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Festwoche 2022: Volksfest ohne Wirtschaftsausstellung

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Von: Susanne Lüderitz, Martina Ahr

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2022 wird die Festwoche vor allem Volksfest sein. Welchen Namen das Kind trägt, ist noch offen. © Archiv/Weidle

Kempten – 2022 wird es keine Allgäuer Festwoche in gewohnter Form geben, Volksfest und Kultur aber schon, das teilten die Verantwortlichen am Montag im Werkausschuss und am Dienstag in einer Pressekonferenz mit. Bedrückt und bestürzt reagierten die Anwesenden, als sie im Werkausschuss davon erfuhren.

Es ist diesmal nicht die Pandemie, die der Festwochenleiterin Martina Dufner und Oberbürgermeister Thomas Kiechle einen Strich durch die Festwochenplanung macht. Dufner berichtete, dass die Vorbereitungen für die diesjährige Festwoche bereits seit vergangenem Herbst laufen – ganz nach Plan, unter Berücksichtigung eines Hygienekonzepts.

Und dann folgt eine Kettenreaktion: Russland greift die Ukraine an, ein Krieg bricht aus. Es entstehen Beschaffungsprobleme, denn Zelte werden dringend gebraucht. Deshalb gelingt es auch mit zwei Ausschreibungen nicht, Angebote für Zelte zu finden, die den speziellen statischen Anforderungen über den Tiefgaragen entsprechen. „Der Pluspunkt der Festwoche, die schöne Lage im Stadtpark, mitten in der Stadt, wird jetzt zum Handicap“, so Dufner.

Auf Facebook-Seite des Kreisboten gingen gingen die Diskussionen und Spekulationen am Montagabend los. „Aber warum können kleine Dorfvereine dann Festzelte beschaffen und aufstellen, aber die Stadt Kempten nicht? Wo sollen denn die Zelte hin sein?“, fragten die User.

Warum können andere aber Zelte beschaffen?

Bei Viehscheiden oder Dorffesten könne man einfach Erdnägel in die grüne Wiese einschlagen. Das funktioniere bei der Festwochenicht, deren Zelte vor allem auf Tiefgaragen und unebenem Gelände stehen. Hier brauche es „diffizile statische Nachweise“, die nur bestimmte Zeltbauer erfüllen könnten, so Dufner. Auch in der Vergangenheit habe es nie sehr viele Angebote gegeben, da die statischen Anforderungen so speziell seien.

Die bisherige Firma stehe nicht mehr zur Verfügung, da sie sich letzten Frühsommer, nach der Pandemie, aus der Eventbranche verabschiedet habe. Der Markt sei klein und überschaubar, erklärte die Leiterin des Kempten Messe- und Veranstaltungsbetriebs. „Es gibt deutschlandweit nur eine Handvoll Zeltbauer“, die für Kempten in Frage kommen. Von diesen hätten gleich zwei von Anfang an abgewunken mit der Aussage: Im Sommer sind die Zelte schon anders verbucht. Mehrere interessierte Firmen seien nach weiteren Gesprächen vor Ort gewesen, um sich die Lokalität anzusehen. „Im November waren wir uns relativ sicher, dass wir auch Angebote bekommen“, erklärte Dufner.

Groß sei dann die Enttäuschung gewesen, als im Januar keine Angebote eingegangen seien. Als öffentlicher Auftraggeber muss sich die Stadt an die üblichen Vergabeverfahren halten und europaweit mit den entsprechenden Fristen ausschreiben. Dann hätte es wieder mündliche Zusagen gegeben, aber auch die zweite Ausschreibung sei ohne Erfolg geblieben. „Am Mittwochabend haben wir das Ergebnis der Submission erhalten.“ Eine Nachfrage hätte ergeben, dass Firmen teils andere Verträge unterzeichnet hätten und die Zelte zwischenzeitlich auch für das Militär und die Flüchtlingsunterbringung bestellt würden.

Auf feste Gebäude zurückzugreifen, funktioniere nur eingeschränkt, sagte Dufner. Die Markthalle sei „nicht allzu groß“ und die Turnhalle keine attraktive Lokalität. An Aussteller sei sie nicht gut zu vermieten. „Ohne die Zelte ist es immens schwierig, die Qualität in der Wirtschaftsausstellung zu halten“ und die Gewerbetreibenden anzulocken. Auch die Besucherakzeptanz stellte die Festwochenleiterin bei einer Ausstellung in festen Gebäuden in Frage.

Dufner sprach ihr Bedauern aus, dass die Wirtschaftsmesse nicht stattfinden kann. „Wir wollen keine Ausstellung, die nur im Freien stattfindet“, sondern qualitativ hochwertige Räume anbieten, sagte Dufner mit Blick auf die Stammaussteller.

Vor zwei Jahren habe er bereits vorgeschlagen, passende Zelte zu kaufen, erinnert FW-Stadtrat und Festwochenbeauftragter Hans-Peter Hartmann. „Warum wurde das nicht gemacht?“

Mit dem Kauf der Zelte sei es nicht getan, erklärt Dufner. Es entstünden zusätzliche Kosten für die Lagerung, es sei ein Zeltmeister notwendig und eine Aufbau- und Reinigungscrew müsste zusätzlich organisiert werden. „Wir bräuchten eine ganze zusätzliche Abteilung in der Stadt.“

»Festwirte haben zugesagt«

Nach der Werkausschusssitzung hätten alle Festwirte und auch die anderen Gastronomen zugesagt, beim Event im Sommer dabei zu sein, versicherte Zweiter Bürgermeister Klaus Knoll, auch wenn sie sich noch während der Sitzung skeptisch geäußert hätten. Es könnte ja sein, dass eine ganze Mannschaft aus Bedienungen, Küchen und Schankpersonal auf einmal ausfalle. Hinzu kommen die etwaigen Lieferschwierigkeiten durch den Ukraine-Krieg. Das waren die ursprünglichen Bedenken.

Als Erklärung für das spätere Einlenken vermutete Knoll, dass den Festwirten klargeworden sei: Im Gegensatz zu 2021 ist jetzt etwas „Besonderes“ geplant. Für Freitag (nach Redaktionsschluss) war die Besprechung mit allen Gastronomen angesetzt.

Knoll räumte ein, dass die Ansteckungsproblematik nach wie vor bestehe. Einen kleineren Bewirtungsrahmen oder eine Zusammenarbeit der Wirte stellte er als mögliche Lösungsansätze in den Raum. „Wir werden im Sommer vielleicht auch nicht mehr so viel testen“, sagte er. Auch wenn es schwierig werde, zeigte er sich zuversichtlich.

Verwirrung um den Namen des Festes

Das Problem: Kann man den Charakter der Festwoche ändern und die Wirtschaftsmesse weglassen? Kiechle zeigte sich zunächst skeptisch. Nachdem bei der Werkausschusssitzung besprochen wurde, die heurige Veranstaltung werde nicht „Allgäuer Festwoche“ heißen, um den Markenkern zu schützen, stiftete eine Pressemitteilung von Dienstagmittag Verwirrung. Sie verkündete: Die „Allgäuer Festwoche 2022 findet statt – aber ohne Wirtschaftsausstellung“. Man werde laut Kiechle ein Stück weit durchaus etwas von der Allgäuer Festwoche wiederfinden. Die Frage nach dem Titel der diesjährigen Veranstaltung ist aber noch nicht abschließend geklärt, wie Wirtschaftsreferent Dr. Richard Schießl bei der Pressekonferenz verdeutlichte.

Die Wirtschaftsausstellung gehöre zur Kernmarke der „Allgäuer Festwoche“, versuchte Oberbürgermeister Kiechle zu präzisieren. „Die Wirtschaftsausstellung können und wollen wir nicht durchführen.“ Trotzdem wollten die Organisatoren mit dem Arbeitstitel „Allgäuer Festwoche“ den „überregionalen Anspruch der Veranstaltung“ nicht aufgeben und 2023 und später wieder daran anknüpfen.

„Wir müssen die Chance wahrnehmen und das Zeitfenster nutzen.“ Denn die Pandemie sei nicht vorbei und er gehe davon aus, dass sich die Lage im Herbst wieder verschlechtere. Auch Parteikollege Helmut Berchtold rechnet damit, dass auch 2023 und 2024 noch Nachwirkungen zu spüren seien. „Es ist nicht mehr so, wie es früher war“, sagte er im Werkausschuss. Deshalb appelliert er an den Ausschuss: „Lasst uns wenigstens das anbieten, was die Leute wollen: Die Abendveranstaltungen der Festwoche.“

Das diesjährige Fest werde einen stärkeren Volksfestcharakter besitzen als letztes Jahr. „Wir haben einen anderen Impfstatus und andere rechtliche Voraussetzungen“, sagte Kiechle hoffnungsfroh bei der Pressekonferenz. Letztes Jahr musste man auf Abstände und Masken achten. Bereiche, „bei denen ein bisschen Stimmung hätte aufkommen können, mussten geschlossen werden“, erinnerte sich Dufner.

Man wolle heuer versuchen, im aktuellen Kontext, trotz allem, ein Rahmenprogramm zu schaffen – auch über Volksfest und Kultur hinausgehend. Zum Beispiel die Themen Klimaschutz, Ökologie könnten dargestellt werden, etwa mit einem Allgäutag oder mit dem Holztag. „Diesen Anspruch wollen wir nicht aufgeben“, sagte Kiechle. „Wir werden eine Veranstaltung machen“ – nur eben keine klassische Festwoche.

»Prinzip Hoffnung«

Wie genau das Fest aussehen könnte, steht noch nicht fest. In einer Sondersitzung – voraussichtlich am 6. Mai – sollen Ideen gesammelt und ein neues Konzept erstellt werden. Zweiter Bürgermeister Klaus Knoll: „Ich bin mir sicher, wenn wir das Ganze beleben mit einer Bühne, verschiedenen Bands und Sport- und Kulturveranstaltungen, vielleicht mit einem Jahrmarkt und Fahrgeschäften für kleine Kinder, wird das eine ganz tolle Veranstaltung.“ Er sprach von einem „Sommerfestival“ oder einem „Sommerfest“. Es warte jeder darauf, dass wieder Leben in die Stadt komme. „Nach zwei Jahren Pandemie will jeder wieder etwas erleben.“

Auch wenn man nicht wisse, wie die pandemische Lage im August sei oder welche Folgen der Krieg in der Ukraine hätte, sei es nun Zeit, wieder Zuversicht zu zeigen, sagte Kiechle. „Stand heute können wir davon ausgehen, dass es uns gelingt, ein attraktives Angebot zu schaffen, das unserer Tradition ein Stück weit entspricht.“ Deutlich brachten die Organisatoren den Willen zum Ausdruck, in den nächsten Jahren langsam wieder zu der Festwoche zurückzukehren, wie sie einmal ausgesehen hat.

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