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Sieht so Wohnen der Zukunft aus?

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Von: Dominik Baum

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Marion und Florian Felch schauen sich gemeinsam mit Sohn Benedikt auf dem von ihnen gepachteten Grundstück um – in wenigen Wochen wird hier ihr Modulhaus stehen.
Marion und Florian Felch schauen sich gemeinsam mit Sohn Benedikt auf dem von ihnen gepachteten Grundstück um – in wenigen Wochen wird hier ihr Modulhaus stehen. © Baum

Kempten – Ganz gleich, ob Miete oder Kauf: Die Nachfrage nach Allgäuer Immobilien ist groß. 

Auf ein Angebot folgen nicht selten Hunderte Anfragen. Selbst Besserverdienende gehen da oft leer aus. Auch Familie Felch aus Durach hat jahrelang nach einem geeigneten Baugrundstück gesucht, um sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen – vergebens. Also entschied sich die Allgäuer Familie dazu, einen unkonventionellen Weg einzuschlagen: Statt ein Grundstück zu kaufen, begaben sie sich auf die Suche nach jemandem, der bereit war, dieses zu verpachten – mit Erfolg. Am 15. Februar ziehen Mama Marion, Papa Florian und Sohn Benedikt in ihr neues Zuhause, einem transportablen Modulhaus, in Sulzberg ein. Der Kreisbote Kempten wollte mehr über das alternative Wohnkonzept wissen und hat Marion Felch – noch in ihrer Mietswohnung in Durach – besucht.

Inspiriert von einer Reise durch die USA

„2015 waren mein Mann und ich mit dem Wohnmobil in Amerika unterwegs. Nach drei Wochen haben wir gemerkt, dass wir eigentlich alles, was wir brauchen, dabeihaben. Das hat uns dazu inspiriert, auch im Alltag auf überflüssiges Hab und Gut zu verzichten“, erzählt die selbständige Innenarchitektin Marion Felch. Es folgten Reportagen und Dokumentationen über Minimalismus und die Tiny House-Bewegung. „Ein Tiny House kam für uns aber nicht infrage, da uns hier ein Zimmer zum Zurückziehen fehlen würde. Doch so sind wir auf Modulhäuser als Wohnform gestoßen.“

»Wie Legobausteine«

Modulhäuser werden in der Regel bereits in einer Halle schlüsselfertig zusammengebaut. Anschließend werden die einzelnen Wohnmodule, ähnlich einem Container, mit einem Tieflader angeliefert. „Wie Legobausteine, die dann mit einem Mobilkran aufgestellt und zusammengefügt werden“, meint Felch, die sich vom Wohnkonzept auch deshalb angesprochen fühlt, weil es einen flexiblen Umzug erlaubt. „Das Haus hat nämlich Stützen unten dran“, weiß der vierjährige Sohn Benedikt. Statt eines gegossenen Betonfundaments wird das Haus der Familie Felch auf einem ausgesteiften Holzrahmen mit Schraubenfundament stehen. „Innerhalb von vier Stunden ist das Haus aufgestellt und ebenso schnell wäre es – samt Einrichtung – wieder transportfähig. Auf dem Grundstück würden nur ein paar Löcher der Schrauben zurückbleiben“, erklärt die Innenarchitektin.

Für ihr Haus, bestehend aus zwei Modulen mit einer Wohnfläche von insgesamt 78 Quadratmetern, haben sich die Felchs für einen Anbieter aus der Nähe von Mannheim entschieden. Seriell gefertigte Häuser dieser Größenordnung bietet das Unternehmen ab einem Preis von rund 200.000 Euro an. Die Allgäuer Familie hat sich jedoch gegen ein Haus von der Stange entschieden, weil sie „so ökologisch und gesund wie möglich“ bauen wollte. „Bei diesem Unternehmen hatten wir, im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern von Modulhäusern, die Möglichkeit, den Grundriss entsprechend unseren Vorstellungen anzupassen.“ Das mit einer Wärmepumpe und einer Photovoltaikanlage samt Energiespeicher ausgestattete Haus erfüllt die Anforderungen an ein KfW-Effizienzhaus 40 plus. „Dadurch konnten wir die KfW-Förderung von 30.000 Euro voll ausschöpfen.“

Auf Grundstückssuche

Nach der Geburt ihres Sohnes haben die Felchs erstmals intensiver forciert, bauen zu wollen. Doch die Konkurrenz bei der Grundstückssuche war groß. Es habe immer irgendwen gegeben, der bereit gewesen sei, noch mehr Geld dafür auszugeben. „Irgendwann mussten wir einsehen, dass es so nicht weitergeht. Andererseits hatten wir die Erkenntnis: Wenn wir ein transportables Haus haben, muss uns gar kein Grundstück gehören“, so Marion Felch, die anschließend herausfand, dass es in Durach einige Baugrundstücke gibt, die seit Jahren unbebaute Investitionsobjekte sind. „Ich habe versucht, die Eigentümer ausfindig zu machen und nachzufragen, ob eine Pacht des Grundstücks für sie eine Option wäre. Da sich niemand zurückgemeldet hat, haben wir eine Anzeige geschaltet. Daraufhin hat uns eine Familie aus Sulzberg kontaktiert, die von unserem Wohnkonzept begeistert ist und ein Baugrundstück übrighat.“ Im September 2020 fand ein erstes Treffen mit den Grundstückseigentümern statt. Nachdem sich beide Seiten bei der Dauer der Pacht auf 15 Jahre verständigen konnten, unterschrieb Familie Felch im Januar 2021 den Bauvertrag. Im August folgte die Baugenehmigung seitens der Gemeinde.

Die Vorteile: Kostenkontrolle, Flexibilität und Zusatzverdienst

Für Familie Felch löst diese Art des Wohnens gleich mehrere aktuelle Probleme. „Es werden Baugrundstücke genutzt, die ohnehin brachliegen. So kann ein Flächenfraß vermieden werden und Grünflächen, gerade in der Dorfmitte, bleiben erhalten“, befindet Felch, die auch bei den Kosten klare Vorteile sieht: „Bei einer kleinen Bauweise ist die Kostenkontrolle leichter. Da wir außerdem einen Festpreis unterschrieben haben, mussten wir zwischenzeitliche Holzpreiserhöhungen nicht mitmachen.“

Gleiches gilt für das Grundstück: „Welche Familie ist noch in der Lage, sich so sehr zu verschulden, um hier ein normales Grundstück zu kaufen? Wir legen viel Wert auf freie Zeit. Wir wollen nicht beide bis 65 Vollzeit arbeiten müssen, um unser Haus abbezahlen zu können.“

Dass dieses Wohnkonzept nur für einen minimalistischen Lebensstil geeignet ist, glaubt Felch allerdings nicht. „Dank der Modulbauweise ist das Haus flexibel erweiterbar und lässt sich auch wieder verkleinern. Wenn sich die familiären Umstände verändern, beispielsweise durch die Geburt von Kindern oder 20 Jahre später den Auszug dieser, kann darauf reagiert werden.“

Auch die Grundstückseigentümer profitieren aus Sicht von Marion Felch von einer Pacht. Wurde das Grundstück als reines Investitionsobjekt oder für die späteren Kinder und Enkelkinder gekauft, könne in der Zwischenzeit ein zusätzliches Einkommen generiert werden.

Die Nachteile: Schwierige Finanzierung und Ungewissheit

Eine Frage, die bei dieser Art des Wohnens im Raum stehe, sei: Wie geht es nach 15 Jahren weiter? Im Pachtvertrag sei zwar die Option verankert, über den festgelegten Zeitraum hinaus zu verlängern, wenn dies für beide Seiten in Ordnung ist, aber eine Garantie gebe es keine. „Somit schwingt die Angst vor der Ungewissheit mit.“ Und da das Grundstück so hinterlassen werden muss, wie es anfänglich vorgefunden wurde, ist Familie Felch auch bei der Gartengestaltung eingeschränkt. „Wir werden keinen Apfelbaum pflanzen, den wir gegebenenfalls nach 15 Jahren wieder herausreißen müssen.“

Die wohl größte Herausforderung sei jedoch die Finanzierung des Objekts gewesen. Für einen Immobilienkredit belasten Hausbauer normalerweise ihr Grundstück mit einer Grundschuld. „Da uns das Grundstück nicht gehört, war dies natürlich nicht möglich und wir hatten nur das Haus als Sicherheit anzubieten. Ich habe bei 20 Banken angefragt, die allesamt unter diesen Gegebenheiten keinen Kredit gewähren konnten. Unsere Lösung bestand dann darin, auf das elterliche Grundstück eine Grundschuld zu schreiben. Wer diese Möglichkeit nicht hat, wird sich aktuell schwertun, einen Immobilienkredit zu bekommen, der wiederum Voraussetzung für die KfW-Förderung ist.“

Die Felchs hoffen darauf, dass Banken und Grundstückseigentümer auf Trends, wie die Tiny House-Bewegung, reagieren und neue Wohn- und Finanzierungslösungen Einzug halten. „Vielleicht sind wir in 15 Jahren ja schon so weit, dass es ganz normal ist, sich ein neues Grundstück für sein Eigenheim zu suchen.“

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