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Trotz Schneesturm gehen rund 1.500 Menschen auf die Straße

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Von: Christine Tröger

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Trotz des Schneesturms versammelten sich auch in Kempten am vergangenen Montag wieder zahlreiche Menschen, um gegen die Corona-Politik zu protestieren.
Trotz des Schneesturms versammelten sich auch in Kempten am vergangenen Montag wieder zahlreiche Menschen, um gegen die Corona-Politik zu protestieren. © Tröger

Kempten – Montag, 18 Uhr auf dem Hildegardplatz. Wieder ein Montag, an dem sich „Spaziergänger“ zum gemeinsamen Marsch versammeln.

Wieder ein Montag, an dem Bürgerinnen und Bürger ihrer Meinung zu den Corona-Maßnahmen Ausdruck verleihen.

Die Zahl der Teilnehmer wuchs in den letzten Wochen beständig und erreichten in der Vorwoche mit laut offiziellen Angaben rund 2.500 Teilnehmern ihren bislang Höchststand. Selbst das Schneetreiben am Montagabend dieser Woche kann nach Aussage von Seiten der Organisation wie Polizei rund 1.500 Menschen nicht davon abhalten, den Weg durch die Stiftsstadt, weiter die Memminger Straße hinunter auf den Adenauerring und via Rottach- , Kronenstraße und Freudenberg via Königstraße zurück zum Ausgangspunkt zu nehmen.

Unterwegs schließen sich weitere Menschen dem stattlichen Zug an. Manche haben Musik dabei – aus einem Lautsprecher tönt „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen, andere lärmen mit ihren mitgebrachten Kuhschellen, Banner – „wir sind die rote Linie“ – und verschiedene Fahnen haben die Menschen dabei, es wird skandiert, miteinander geredet oder einfach nur spaziert. Die Stimmung ist entspannt. Und die Menschen zeigen Gesicht – die Masken sind mit behördlicher Erlaubnis gefallen.

Unterführung an der Rottachstraße.
Unterführung an der Rottachstraße. © Tröger

Gemessen an den „Spaziergängen“ in der Vergangenheit ist erstaunlich wenig Polizei im Einsatz. Dafür begleiten nicht eben wenige von den Veranstaltern eingesetzte Ordner den Zug. Das habe damit zu tun, dass es eine angemeldete Versammlung sei, wie Polizeisprecher Dominic Geißler gegenüber dem Kreisboten erklärte. Das sei bereits in der Woche davor schon so gewesen und seit es eine Versammlungsleiterin gebe, „ist alles viel geordneter“. Geißler sieht darin Vorteile nicht nur für die bessere Einsatzplanung der Polizei, sondern auch für die Teilnehmer, da klar sei, wie die Route verläuft und Straßensperrungen den Weg auch sicherer machten. Inzwischen würden es deshalb auch immer mehr so machen. Wer den Hut aufhat übernimmt aber zugleich Verantwortung. „Als Versammlungsleiter muss man auch hinstehen und dafür sorgen, dass alles ordentlich abläuft“, so Geißler. In der Regel seien es aber immer nur einzelne Personen, „die aus der Reihe tanzen“ und gegebenenfalls ein Eingreifen erfordern. Zwischenfälle hat es nach Aussage Geißlers in Kempten keine gegeben. Nur temporäre Verkehrsbehinderungen wegen der Straßensperrungen.

Viele Spaziergänger sind regelmäßig dabei

Sie sei schon mehrmals mitgelaufen, sagt eine Teilnehmerin mittleren Alters, die zusammen mit ihrer Mutter gekommen ist. Wie alle weiteren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner hier will sie ihren Namen nicht in der Zeitung genannt wissen; die einen fürchten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, manche fürchten zumindest verbale Angriffe. Es ist nicht nur die drohende Impfpflicht, die diese Spaziergängerin auf die Straße treibt. Es seien schließlich Impfstoffe, die nur eine „Notzulassung“ hätten. „Normalerweise dauert es fünf bis zehn Jahre, bis ein Impfstoff zugelassen wird.“ Unerträglich findet sie u.a. die „Diskriminierung“ gerade im Bildungsbereich, da Ungeimpfte an vielen Veranstaltungen und Kursen nicht mehr teilnehmen dürften.

Bereits zum „fünften oder sechsten Mal“ sind zwei junge Männer dabei. Sie sind aus Immenstadt und Martinszell gekommen, wegen der Impfpflicht, wie sie sagen. „Uns freut der Zulauf – dass es immer mehr werden.“

Impfpflicht für Kinder ist für ein junges Paar – sie geimpft, er ungeimpft, wie sie angeben – ein Unding. Auch gegen 2G richtet sich ihr Protest. Gut finden sie, dass es „diesmal durch ein Wohnviertel geht“, wo einfach mehr Leute etwas von der Protestbewegung mitbekommen.

Einen jungen Wertacher stören mehrere Dinge wie die Zunahme an Überwachung, „durch die Hintertür“ oder „wieviel gelogen wird“. Auch findet der Familienvater, der sich den Protestspaziergängen schon öfter angeschlossen habe, die Impfstoffe „dubios“. Eines habe er in der Pandemie gelernt: „Ich glaube zwar nicht sofort alles, aber ich schließe auch nichts mehr aus.“

Ohne Aggression

„Die Leute kämen sicher, auch wenn wir nichts organisieren würden“, sagt einer der Organisationshelfer. Er bestätigt was schon von anderen Teilnehmern zu hören war: Ohne Anwesenheit der als vielfach provozierend empfundenen Bereitschaftspolizei sei es gleich friedlicher.

Polizeisprecher Geißler beteuert dagegen die deeskalierenden Absichten der Kollegen. Er kann sich aber gut vorstellen, dass die voll ausgerüstete Bereitschaftspolizei möglicherweise „Angst einflößend“ wirke, nicht zuletzt deshalb, weil sie immer „in geschlossenen Einheiten“ und nicht einzeln vorgingen. Andererseits müssten die Einsatzkräfte natürlich reagieren, wenn die Stimmung aggressiv sei.

Dass es vormals oft „angespannt“ gewesen sei, führt die Versammlungsleiterin darauf zurück, dass es für die Menschen natürlich schwierig gewesen sei, illegal an einer Veranstaltung teilzunehmen und dadurch mit dem Gesetz in Konflikt kommen zu kommen.

„Sammelstelle“ Hildegardplatz.
„Sammelstelle“ Hildegardplatz. © Tröger

Dass auch diesmal – wie medial und von politischer Seite so oft angeprangert – Radikale welcher Couleur auch immer unter den Spaziergänger sein können, schließt keiner der Gesprächspartner aus. Aber vor allem sei es „ein bunt gemischter Querschnitt“ der Gesellschaft und die Menschen liefen „aus ganz unterschiedlichen Motiven mit“, sagt die Versammlungsleiterin. Der Verantwortung, die sie übernommen hat, ist sie sich bewusst. Aber „so sind wir wieder im rechtlichen Rahmen“ und geben auch denen Gelegenheit dabei zu sein, die das eben nicht illegal tun möge. Und „wir sind so insgesamt weniger angreifbar“, ist sie überzeugt. Zudem sei die „Kooperation mit der Stadt und der Polizei wirklich gut“.

Dass es keine ganz einfache Entscheidung gewesen sei, die Versammlungsleitung zu übernehmen, räumt sie ein. Schließlich werde man schnell als Nazi, Verweigerer und sonst was tituliert. Aber „Freiheit wird aus Mut gemacht“, zitiert sie ihren Lebensgefährten, der die Versammlung vor einem Jahr organisiert habe. „Vor einem Jahr“, schaltet er sich in das Gespräch mit dem Kreisboten ein, „waren im Durchschnitt 50 Personen“ dabei, hauptsächlich Frauen mit Kindern. Das sei jetzt anders.

Insgesamt hatten es die Gesetzeshüter vergangenen Montag mit rund 5.800 Teilnehmern von 25 angemeldeten Veranstaltungen im gesamten Präsidiumsbereich zu tun. „Wir beobachten auch die Social Medias wegen der unangemeldeten Versammlungen, sagt Geißler. So könne man auch darauf entsprechend reagieren. Viele würden aber eh regelmäßig stattfinden und seien deshalb bekannt. Gegen 19.45 Uhr löst sich ein friedlicher Protest-Spaziergang in alle Himmelsrichtungen wieder auf. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden sich kommenden Montag hier wieder treffen.

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