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Studie offenbart: Klimawandel, Corona und Krieg — fast ein Drittel der Jugendlichen hat Depressionen

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Von: Jörg Spielberg

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PK Trendstudie Jugend in Deutschland Hurrelmann Schnetzer 2022
Der Jugendforscher Simon Schnetzer (l.) und der Sozialwissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann (r.) zeigen in ihrer neuesten Trendstudie auf: Viele Krisen entmutigen viele Jugendliche. © Marc-Steffen Unger/www.ms-unger.

Kempten – Trendstudie „Jugend in Deutschland“: Die Stimmung bei vielen Jugendlichen trübt sich aktuell stark ein, zu groß und spürbar sind die vielen Krisen, die sich derzeit auftun.

Eine optimistische Grundstimmung, wie sie für Jugendliche typisch ist, wird zunehmend durch Antriebslosigkeit, Verunsicherung und sogar Depression überlagert. Das zeigt die aktuelle Trendstudie „Jugend in Deutschland“. Sie beruht auf einer repräsentativen Befragung von 14- bis 29-Jährigen, die von dem Kemptener Jugendforscher Simon Schnetzer und dem Sozialwissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann geleitet wird.

Wegen der weiter spürbaren Einschränkungen durch die Pandemie beklagen die Befragten den Kontrollverlust bei ihrer Alltagsgestaltung, ihren persönlichen Beziehungen und ihrer Bildungs- sowie Berufslaufbahn. Große Zukunftssorgen sind die Auswirkungen des Klimawandels und natürlich die Konsequenzen des Angriffskrieges von Russland gegen die Ukraine.

Krisen addieren sich

„Seit über 20 Jahren befindet sich die Jugend in Deutschland im Krisenmodus. Die Älteren darunter haben die Wirtschaftskrise von 2008 erlebt und wurden mit dem Gau in Fukushima 2011 konfrontiert. Die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 erlebten viele als einschneidend, weil ihnen klar wurde, wie sehr sich die Krisen der Welt auf ihr Leben in Deutschland auswirken.

Seit 2018 treibt sie die Sorge vor den Folgen des Klimawandels um, mit dem Frühjahr 2020 kamen die Umbrüche und Unsicherheit aufgrund der Corona-Pandemie und jetzt kommt noch die Kriegsangst dazu“, fasst Schnetzer die Situation zusammen. Wichtig ist ihm und seinem Co-Autoren Prof. Hurrelmann zu verdeutlichen, dass nicht eine Krise durch die andere verdrängt wird, sondern dass sich die Krisen überlagern und aufschaukeln. Diese Kaskaden verdichten sich zu einem Weltbild, dass wenig Raum für Optimismus zulässt.

„Die dichte Aufeinanderfolge von tief in das Leben eingreifenden Krisen setzt der Jugend zu. Nach zwei Jahren Einschränkungen ihres privaten und schulisch-beruflichen Alltags durch die Pandemie sind viele von ihnen psychisch angespannt. Die Bedrohung durch einen Krieg in Europa drückt als eine weitere Last auf ihre Stimmung. Viele machen sich große Sorgen um ihre berufliche, finanzielle und wirtschaftliche Zukunft“, so Hurrelmann.

Das ist die größte Sorge der Jugend

Laut der Studie „Jugend in Deutschland“ ist der Krieg in der Ukraine (68 Prozent) die aktuell größte Sorge junger Menschen in Deutschland, weil er alle Zukunftsaussichten infrage stellt und das bisherige Sicherheitsgefühl zerstört. Die Studie belegt: 46 Prozent haben große Angst, dass der Krieg sich auf ganz Europa ausweiten könnte. Allerdings, die Sorgen wegen des Klimawandels (55 Prozent), der Inflation (46 Prozent) und der Spaltung der Gesellschaft (40 Prozent) werden dadurch nicht weniger; die Werte bleiben konstant hoch.

Zurückhaltende Zustimmung bei der Frage nach Sanktionen gegen Russland und dem Vorhaben Aufzurüsten. So befürworten nur 58 Prozent umfassende Sanktionen gegen Russland, 43 Prozent die Erhöhung von Militärausgaben und 37 Prozent Waffenlieferungen an die Ukraine. „Die jungen Menschen in Deutschland sind nicht auf eine kriegerische Auseinandersetzung vorbereitet und stehen auch einer Wiedereinführung des Wehrdienstes zurückhaltend gegenüber“, erläutert Hurrelmann.

Die meisten Jugendlichen, so erklärt der Sozialwissenschaftler, gehören dem Team „Vorsicht“ an, wenn es um den Umgang mit der Pandemie geht. Bei der Umsetzung von Hygienemaßnahmen und der Bereitschaft sich impfen zu lassen, schreiten die Jugendlichen voran. Die Ernüchterung aber, dass die Pandemie bis jetzt nicht besiegt werden konnte, greift um sich.

Die psychische Gesundheit nimmt ab

Schon vorangegangene Trendstudien hatten gezeigt, dass sich die psychische Gesundheit in der jungen Generation verschlechtert. Eine genaue Analyse zeigt: Die drei am häufigsten berichteten Belastungen sind Stress (45 Prozent), Antriebslosigkeit (35 Prozent) und Erschöpfung (32 Prozent). Erschreckende 27 Prozent der jungen Leute berichten von Depressionen, 13 Prozent von Hilflosigkeit und sieben Prozent von Suizidgedanken. Viele wünschen sich mehr professionelle Unterstützung und Hilfe zur Stressbewältigung, auch direkt im schulischen Raum.

Stimmen von Jugendlichen

Eingeladen zur Pressekonferenz waren auch die Studentin Sofia Tahri (25) und der Schüler Nico Tremmel (19). Sie berichteten frei von ihren Eindrücken aus den letzten Jahren. Dabei formulierten beide Wünsche an die Politik. So möchte Tahri, dass es mehr Vertrauenslehrer, Lernbegleiter und Sozialarbeiter gibt, die ein offenes Ohr für die Sorgen der jungen Leute haben.

Tremmel wünscht sich mehr Ausbildung in puncto Finanzen & Steuern. „Geld spielt nun mal eine große Rolle und wir jungen Menschen wissen zu wenig darüber.“ Einen Wehrdienst oder Freiwilligendienst lehnt der Schüler ab: „Wir haben durch Corona genug Zeit verloren und wollen jetzt vorankommen.“

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