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Soll die Kemptener ZUM weichen? Stellplatzfrage beim Sparkassenquartier löst Grundsatzdiskussion aus

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Von: Martina Ahr

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Teil des Sparkassenquartiers: Ansicht der Häuserzeile (li.) Promenadestraße in Richtung Residenzplatz, angefangen bei Hausnummer 1, dann 3, 5, 7 und das ehemalige Grünwald-Haus am Eck mit der Nummer 9.
Teil des Sparkassenquartiers: Ansicht der Häuserzeile (li.) Promenadestraße in Richtung Residenzplatz, angefangen bei Hausnummer 1, dann 3, 5, 7 und das ehemalige Grünwald-Haus am Eck mit der Nummer 9. © Christine Tröger

Kempten – Aus der Frage „Tiefgarage fürs Wohnen im Sparkassenquartier – Ja oder Nein?“ entwickelte sich im Verkehrsausschuss eine Grundsatzfrage: Welchen Platz soll der Individualverkehr gegenüber dem ÖPNV künftig einnehmen?

Und was bedeutet das für die ZUM?

Eine derzeit nicht genutzte Tiefgarage mit 14 Parkplätzen ist beim Sparkassenquartier mit Zufahrt über die ZUM vorhanden. Nicht ausreichend für das neue Nutzungskonzept: „Seniorenwohnen, wohnen auf gehobenen Niveau“ ist uns am liebsten“, so Manfred Hegedüs, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Allgäu. Eine solche Mieterzielgruppe erreichen zu wollen, sei wegen der steigenden Baupreise notwendig. Es werde im Sparkassenquartier also keine Wohnungen für sozial Schwache geben können.

„Seniorenwohnen auf gehobenem Niveau“ im Sparkassenquartier

Aus dieser Entscheidung ergibt sich ein Problem: Die anvisierten „Mieter und Mieterinnen kommen eigentlich immer mit mindestens einem oder zwei Fahrzeugen pro Wohneinheit“. Bei 30 bis 40 geplanten Wohnungen und den Flächen für Arztpraxen entstünde ein Bedarf an 70 bis 80 Stellplätzen. Deshalb will Hegedüs dafür werben, langfristig Stellplätze in Gebäudenähe zu schaffen. Das Bauprojekt müsse möglicherweise neu überprüft werden, sollte es zu keiner Lösung für ausreichende Parkplätze kommen. Auch sei ein etwaiger Verkauf der Wohnungen ohne Stellflächen kaum möglich.

Doch so leicht ist die Stellplatzfrage nicht zu klären. Markus Wiedemann, Amtsleiter Tiefbau und Verkehr, stellt die möglichen Zufahrten vor, damit die Anwohner die Tiefgarage erreichen könnten. Eine Zufahrt von Norden her sei „quasi unmöglich“, bei einer Erschließung von Süden sieht er das Problem, dass zusätzlicher Verkehr den Knotenpunkt ZUM behindere. Der KVB – Kemptener Verkehrsbetriebe – habe sich klar negativ dazu positioniert. Eine Erschließung über die Fußgängerzone sei laut der Straßenverkehrsbehörde, KVB, der Polizei und dem Straßenbauamt mit „erheblichen Schwierigkeiten“ verbunden.

Zünglein an der Waage: Zufahrt zum Sparkassenquartier

Vorstellbar sei laut Wiedemann die Haupterschließung über die Linggstraße. Das funktioniert aber nur dann, wenn an der Stelle kein Busverkehr mehr operiere. An der Linggstraße gäbe es dann keine klassischen Bushaltestellen mehr. Er wirft die Frage auf, ob man stattdessen gleich an dezentrale Umsteigestellen denken wolle.

OB Thomas Kiechle steigt auf den Gedanken ein: „Ist der Zeitpunkt gekommen, den Standort der ZUM zu hinterfragen?“

Thomas Kappler, Leiter der Kemptener Verkehrsbetriebe (KBV), stellt klar: Während der drei bis vier Jahre Bauzeit sei kein Normalbetrieb der ZUM möglich. Man strebe eine Taktverdichtung auf eine 15-Minuten-Frequenz an, auch das funktioniere nicht bei einer solchen Behinderung.

CSU-Stadtrat Helmut Berch­told ergänzt, dass der neue Gewerbebus mit 100 Frequenzen pro Tag die ZUM-Auslastung an die Grenzen bringe. „Aber das beschlossene ÖPNV-Konzept muss schon umgesetzt werden.“ Deshalb stehe für ihn fest: Die ZUM müsse während der Bauarbeiten auf jeden Fall verlegt werden. Aber auch langfristig sieht er Schwierigkeiten auf den Busverkehr zukommen: „Die ZUM kann nicht funktionieren, wenn zusätzlich dort eine Tiefgaragenzufahrt entsteht.“

Weniger Busverkehr an der ZUM mit Knotenpunkten im Süden und im Norden

Sein bevorzugter Lösungsvorschlag, die Zweiteilung der ZUM, geistert schon seit Jahren durch die Gremien und hat im Zuge der Seilbahnstudie Aufmerksamkeit bekommen: An der Rottachstraße und am Hauptbahnhof entstehen neue Knotenpunkte, die mittels Stammstrecke miteinander verbunden werden. So sei es auch weiterhin möglich, an der bisherigen ZUM auszusteigen, allerdings sei das Verkehrsaufkommen dort stark reduziert. Die beiden Knotenpunkte werden so zu Entlastungspunkten. Man müsse „halt die Leute zum Umsteigen erziehen“, so Berchtold. Auch der Einzelhandel in der nördlichen Innenstadt könne von einer solchen Dezentralisierung profitieren.

Mit der Verlegung der ZUM wäre Platz für Individualverkehr und Tiefgarage am Stadtpark geschaffen. Doch ein Zurück zum Autoverkehr an dieser Stelle will keiner der Anwesenden.

Ein Zurück zum Autoverkehr an der ZUM will keiner der Anwesenden

„Wollen wir, wenn die ZUM weg ist, dort eine Straße haben oder einen Platz oder verkehrsberuhigten Bereich?“, fragt FFK-Stadtrat Julius Bernhardt. Zusätzlichen Verkehr zuzulassen, sieht er nicht als zukunftsweisend. Man müsse sich den Zukunftsthemen stellen. In größeren Städten sei es schon der Fall, dass nicht mehr jeder ein Auto hat, in Zukunft sei mit dieser Entwicklung immer mehr zu rechnen. Zukunftspläne städtebaulicher Art würden verbaut, ein solcher Fehler sei etwa Stuttgart unterlaufen, deren eigentlich autofreie Königsstraße wegen einer Tiefgaragenzufahrt doch befahren werden müsse.

Bernhardt findet parteiübergreifend Zustimmung. „Wir diskutieren über strategische Ziele und Klimaschutz. Wenn wir schon solche Ziele verabschieden, warum machen wir das nicht?“, so Grünen-Stadtrat Dr. Stefan Thiemann. Individualverkehr vermehrt in die Stadt zu leiten, sei ein „No go“ und stehe allen formulierten Zielen entgegen. Auch FW-Stadtrat Alexander Buck möchte nach einer Verlegung der ZUM dort keinen Individualverkehr zulassen. Er könne sich eher vorstellen, eine Hauptachse für den Radverkehr zu schaffen. Außerdem gelte für ihn: Wer einen Stellplatz in der Nähe will, könne sich durchaus bei bereits bestehenden Flächen einmieten.

Archäologie an der ZUM noch gar nicht berücksichtigt

Stellplätze seien ein Kern­thema des Städtebaus, erklärt Tim Koemstedt, Referatsleiter für Planen, Bauen und Verkehr. Er verstehe den Reflex, ausreichend Parkplätze schaffen zu wollen. Dennoch müsse man auch darüber nachdenken, ob der Fokus darauf, den Städtebau autogerecht zu gestalten, zukunftsfähig sei. Er merkt auch an, dass das Thema Denkmalschutz noch keine Berücksichtigung in den Überlegungen gefunden habe. Es sei davon auszugehen, dass es, wenn die Bauphase begonnen hat, im dortigen Bereich archäologische Funde gebe. „Das würde eine Tiefgarage schwierig machen.“

Außerdem sei festzuhalten: Es wird einen Lebensmittelhandel direkt im Haus, über einen Aufzug erreichbar, geben; die Nahversorgung funktioniere ebenfalls zu Fuß. In der Nähe seien reichlich Stellplätze vorhanden – deshalb sagt Koemstedt „ganz klar Nein zur Notwendigkeit von Stellplätzen in dieser Größenordnung“. Es könne aber z.B. ein kleiner Bereich definiert werden, in dem zum Be- und Entladen geparkt werden dürfe.

„Es hat sich niemand deutlich für eine Tiefgarage ausgesprochen“, stellt Kiechle fest, „und die ZUM können wir so nicht halten.“ Diese müsse so schnell wie möglich zumindest interimsmäßig verlegt werden. Ein positiver Effekt: Der Wohnwert im Sparkassenquartier erhöhe sich durch die Verringerung des Busverkehrs. Das könne auch eine Ausweitung des Stadtparks ermöglichen. Die Sparkasse könne als Alternative Parkplätze an einem künftigen Busknotenpunkt und Parkhaus in der Rottachstraße unterbringen.

Das seien klare Worte, die nicht in allen Punkten gefallen, so Hegedüs. „Aber gerade als Privatperson kann ich die Haltung gut nachvollziehen.“

Lesen Sie auch: Disput über die künftige Gestaltung für den Radverkehr in der Kemptener Salzstraße

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