Gruppe Rotwild am Waldrand
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Neben dem mittlerweile gefühlt für fast alle Katastrophen in diesem Land verantwortlichen Klimawandel, wird vor allem das Thema Wildverbiss für die fortschreitende Schädigung der Wälder verantwortlich gemacht.

„Wald vor Wild“-Beschluss vertagt

Memmingens Stadtrat diskutiert über Schädigung heimischer Wälder

Memmingen - Auch in den städtischen Wäldern sind die Folgen von Klimawandel und Wildverbiss sehr deutlich und haben massiv zugenommen. Daher waren sich im Stadtrat alle Fraktionen im Grunde einig, dass dem Wald geholfen werde müsse. Nur über den Weg dorthin schieden sich die Geister im Plenum am vergangenen Montag deutlich. Die von der Städtischen Forstverwaltung und dem Bayerischen Städtetag vorgeschlagenen Maßnahmen wurden von einer Mehrheit im Stadtrat abgelehnt und vertagt.

Forstamtsleiter Stefan Honold und Professor Dr. Manfred Schölch, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldbewirtschaftung, belegten in ihren Vorträgen vor dem Stadtrat eindrucksvoll mit Zahlen und Bildern die fortschreitende Schädigung der Wälder. Neben dem Klimawandel und den nicht überlebensfähigen Baumarten machen dem Baumbestand in den städtischen Wäldern vor allem der Verbiss der jungen Bäume durch Rehwild besonders zu schaffen. Die natürliche Verjüngung des Waldes mit widerstandsfähigen Baumarten wie Tanne und Edelholz-Laubbäumen weg von der anfälligen Fichte werde durch das Rehwild massiv gestört. Dadurch muss der Forst sehr aufwändige und teure Schutzmaßnahmen ergreifen, um den Baumbestand und den Waldaufbau für die Zukunft zu sichern.

Waldpachten verändern

Im Beschlussvorschlag des Forstamtes, der dem des Bayerischen Städtetags bereits aus 2017 folgt, sollte daher vor allem die langjährige Vergabe von Waldpachten an Jäger verändert werden und mehr und mehr städtischer Wald wieder in Eigenregie der Stadt geführt werden. Dies sei die erfahrungsgemäß einzige Maßnahme, die bereits innerhalb weniger Jahre Erfolge zeigt. Die Städtische Forstverwaltung habe zu wenig Einfluss auf die Jagdausübung und könne in Schadfällen nicht reagieren. Aufgrund langer Pachtzeiten (neun Jahre) fehle es auch an der nötigen Flexibilität. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die bisherige neunjährige Verpachtung von Wäldern an Jäger und Jagdgenossenschaften nicht die geforderte und notwendige Abschusshöhe bei Reh- und Schwarzwild erreicht. Auch eine schärfere Sanktionierung von Wildschäden ist aufwändig, bürokratisch und verändere nichts an der Tatsache, dass Pflanzen aufgrund von Wildverbiss ausfallen.

Hohe Wildschäden

Im Artikel 1 des Bayerischen Waldgesetzes ist der Grundsatz „Wald vor Wild“ verankert und wird eine konsequente Ausrichtung des Wildbestandes am Zustand der Waldverjüngung gefordert. Alle Gutachter betonen, dass die Bewahrung oder Herstellung eines standortgemäßen und möglichst naturnahen Zustandes des Waldes nur unter Berücksichtigung des Grundsatzes „Wald vor Wild“ möglich sei. Städte wie Landsberg oder Immenstadt haben bereits die bisherige Pachtvergabe verändert und bewirtschaften ihre Wälder bereits zu 100 Prozent in Eigenregie, in Augsburg sind es bereits 70 und in München 80 Prozent, ebenso wie in den Wäldern des Bayerischen Staatsforstes. In Memmingen wird bislang nur ein kleiner Teil von zehn Prozent in der Regie des städtischen Forstamtes bewirtschaftet.

Der Eingriff in die bisherige Praxis der Pachtvergabe und den traditionellen bisherigen Privilegien schmeckt den Jägern und bisherigen Pächtern jedoch nicht. Sie weisen auf ihre langjährige Kompetenz im Wald hin und bezweifeln, ob die Forstämter das besser machen könnten. Gottfried Voigt von den Freien Wählern, selbst seit über 25 Jahren Jäger, beruft sich gar auf die 500-jährige Geschichte der Memminger Freiheitsrechte, in denen die allgemeine Freigabe der Jagd- und Fischereirechte an die Bauern gefordert wurde. Der 3. Bürgermeister Dr. Hans-Martin Steiger (SPD) drehte in der Debatte darum jedoch den Spieß um, und verwies darauf, dass durch die geplanten Veränderungen der Wald erst wieder an die Allgemeinheit zurückgegeben werde.

Der Antrag von Gottfried Voigt, die vorgelegte Beschlussvorlage zu vertagen, fand schließlich bei den Stadtratsmitgliedern von Freien Wählern, CSU/FDP, CRB und AfD eine Mehrheit. Oberbürgermeister Manfred Schilder forderte diese Mehrheit auf, in Kürze ihren Informationsbedarf und Gegenvorschläge vorzulegen, damit bald wieder über „Wald vor Wild“ abgestimmt werden könne und die dringend notwendigen Maßnahmen zur Waldpflege und Bestandssicherung in die Wege geleitet werden können.
(Tom Otto)

Quelle: Kurier

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