1. Startseite
  2. Bayern
  3. Augsburg & Schwaben
  4. Kreisbote Kempten

Staatssekretärin Dr. Manuela Rottmann im Dialog mit Allgäuer Landwirtschaft

Erstellt:

Von: Jörg Spielberg

Kommentare

Bei einer Diskussionsrunde beim Milchwirtschaftlichen Verein stellte sich die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Manuela Rottmannn aus dem Bundesministerium für Landwirtschaft den Fragen von Presse und Landwirten.
Bei einer Diskussionsrunde beim Milchwirtschaftlichen Verein stellte sich die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Manuela Rottmannn aus dem Bundesministerium für Landwirtschaft den Fragen von Presse und Landwirten. © Spielberg

Kempten – In der vergangenen Woche besuchte die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Manuela Rottmann aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft den Milchwirtschaftlichen Verein Bayern e.V. in Kempten, um sich bei einer Diskussionsveranstaltung den Fragen von Presse und Landwirten zu stellen. 

Knapp 20 Interessierte waren im Börsensaal erschienen, darunter auch Alfred Enderle, scheidender Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes Oberallgäu e.V. und Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes in Schwaben. Begleitet wurde Manuela Rottmann von Thomas Gehring, Landtagsabgeordneter und wie Rottmann Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Zu Beginn betonte Alfred Enderle, dass die Allgäuer Landwirte auch mit der neuen Staatssekretärin einen offenen Austausch pflegen möchten. „Wir sind da völlig vorurteilsfrei“, so der Bezirkspräsident des BBV.

Enderle gab der Staatssekretärin ein paar Informationen zur Struktur der Allgäuer Landwirtschaft: Derzeit prägen rund 3.600 landwirtschaftliche Betriebe die Allgäuer Kulturlandschaft. Mit einem Anteil von 98 Prozent an der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist das Dauergrünland dominierend. Milchviehhaltung ist der bedeutendste Betriebszweig. „Bei uns werden Tiere gehalten“, so Enderle und fährt fort: „Das Allgäu besitzt eine kleinteilige Landwirtschaft, aktuell geht der Anteil der milchwirtschaftlichen Betriebe um rund fünf Prozent zurück.“

Rottmann stellte klar, dass man sich derzeit in Berlin mehr um die Schweine- als um die Rinderhaltung kümmere. Sie stehe derzeit mehr im Dialog mit den großen landwirtschaftlichen Betrieben des Nordens, als mit der kleinteiligen Landwirtschaft im Allgäu. In manchen Gesprächen im Norden höre sie das Vorurteil, dass in Teilen Süddeutschlands wohl „Museumslandwirtschaft“ betrieben werde. Sie aber stünde zur kleinteiligen Landwirtschaft.

Anbindehaltung und Schleppschuh

Ein anderer Teilnehmer der Diskussion erklärte die bäuerliche Struktur mit der Topographie des Allgäus. „In Oberstdorf mit Alpwirtschaft werden durchschnittlich 30 Kühe pro Hof gehalten, im Unterallgäu mit Talwirtschaft bis zu 300.“ Dieser Hinweis führte zu einem ersten Punkt in der Diskussion, der Anbindehaltung. Die ist in Bayern und Baden Württemberg noch erlaubt, weil die vielen Kleinbetriebe den Umbau ihrer Anbindeställe zu geräumigeren Laufställen z.T. finanziell nicht leisten können.

Nun wird vom Gesetzgeber eine „Kombihaltung“ vorgeschrieben. Für Landwirte mit kleinen Stallungen heißt das, dass an mindestens 120 Tagen im Jahr ihre Milchkühe auf Laufhof, Weide oder Buchten Bewegung erhalten. Werden im Stall Verbesserungen für das Tierwohl vorgenommen (Tränke, Licht, Luft, Platz etc.), reduzieren sich die Lauftage auf 90.

Eine anwesende Landwirtin beschreibt, dass der Handel, wie EDEKA oder REWE, immer mehr Druck auf die Bauern ausübe, ihr Milchvieh in Laufställen zu halten. Wer dem nicht folge, dessen Milch wird nicht mehr in den Eigenmarken verarbeitet. Ein weiteres Ärgernis aus Sicht der Landwirte ist die neue Düngemittelverordnung, die eine bodennahe Ausbringungstechnik auf Grünland ab 2025 zwingend vorschreibt. Damit möchte der Gesetzgeber aus Brüssel die Nitratwerte allgemein reduzieren. Eine bodennahe Ausbringung bewirkt eine verbesserte Verteilgenauigkeit und geringere Emissionen. Die Nachrüstung oder Neukauf von dafür notwendigen Schleppschuh oder Schlitzverteiler bereite den Bauern Bauchschmerzen, da, wie sie sagen, eine Anwendung auf Hanglagen technisch nicht möglich sei.

Mehr Humus

Rottmann macht keine große Hoffnungen, diese europäische Richtlinie im Kern stark aufweichen zu können. Allerdings zeigte sie sich bereit, sich mit einem möglichen Lösungsansatz zu befassen, den ein Landwirt vorbrachte. Der möchte das Problem „an der Wurzel packen“ und Milchvieh stickstoffreduzierter füttern, was zu einem signifikanten Rückgang des Ammoniakgehalts in der Gülle führen soll.

Rottmann macht im Laufe des Gesprächs deutlich, dass sie grundsätzlich an der Ökologisierung der Landwirtschaft festhalten möchte. „Es ist ein Irrglaube, wenn wir annehmen, dass wir mit noch mehr Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln die Erträge steigern können. Auch nach Ende des Ukraine-Krieges bleibt die Situation wegen des Klimawandels im Ganzen prekär.“ Rottmann hat daher andere Prioritäten. „Es geht u.a. darum, Humusgehalt und Wasseraufnahmefähigkeit zu erhöhen, die Resilienz zu stärken und somit Böden zu sichern.“ Dass die Staatssekretärin bei der Umsetzung dieser Ziele eher an Verbote denn an Anreize glaubt, macht sie auch deutlich: „Anreize bedeuten i.d.R. mehr Bürokratie, es muss ein Antrag gestellt werden, es muss abgerechnet werden, es muss dokumentiert werden.“

Gasmangel bereitet Sorgenfalten

Große Sorge bereitet den Landwirten die gegenwärtige Energiekrise. Mehrere Anwesende bitten die Staatssekretärin darum, die Landwirtschaft und die ihr angeschlossenen Verarbeitungsbetriebe auf der Verteilerliste für Gas höher zu setzen. „Das Schlimmste für einen Landwirt wäre es, wenn seine Milch nicht mehr weiterverarbeitet werden kann, weil diese Betriebe kein Gas mehr bekommen.“ Ein Landwirt aus Probstried drückt es so aus: „Besser einen Pullover mehr im Winter tragen, als einen leeren Kühlschrank haben.“

Rottmann zeigte Verständnis und merkte an, dass nur ein Drittel der angesprochenen Betriebe noch auf Öl umstellen können. Sie, Rottmann, schließe sich der Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck an, dass nicht grundsätzlich Privathaushalte vor Industriebetrieben bevorzugt Gas erhalten sollen. „Wir denken in Berlin sehr angestrengt über diese Dinge nach“, sagte sie, fügte aber hinzu, dass sie öffentlich keine Details zur Verteilerliste verlautbaren darf, da dies die betroffenen Betriebe in ihrer Existenz gefährden würde. „Wie soll sich ein Betrieb mit Kapital versorgen, wenn öffentlich wird, dass er auf der Verteilerliste weit unten steht?“

Auch interessant

Kommentare