notwendigkeit mehr als gegeben und das Frauenhaus blieb.“

Wo liegen die größten Schwierigkeiten heute?

Claudia Dalla Torre: „Die größten Schwierigkeiten heute bestehen in der großen Wohnungsnot, vor allem was günstige Wohnungen betrifft. Deshalb sind Frauen länger als notwendig im Frauenhaus. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hat sich seit 2017 mehr als verdreifacht. Für die Frauen ist es sehr belastend, wenn sie nach der Entscheidung zu einer endgültigen Trennung keine Perspektive entwickeln können. Von einer Wohnung hängt ab, wie es mit den Kindern bezüglich Schule und Kindergärten weitergeht. Das Leben im Frauenhaus wird bei längeren Aufenthalten als zunehmend einschränkend erlebt und, da Besuche im Haus nicht möglich sind, werden Sozialkontakte nach außen nur bedingt aufgebaut.
Was sich nicht geändert hat: Nach wie vor verlassen größtenteils die Frauen mit ihren Kindern die gemeinsame Wohnung oder das gemeinsame Haus und nicht der gewalttätige Partner.“

Tulpenaktion des Vereins Frauen gegen Frauen (Claudia Dalla Torre 3.v.li.) zum Internationalen
Frauentag am 8. März 2013 in Kempten.
Tulpenaktion des Vereins Frauen gegen Frauen (Claudia Dalla Torre 3.v.li.) zum Internationalen Frauentag am 8. März 2013 in Kempten. © Archivbild: privat

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Politik gemacht?

Claudia Dalla Torre: „Nach den vorher erwähnten Anfangsschwierigkeiten auf kommunaler Ebene, wird unsere Arbeit seit vielen Jahren sehr wertgeschätzt und anerkannt. Große Unterstützung gibt es seitens des Oberbürgermeisters und von vielen Mitgliedern des Sozialhilfeausschusses des Stadtrats der Stadt Kempten sowie des Landkreises Oberallgäu.
Gleiches gilt für die zuständigen Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter der verschiedenen Ämter. Auf Bundes- bzw. Länderebene haben alle Frauenhäuser immer wieder auf den massiven Anstieg häuslicher Gewalt hingewiesen und Gelder für die Erweiterung von Frauenhausplätzen beantragt. Erst 2020 wurde im Zuge der Umsetzung der Istanbul-Konvention (s. Infokasten) vom Bayerischen Staatsministerium die Finanzierung der Platzerweiterung von Frauenhäusern angeboten. Auch das Frauenhaus Kempten bietet dadurch inzwischen mit drei abgeschlossenen Wohnungen mehr Platz für Frauen.“

Wie viele Frauen und ihre Kinder finden jährlich Schutz in einem Frauenhaus?

Claudia Dalla Torre: „Im Jahr 2020 nahm die Polizei in Bayern 20.134 Fälle von häuslicher Gewalt auf, was eine leichte Steigerung gegenüber den Vorjahren bedeutet. Jährlich finden in Deutschland ca. 16.000 Frauen und etwa genauso viele Kinder Zuflucht und Schutz in Frauenhäusern. In Kempten haben im vergangenen Jahr 22 Frauen und 29 Kinder Zuflucht und Schutz gefunden; 2017 waren es noch mehr als 30. Mit weniger Gewalt hat das aber nichts zu tun. Es mangelt einfach an mehr Aufnahmekapazität durch die wesentlich längeren Aufenthalte.“

Kann Frauen in der Regel geholfen werden, ohne dass sie ihren Partner und das gemeinsame Heim verlassen müssen?

Claudia Dalla Torre: „Das kann man so pauschal nicht sagen. Bei einem Beratungsgespräch geht es darum, dass mit der Frau gemeinsam nach einer Lösung gesucht und eventuell eine Möglichkeit gefunden wird, die es nicht erforderlich macht, Heim und Partner zu verlassen. Dazu wird die Situation mit den betroffenen Frauen intensiv besprochen und aufgezeigt, wo sie Hilfe bekommen können. Hier geht es um rechtliche Hilfen, um finanzielle Hilfen, aber auch um das Angebot, ins Frauenhaus zu kommen, wenn sich die Lage für sie und die Kinder so verschlimmert, dass es zuhause nicht mehr geht. Durch diese Beratungsgespräche erfahren Frauen manchmal zum ersten Mal, dass sie nicht ausschließlich vom Partner abhängig sind, so dass sie danach oftmals viel selbstbewusster in Konflikten mit dem Partner auftreten.“

Über Unterbelegung kann das Frauenhaus vermutlich nicht klagen. Wie lange ist die durchschnittliche Verweildauer einer Frau mit/ohne Kind(ern) und was passiert mit Frauen, die aufgrund von Platzmangel abgewiesen werden müssen?

Claudia Dalla Torre: „Das stimmt. In all den Jahren, in denen ich nun im Frauenhaus mitgearbeitet habe, war es dort nie leer. Manchmal sind weniger Frauen da und es sind ein oder zwei Zimmer frei. Allerdings bringen diese Frauen oft eine so heftige Geschichte mit, dass sie einen immensen Beratungsbedarf haben und die Mitarbeiterinnen auch ohne Vollbelegung ein riesiges Arbeitspensum erfüllen müssen. Wenn das Haus voll ist, ist das für Frauen, die dringend einen Schutzraum brauchen, immer eine äußerst unbefriedigende Situation. Aber auch dann zeigt die jahrzehntelange Erfahrung, dass sich im Gespräch oftmals eine Möglichkeit für die Frau ergibt, kurzfristig bei Verwandten oder Freunden unterkommen zu können; oder es hat eines der nächstgelegenen Frauenhäuser in Memmingen, Kaufbeuren oder Neu-Ulm noch Platz, um die Frau aufzunehmen.
Wichtig ist einfach, dass Frauen rechtzeitig das Gespräch suchen und eine kostenlose Beratung in Anspruch nehmen. So kann gleich im Vorfeld besprochen werden, an welche wichtigen Papiere und Unterlagen sie denken muss und welche Dinge mitgebracht bzw. mitgenommen werden müssen, vor allem wenn Kinder mitbetroffen sind.“

Was hat sich – vielleicht auch thematisch – über die Jahre verändert?

Claudia Dalla Torre: „Gewalt von Männern gegen Frauen in privaten Beziehungen wurde viele Jahre als Ausdruck und Mittel zur Aufrechterhaltung eines geschlechterhierarchischen Machtverhältnisses verstanden. Im Grundgesetz haben neben konservativen Kreisen auch die Kirchen in Stellungsnahmen davor gewarnt, durch die Gleichberechtigung der Frau die „natürliche Eheordnung“ zu stören.
Erst 1954 wurde das Beschäftigungsverbot verheirateter Frauen im öffentlichen Dienst aufgehoben. Bis 1958 konnten Frauen nur mit Einwilligung ihres Mannes oder des Vaters einen Führerschein machen. Auch gab es bis 1958 ein Lehrerinnenzölibat, welches Lehrerinnen untersagte, zu heiraten. Auf Missachtung folgte die Kündigung. Ihre männlichen Kollegen durften dagegen verheiratet sein.
Es gab einen Gehorsamsparagraphen (BGB), der erst 1959 aufgehoben wurde. Darin stand: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“
Erst 1977 durften Frauen eine Arbeitsstelle annehmen, ohne zuvor die Genehmigung des Mannes einzuholen (BGB).
Bis 1977 war die Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Danach wurde sie strafbar, allerdings nur auf Antrag verfolgt. 2004 wurde daraus ein Offizialdelikt, das von Amts wegen verfolgt wird.
Seit dem 1. Januar 2002 ist das Gewaltschutzgesetz in Kraft. Es umfasst insbesondere Kontakt-, Näherungs- und Belästigungsverbote bei vorsätzlichen und widerrechtlichen Verletzungen von Körper, Gesundheit oder Freiheit einer Person einschließlich der Drohung mit solchen Verletzungen. Des Weiteren ist eine Anspruchsgrundlage für die – zumindest zeitweise – Überlassung einer gemeinsam genutzten Wohnung aufgenommen worden. Es gibt ein kostenloses Hilfetelefon unter Tel. 08000/11 60 16.
Frauen bleiben aber in ganz wenigen Fällen – aus Angst – in der gemeinsamen Wohnung. Anzeigen werden nicht selten zurückgenommen.
Vieles hat sich trotzdem verändert. Aus einem absoluten Tabuthema ist ein Thema geworden, über das nun öffentlich gesprochen wird. Lehrerinnen und Lehrer, Ärztinnen und Ärzte sind sensibler und schließen bei Auffälligkeiten und Untersuchungen Gewalt nicht mehr aus und benennen diese auch.
Gerade die Bundes- und Landespolitik hat nun das Thema auf ihrer Agenda. Es tut sich etwas.“

Nach 36 Jahren hören Sie nun auf. Überwiegt das lachende oder das weinende Auge? Wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach so vielen Jahren aus?

Claudia Dalla Torre: „Es gibt eigentlich kein lachendes und kein weinendes Auge. Ich höre auf, weil ich für mich entschieden habe, dass es nun gut ist.
Es war eine ungemein wertvolle und inspirierende Tätigkeit für mich. Es hat mich als Mensch, aber natürlich vor allem als Frau sehr geprägt.
Ich weiß, dass es für meinen Mann nicht immer einfach war, eine Frau an seiner Seite zu haben, die ihre stark feministische Seite schon vor 36 Jahren immer wieder in die Tat umgesetzt hat. Aber er ist einfach ein ganz besonderer Mensch und hat mich immer unterstützt. Dafür danke ich ihm sehr.“

Die Istanbul-Konvention

Am 1. Februar 2018 trat das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, die sogenannte Istanbul-Konvention, für Deutschland in Kraft. Mit Inkrafttreten des Übereinkommens verpflichtet sich Deutschland auf allen staatlichen Ebenen, alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, Betroffenen Schutz und Unterstützung zu bieten und Gewalt zu verhindern. Die 81 Artikel der Istanbul-Konvention enthalten umfassende Verpflichtungen zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, zum Schutz der Opfer und zur Bestrafung der Täter und Täterinnen. Die Konvention zielt damit zugleich auf die Stärkung der Gleichstellung von Mann und Frau und des Rechts von Frauen auf ein gewaltfreies Leben. (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; www. bmfsfj.de)

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