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Wie eine ukrainische Flüchtlingsfamilie in Buxheim strandete

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Von: Melanie Springer-Restle

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Dieses Haus in Tschernihiw (Nordukraine) war in unmittelbarer Nachbarschaft der geflüchteten Familie.
Dieses Haus in Tschernihiw (Nordukraine) war in unmittelbarer Nachbarschaft der geflüchteten Familie. © privat

Buxhheim – Immer mehr ukrainische Familien stranden im idyllischen Unterallgäu. Viele von ihnen kommen aus bombardierten Städten. So auch die 40-jährige Elena mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter. Die vierköpfige Familie bezog in der Nacht von Karfreitag auf Ostersamstag eine Gemeindewohnung in Buxheim. Der Wochen KURIER hat sich mit allen Beteiligten unterhalten und Bewegendes wie auch Erschütterndes erfahren.

Als Buxheims Bürgermeister Wolfgang Schmidt am Nachmittag des Karfreitages mit seiner Frau spazieren ging, bekam er einen Anruf von Gemeinderatsmitglied Andi Ruepp. Das ist per se nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war allerdings Ruepps Anliegen. Er bat Schmidt um Wohnraum für eine ukrainische Familie. Das überrascht in diesen Zeiten nicht – doch die Familie war bereits mit einem Hilfskonvoi von Civil Relief Munich auf dem Weg nach Süddeutschland. Der Fahrer kannte Ruepp und hatte ihn auf der Suche nach einer Unterkunft für die Familie vom Auto aus angerufen. Weniger als zehn Minuten später war der Kontakt mit Buxheims Bürgermeister hergestellt, der erklärte, dass die Gemeinde grundsätzlich schon Wohnraum habe, doch der sei noch nicht fertig. Die Wohnung war bis auf eine Küchenzeile komplett leer und nicht im besten Zustand. Man brauche da schon etwas Vorlauf, so Schmidt, der sich indes erkundigte, wie viel Zeit er denn habe. Die Antwort des Fahrers: 12 Stunden. Schmidt entgegnete: „Puh, das wird sportlich.“ Er ging kurz in sich und fügte hinzu: „Aber wir kriegen das hin.“

Teamwork auch am Feiertag

Wenige Minuten später klingelte das Telefon bei Jörg Steinhage, Buxheims Bauhofleiter, der gerade einen Fahrradausflug mit seiner Frau machte. Steinhage ist federführend für die Renovierungen der Gemeindewohnungen zuständig. Die beiden Männer verabredeten sich für 19 Uhr in der besagten Wohnung. Zwischenzeitlich postete Schmidt eine Nachricht in der Feuerwehrgruppe. Binnen Minuten strömten zahlreiche Meldungen innerhalb der Whatsapp-Gruppe ein. Dass Feiertag war, störte niemanden.

Am Abend in der Wohnung angekommen, drehte Steinhage die Wasserhähne auf, nahm die Heizung in Betrieb und installierte Lampen, die er kurzerhand aus einer anderen Gemeindewohnung entnahm. Beim Strom musste er etwas improvisieren. Ein fleißiger Helfer stand ihm dabei zur Seite. Schmidt und Steinhage waren kaum eine halbe Stunde in der Wohnung, dann rückte die Feuerwehr an. Mit einer kompletten Essgarnitur und einer Wagenladung fleißiger Helfer, um die Wohnung bewohnbar zu machen. Die Frau eines Kameraden putzte die Küche. Eine Familie spendierte einen Korb mit Lebensmitteln. Gemeinsam wurden Feldbetten aufgestellt, Bettwäsche und Bettdecken herangeschafft. Bis zu zehn Leute wuselten zeitgleich in der Wohnung. Um 21.15 Uhr schickte Schmidt eine Nachricht an den Fahrer: „Die Wohnung ist fertig.“ Um 2.11 Uhr schließlich erhielt Schmidt dann den vereinbarten Anruf: In 20 Minuten wird die Familie in Buxheim sein. Schmidts Frau hatte noch kurzerhand ein Brot gebacken, das Schmidt zusammen mit einer Packung Salz und einem Willkommensgruß auf dem Esstisch platzierte.

Die ukrainische Familie konnte ihr Glück nach all den Strapazen kaum glauben. Nicht nur waren sie in Sicherheit. Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft aller Beteiligten ließen bei der Ankunft reichlich Tränen fließen.

Buxheims Erster Bürgermeister Wolfgang Schmidt (links) hat kurzerhand mithilfe seines Bauhofleiters Jörg Steinhage (6. v. links), der Feuerwehr und weiteren Helfern den geflüchteten Ukrainern Elena (2. v. links), deren Mutter Svetlana (3. v. links) und den Kindern Mark (4. v. links) und Margarita ein sicheres Zuhause geschaffen zu haben. Der Vorsitzende des Helferkreises Karl Pagany (rechts) wird auch wieder aktiv.
Buxheims Erster Bürgermeister Wolfgang Schmidt (links) hat kurzerhand mithilfe seines Bauhofleiters Jörg Steinhage (6. v. links), der Feuerwehr und weiteren Helfern den geflüchteten Ukrainern Elena (2. v. links), deren Mutter Svetlana (3. v. links) und den Kindern Mark (4. v. links) und Margarita ein sicheres Zuhause geschaffen zu haben. Der Vorsitzende des Helferkreises Karl Pagany (rechts) wird auch wieder aktiv. © Springer-Restle

Die Familie war gegenüber dem Wochen KURIER sehr offen. Elena (40), Tochter Margarita (13), Mark (10) und Mutter Swetlana lebten in Tschernihiw im Norden der Ukraine, unweit der Grenzen zu Weißrussland und Russland.

Tragische Szenen

Elena zeigte unserer Redaktion ein Video von dem zerbombten Supermarkt in ihrem Viertel. Aufgrund des Versorgungsengpasses standen vor einigen Wochen bereits in der Früh um fünf viele Menschen in einer langen Schlange vor dem Supermarkt, um Brot zu kaufen. Genau zu diesem Zeitpunkt feuerten die Russen Granaten in die Menge ab. Elena war 30 Minuten vor dem Angriff dagewesen. In dem Video waren Leichen und Menschen zu sehen, die vor dem Supermarkt lagen, Menschen ohne Gliedmaßen. Vier Wochen musste die Familie zusammen mit anderen Bewohnern des Viertels in einem Keller ausharren. Am 23. März hatte die russische Armee eine Brücke über den Fluss Desna zerstört und damit die Versorgung lahmgelegt. Die Menschen brauchten all ihre Vorräte auf. Anfangs hatte Elena, die im Regionalbüro der Partei „Diener des Volkes“ arbeitete, noch bei der Lebensmittelversorgung mitgeholfen, irgendwann beschloss sie jedoch, das Land zu verlassen. „Es gab fast jede Nacht Bombenangriffe“, so Elena. Den 13. Geburtstag ihrer Tochter Margarita „feierten“ sie zunächst im Keller. Als die Granateneinschläge aufhörten, konnten sie sogar kurz ans Tageslicht.

Die Menschen flüchteten sich während der Angriffe in Keller, wo sie über vier Wochen ausharrten, bis die russischen Truppen abgezogen waren. In einem der Keller (rechts) „feierte“ Margarita ihren 13. Geburtstag.
Die Menschen flüchteten sich während der Angriffe in Keller, wo sie über vier Wochen ausharrten, bis die russischen Truppen abgezogen waren. In einem der Keller (rechts) „feierte“ Margarita ihren 13. Geburtstag. © privat

Nach vier Wochen im Keller endlich die Flucht

Nachdem die Russen abgezogen waren, reparierte das Militär die Brücke und Elena konnte die Stadt verlassen. Ein Teil der Familie ließ sich allerdings nicht überzeugen zu flüchten. „Die glauben noch, dass alles bald wieder gut wird“, sagt sie gegenüber unserer Redaktion. „Das Schreckliche ist, dass sich die Menschen irgendwann an den Beschuss gewöhnt haben“, ergänzt sie. „Ich war erst erleichtert, als wir die ukrainische Grenze zu Polen überquert haben. Und dann kamen die deutschen Autos. Wir wussten aber nicht, wohin wir fahren“, so die 40-Jährige.

Während der Fahrt hatte der Fahrer versucht, der Familie zu erklären, wo er sie hinbringen würde: nach Buxheim. „Niemand von uns hätte erwartet, so begrüßt und versorgt zu werden. Der Seelenfriede ist unbeschreiblich“, sagt Elena mit Tränen in den Augen. Ihr Sohn Mark hat bereits seine ersten Sätze Deutsch gelernt und sich unserer Redaktion stolz mit Namen und Alter vorgestellt.

Große Hilfsbereitschaft

Wie es nun weitergeht, weiß niemand. Fest steht: In Buxheim sind die vier Ukrainer nicht nur in Sicherheit, sondern auch in besten Händen. Ein großes Netzwerk an Helfern, das der Buxheimer Flüchtlingshelfer und Vorsitzender des Helferkreises Karl Pagany (75) bereits zur ersten Flüchtlingswelle aufbaute, steht der Familie zur Seite. Genau wie alle anderen Helfer und Macher Buxheims.

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