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Neue Stadtführung zur NS-Zeit in Kempten packt Erinnerungskultur aktiv an 

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Von: Christine Tröger

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Stadtführung in Kempten
Karin Lucke-Huss erklärt den Mitgliedern des Kulturausschusses vom ehemaligen Herrenausstatter Walter, der im heute nahezu unveränderten Erker-Haus unterhalb der Freitreppe angesiedelt war. ©  Tröger

Die Stadt Kempten bietet eine neue Stadtführung zur NS-Zeit an.

„Es geschah genau hier.“ Ist der Titel für ein neues Angebot der Stadt, das sich an Touristen wie Kemptenerinnen und Kemptener richtet. Der Stadtrundgang zum Nationalsozialismusin Kempten wurde vom Kulturamt, Tourismus Kempten zusammen mit der Freien Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und Expertin für NS-Geschichte und Holocaust Education Anja Schuller-Müller M.A. sowie der Stadtführerin, Reiseleiterin und Buchautorin Karin Lucke-Huss M.A. konzipiert. Letztere gab den Mitgliedern des Kulturausschusses Anfang der Woche eine auf eine Stunde verkürzte Vorab-Kostprobe der normalerweise zweistündigen Stadtführung. „Erinnerungskultur“ steht im Zentrum der seit zwei Jahren aktiv betriebenen Aufarbeitung der Stadt Kempten mit ihrer vor allem braunen Vergangenheit.

Zwar sei Kempten diesbezüglich „nicht vergleichbar“ mit Städten wie Berlin, Nürnberg oder München. Aber auch in Kempten „sind die Nazis nicht wie Aliens vom Himmel gefallen“, stellte Lucke-Huss klar. Sie hätten auch hier „wichtige Ämter“ bekleidet, seien Täter an „Orten der Entrechtung“ gewesen, für Hinrichtungen verantwortlich gewesen. Dass nur allzu viele von diesen Leuten nach dem Krieg zwar zunächst verurteilt worden seien, dann aber weiterhin Ämter bekleidet hätten, lag laut Lucke-Huss daran, dass „die Netzwerke gut funktioniert haben“ und das über die 1970er/1980er Jahre hinaus. Erst jetzt komme langsam Bewegung in die Dinge.

Stadtführung zur NS-Zeit in Kempten

Auf dem Spuren der Vergangenheit werden Täter, Opfer und (heutige) Orte der damaligen Geschehnisse miteinander in Verbindung gebracht. Neben jüdischen Opfergruppen stehen auch Kemptenerinnen und Kemptener im Fokus, die aus anderen als rassischen Gründen verfolgt wurden, ebenso Täterinnen und Täter sowie Orte des NS-Verwaltungsapparates und des Militärs. Im Kurzprogramm nicht enthalten waren u.a. der eigentliche Startpunkt am August-Fischer-Platz, wo früher der Alte Bahnhof gewesen sei und damit Start für Deportationen und KZ-Häftlings-Transporte; ebenso ist die Allgäuhalle in der kompletten Stadtführung enthalten, in der einst die „Braune Messe“ – eine Wirtschaftsmesse – stattgefunden habe, nur für Nicht-Juden. Mut und/oder Verzweiflung steht auch hinter zahlreichen Namen. Einer ist Dekan Hermann Kornacher von der St.-MangKirche (1886 – 1980), der laut Lucke-Huss nicht nur in seinen Predigten „sehr mutige Gratwanderungen“ gegangen sei und u.a. von der Kanzel herunter die Namen derer verlesen habe, die von den Nazis als geisteskrank erklärt und im KZ umgebracht wurden. Oder der einstige Stadtrat und langjähriger Vorsitzender der kleinen Jüdischen Gemeinde in Kempten Sigmund Ullmann. Auch Kemptens schillerndster Bürgermeister Dr. Otto Merkt, den Lucke-Huss als „ambivalente Persönlichkeit“ bezeichnete und „überzeugten Rassenhygieniker“ beschrieb. Lucke-Huss gab den Namen auf Stolpersteinen ein Gesicht und erzählte die Geschichten dahinter, wie die von Rosa Löw, Max Schwer, Familie Kohn.

Stationen der zweistündigen Stadtführung

Besucht werden u.a. der August-Fischer-Platz (ehemaliger Bahnhofsplatz und Ort der Deportation von Kemptener Jüdinnen und Juden und anderer Opfergruppen sowie KZ-Häftlingen, Ort des Truppentransportes aus dem Allgäu an die Front), die Bahnhofstraße 10 (Wohnhaus der jüdischen Familie Löw), die Allgäuhalle (Außenlager des KZ Dachau, Ort der Reden Adolf Hitlers in Kempten), die Shedhalle der Spinnerei und Weberei (Außenlager des KZ Dachau, Werksgebäude der Rüstungsindustrie), die St.-Mang-Brücke und St.-Mang-Kirche (Orte des offenen Widerstandes gegen die NS-Diktatur), das Rathaus (Sitz der NS-Verwaltung), der Residenzplatz 23 (Stolperstein für Max Schwer, Euthanasieopfer), die Residenz/Gericht (Ort für NS-Gerichtsverfahren) und das Kempten-Museum (Ausstellung von KZ-Zeichnungen).

Termin für die nächste öffentliche Führung (mit Treppen, daher nicht barrierefrei) ist Samstag, 19. November, um 11 Uhr; sie ist geeignet für die ganze Familie (ab 14 Jahren) und kostenfrei. Treffpunkt: Brunnen auf dem August-Fischer-Platz (beim Forum). Anmeldung: 0831/2525- 7777, museen@kempten.de Alle Infos zur Erinnerungskultur finden sich unter www.kempten. de/erinnerungskultur

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