1. Startseite
  2. Bayern
  3. Augsburg & Schwaben
  4. Kurier Memmingen

Fischertagsverein Memmingen: Die „Nähmädla“ übernehmen eine wichtige Aufgabe

Erstellt:

Von: Sophie-Isabel Gunderlach

Kommentare

Nähmädla des Fischertagsvereins Memmingen
Ein Teil des Teams der „Nähmädla“. Das älteste Mitglied ist über 80, das Jüngste 13 Jahre alt. Mitmachen kann jeder, egal ob Näherfahrung oder nicht. Wichtig ist nur, dass man Lust hat, mit Nadel und Faden zu arbeiten. © Gunderlach

Memmingen - Es brummt und summt in der Nähstube im Memminger Süden. Die Stimmung ist geschäftig-konzentriert, gleichzeitig aber auch locker und herzlich. Knapp 20 Freiwillige sind an diesem Dienstagnachmittag im Einsatz. Sie sind Teil der „Nähmädla“ – eine 1979 gegründete Gruppe des Fischertagsvereins – und sie haben eine wichtige Aufgabe: Sie sind für die Kostüme aller Memminger Gruppen an Fischertag und Wallenstein verantwortlich.

Rund 4.500 bis 5.000 historische Gewänder haben die freiwilligen Helferinnen und Helfer bisher gefertigt. Egal, ob Adelsgewand oder Hemden für die einfache Bevölkerung – jedes Stück geht hier durch. Die Leitung der „Nähmädla“ hat Susanne Pfalzer inne, Chefin in der Nähstube ist Schneidermeistern Renate Nägele. Unterstützt werden die beiden von insgesamt rund 35 Ehrenamtlichen, darunter auch zwei Männer. „Es ist egal, ob jemand vom Fach ist oder wenig Näherfahrung hat – bei uns können alle mitmachen. Jeder, der möchte, wird von uns angelernt und eingearbeitet. Wichtig ist nur, dass die Person gerne mit Nadel und Faden arbeitet“, betont Susanne Pfalzer.

Fischertagsverein Memmingen Nähstube: Susanne Pfalzer und Renate Nägele
Susanne Pfalzer (links) und Renate Nägele haben als Gruppenleiterin der „Nähmädla“ und Chefin der Nähstube ein besonderes Auge auf jedes Kostüm und Gewand des Fischertagsvereins. Unterstützt werden sie von etwa 35 ehrenamtlichen Näherinnen und Nähern. © Gunderlach

Das trifft beispielsweise auf Anneliese Kohler zu. Seit ihrem Renteneintritt vor über 20 Jahren arbeitet sie freiwillig bei den „Nähmädla“ mit. „Ich war zwar in einem Textilbetrieb beschäftigt, aber ich musste zu Beginn erst angelernt werden“, erinnert sie sich. Heute ist sie eine Könnerin und weiß genau, was zu tun ist. An diesem Mittag schneidet sie Hemden zu. Dafür wird ein Muster mit dem Messer ausgeschnitten, die weiteren Schnitte übernimmt die Maschine. Denn wer denkt, dass die „Nähmädla“ noch in mittelalterlicher Kulisse arbeiten, irrt. Die großen Räume sind gut ausgestattet mit Industrienähmaschinen, Kettelmaschinen und mehreren Bügelstationen. „Bei der Masse an Kostümen ist das auf anderen Wegen nicht zu schaffen. Für ein edles Gewand müsste man ungefähr 40 bis 50 Stunden pro Monat rechnen, wenn das mit Hand angefertigt werden würde“, erzählt Renate Nägele.

UMFRAGE: Plant Ihr einen Abstecher aufs Wallensteinfest in Memmingen?

Zuständig sind die fleißigen Näherinnen und Näher für alle historischen Gewänder der Gruppen des Fischertagsvereins. Sie nähen neue Kostüme und reparieren bestehende, lassen sie aus oder passen die Größe an. Die Arbeit läuft, bis auf eine Sommer- und Weihnachtspause, rund um das Jahr. „Für uns geht es nach dem Fischertag sofort mit den Vorbereitungen für nächstes Jahr weiter. Steht auch Wallenstein an, wird es noch einmal arbeitsintensiver. Da sind wir sechs bis acht Monate im Voraus stark gefordert. 2022 ist die Herausforderung noch ein Stück größer, da die Entscheidung über das Stattfinden der Feste so kurzfristig fiel“, erzählt Susanne Pfalzer. „Die letzte Kostümausgabe war vor Corona. Vor allem Kinder sind in der Zeit gewachsen. Da müssen wir sehr viele Größen anpassen, wir müssen Gewänder ausbessern oder reparieren.“

„Nähmädla“ treffen sich zweimal in der Woche

Um alle Arbeit rechtzeitig zu schaffen, trifft die Gruppe sich in dieser Zeit zweimal in der Woche, neben Dienstag auch Donnerstagvormittag. Gearbeitet wird in einer Art Zwei-Schicht-Modell. Ab dem Mittag sind die da, die bereits in Rente sind. Ab 17 Uhr gibt es einen Wechsel und es kommen bis abends die, die noch arbeiten. Die Nähstube befindet sich in der Memminger Alpenstraße, im Rückgebäude der Firma Rexel. Auch der Fundus des Fischertagsvereins hat hier seinen Sitz. Dort kümmert man sich beispielsweise um das Schuhwerk oder die Waffenausgabe. Es gibt klare Regeln: Bis Ende Oktober/Anfang November dürfen die Gruppen des Fischertagsvereins einen sogenannten Investitionsantrag stellen, in dem sie beschreiben, was sie benötigen. Über jeden Antrag entscheidet der Vorstand. Susanne Pfalzer und ihr Team bekommen anschließend eine Liste mit den genehmigten Anträgen, die sie abarbeiten. Jedes Kostüm bekommt eine Stammkarte mit Kostümnummer. Auf dieser ist zum Beispiel vermerkt, welche Teile zu dem Kostüm gehören, welche Kleidergröße es hat und zu welcher Gruppe es gehört.

Historische Bücher und Bildbände werden nach einer passenden Vorlage durchgeblättert

Steht ein neues Kostüm an, ist zunächst Renate Nägele gefordert. Sie blättert sich durch historische Bücher und Bildbände und sucht eine passende Vorlage aus. Auch die Stoffauswahl liegt in ihrer Hand. „Wir haben Geschäfte in der Region, zum Beispiel das Stoffgeschäft Schwenger hier in Memmingen, mit denen wir seit Jahren gut zusammenarbeiten. Zunächst schaue ich dort, ob ich einen passenden Stoff finde“, erklärt Renate Nägele ihr Vorgehen. Das muss aber nicht immer zum Erfolg führen. „Manchmal muss ich den Suchradius auch vergrößern, tausche mich mit Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland aus, ob sie einen Tipp haben. Ich habe auch schon Stoffe im Urlaub gekauft“, so die Schneidermeisterin weiter. Ist der Kostümentwurf fertig, geht es an die Umsetzung: Zuschneiden, nähen und ketteln. Es sind viele Ehrenamtliche an der Fertigung eines Kleidungsstücks beteiligt. Außerdem wird das ganze Jahr über an den vorhandenen Gewändern gearbeitet, sie werden repariert und ausgebessert.

Fischertagsverein: Nähstube freut sich über weitere Unterstützung an der Nähmaschine

Wer die Arbeit der „Nähmädla“ unterstützen möchte, ist jederzeit willkommen mitzumachen. Am besten wendet man sich dafür direkt an den Fischertagsverein. Susanne Pfalzer betont: „Man lernt hier viele Fähigkeiten, die man beispielsweise auch zuhause einsetzen kann. Einige Kolleginnen erzählen immer wieder, wie sie die Lust zu nähen nun auch für die eigenen vier Wände, für Freunde oder für die Enkel entdeckt haben.“

Besuchen Sie den Memminger KURIER auch auf Facebook!

Auch interessant

Kommentare