Das schwedische Kammerorchester Musica Vitae spielte Kompositionen von Florian Willeitner.
+
Das schwedische Kammerorchester Musica Vitae spielte Kompositionen von Florian Willeitner.

Die Musik ist schön

Hörgenuss beim Classix Auftakt-Wochenende

  • VonJürgen Kus
    schließen

Kempten - Das Classix-Festival hat sich beim Start bereits zu ersten Vortragshöhepunkten aufschwingen können.

Kurzfristig haben sich im Programm zwei Änderungen ergeben. Mehr dazu erfahren Sie hier.

In der Schönheit eines Augenblicks ist alles enthalten, jeder Ton, jedes Bild, jede Stimmung und jeder schöne Ort der Welt. Schön ist aber auch die Zeitspanne wohlkomponierter Musik, die einem noch dazu die Luft zum Atmen lässt. Benjamin Schmid mag solche Musik. Als künstlerischer Leiter des Classix Kammermusikfestivals ist er für die Auswahl des Programms zuständig und kann sowohl auf ein großes Netzwerk an Musikerkollegen und ganzen Orchestern zurückgreifen als auch auf sein ungemein vielseitiges Repertoire als Geiger, das auch Ausflüge in die Jazzmusik umfasst.

Classix: Spannendes Hörerlebnis zwischen Neutönerischem und Hörgewohntem

Aus allem schöpft Benjamin Schmid, wenn er an den beiden ersten Abenden des diesjährigen Festivals im Kemptener Stadttheater mit dem schwedischen Kammerorchester Musica Vitae Kompositionen von Florian Willeitner spielt, die sich bereits zu ersten Vortragshöhepunkten aufschwingen.

Florian Willeitner ist ein Geiger und Komponist, auch ehemaliger Schüler von Benjamin Schmid am Mozarteum in Salzburg, der bereits in jungen Jahren sehr talentiert seine Spuren in einem Bereich klassischer Avantgarde hinterlassen hat, der auch Elemente von Folk und Popmusik miteinbezieht. Seine Suite für Streichorchester und sein Valentina‘s Air und Ben‘s Jig für Solo-Violine und Streicher halten genau die Balance zwischen Neutönerischem und Hörgewohntem, die manch alter Zwölfton-Avantgarde zu einer sinnlicheren Hörerfahrung abgeht und die ein spannendes und „schönes“ Hörerlebnis garantiert.

Slawische Klänge am Sonntagabend

Das letztgenannte Werk fand am Sonntag im Abendkonzert sein atemberaubendes Gegenstück in Mieczyslaw Weinbergs Rhapsodie über moldawische Themen für Violine und Klavier, die in einer wilden Mischung aus slawisch-rumänischen Volksmelodien und Tänzen und melancholischer europäischer Kunstmusik das Publikum begeisterte. Da klang danach Friedrich Guldas gewiss neuartiger gemeintes Wings for Solo Violin, Strings and Rhythm von 1973 fast ein bisschen schematisch und brav.

Bei der Festivaleröffnung am Samstagabend begann das Orchester nach kurzen einführenden Worten von Dr. Franz Tröger, dem Festivalorganisator, und Benjamin Schmid so leicht und federnd mit dem Doppelkonzert in d-moll für Violine, Klavier und Streicher, dass man vom ersten Ton an aufmerksam wurde.

Wie aus einem Guss

Der Geniestreich des jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy, der bereits in seiner frühesten Jugend die Formprinzipien und stilistischen Feinheiten seiner Zeit aufgesogen hatte, war für das Ehepaar Ariane Haering am Klavier und Benjamin Schmid an der Geige der ideale Playground, um sich als instrumentale Experten präsentieren zu können. Sie haben dieses Stück bereits seit längerer Zeit in ihrem Repertoire, spielten sie doch bereits vor drei Jahren auf dieser Bühne nur den ersten Satz daraus, der aber damals ein wenig verloren und aus dem Zusammenhang gerissen dastand. Heute das ganze Werk wie aus einem Guss!

Tschaikowskys Serenade in C-Dur op.48 ist ein viersätziges Stück reine Musik, ganz ohne die manchmal überbordende Tschaikowsky-Romantik. Weniger romantisch, eher klassisch in seiner Form und im Ausdruck, und hiermit zeitlos schön in seinem Ablauf und in seinen Motiven. Leider – und das war ein kleiner Wermutstropfen des ersten Abends – bediente sich das von Benjamin Schmid geleitete Orchester nicht des strukturierten Klangs, mit dem es bei Mendelssohn begonnen hatte und der auch bei Willeitner immer wieder durchschimmerte.

Das Forte Fortissimo im ersten Satz wurde zu statisch genommen und nicht mehr zu einem Pianissimo herunterdifferenziert, das in der Partitur ebenfalls vorgegeben ist. Erst in den folgenden Sätzen bekam man wieder eine Ahnung von dem ausgewogenen Klangbild, das diesem Orchester aus Växjö in Südschweden möglich ist.

Hochzeit von Violine und Tuba

Am Sonntagvormittag eine besondere Matinee. Der Titel Stradihumpa – hoch versus tief aus dem Programmheft versprach Schräges und gab nur die Information, dass es sich um ein Duo aus Benjamin Schmids Violine und Andreas Martin Hofmeirs Tuba handeln würde. Was die beiden aufführten, war aber dann nicht nur schön schräg, sondern wurde zu einem Potpourri von mit großer Musikalität und instrumentalem Können zusammengehaltenen Originalkompositionen aus der Holledau, Extravaganzen österreichischer Avantgarde-Künstler und Übertragungen von Werken berühmter Komponisten.

Beide Musiker kennen sich von ihren Lehrtätigkeiten am Salzburger Mozarteum her, Andreas Martin Hofmeir hat zudem ein zweites Standbein mit der bekannten und etablierten Musikerformation La Brass Banda. Bei ihm zeigte sich in seinen Ansagen zusätzlich sein ungemein unterhaltsames komödiantisches Talent, das immer wieder in die Richtung von Gerhard Polt und der „Biermösl Blosn“ deutete.

Kurz erwähnt seien noch die beiden Bachviolinkonzerte, mit denen der Sonntagabend begann. Besonders das zweite, das Konzert für drei Violinen und Orchester mit Benjamin Schmid, Dorota Siuda und Linus Roth an den Violinen, wurde von allen Musiker*innen auf der Bühne mit jener kontrapunktischen Vielschichtigkeit und vorwärtsdrängender Strahlkraft aufgeladen, die in den „profanen“ Kompositionen Bachs angelegt ist. Für Linus Roth, aus Ravensburg stammend, war dies aber erst der Auftakt zu seinem Meistervortrag des Abends, der bereits erwähnten Rhapsodie von Mieczyslaw Weinberg.

Das Festival mit allabendlichen Konzerten dauert noch bis nächsten Sonntag.

Quelle: Kreisbote

Auch interessant

Kommentare