Das 100-Jährige gebührend gefeiert hat die Alpenvereinssektion Mindelheim bereits vor wenigen Wochen.
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Das 100-Jährige der Mindelheimer Hütte gebührend gefeiert hat die Alpenvereinssektion Mindelheim bereits vor wenigen Wochen.

Alpenvereinssektion blickt bei Festabend zurück

100 Jahre Mindelheimer Hütte: Einmal die Nummer eins in den Allgäuer Bergen

  • VonOliver Sommer
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Mindelheim – Gefeiert hatten die Bergkameraden schon Ende August auf der Hütte, doch das eigentliche Jubiläum vergangenen Jahr musste pandemiebedingt leider ausfallen. Nun hatte die Alpenvereinssektion Mindelheim zu einem Festabend ins Forum eingeladen. Mit Kameraden von einst und der einen oder anderen Anekdote aus 100 Jahren Mindelheimer Hütte wurde das Jubiläum nachgefeiert.

Vielleicht wäre die Mindelheimer Hütte nur eine von vielen in den bayerischen Alpen, wenn nicht seinerzeit eine Gruppe Skifahrer über das Silvesterfest eingeschneit worden wäre und mit Hilfe von Bundeswehrhubschraubern gerettet hätte werden müssen – eine deutschlandweite Berichterstattung inklusive. Vielleicht macht auch die Tatsache, dass eine der ersten Photovoltaikanlagen Deutschlands auf dem Dach in über 2.000 Metern Höhe errichtet wurde und seitdem die Sonne das Gros der Energieversorgung sicherstellt. Oder es ist die erste vollbiologische Kläranlage in dieser Höhe, die dafür sorgt, dass Hütte und Gäste die Umwelt nicht belasten. Es könnte auch die Wasserleitung sein, die über 700 Höhenmeter das Trinkwasser aus dem Tal auf die Hütte befördert, in einer Leitung, die unter dem Tragseil der alten Materialseilbahn hängt. Die Liste der Details, die die Mindelheimer Hütte zu etwas Einzigartigem macht, ließe sich beliebig erweitern.

Dabei war schon vor 100 Jahren klar, dass die Unterallgäuer im Oberallgäu, oberhalb von Oberstdorf und unterhalb der Schafalpenköpfe, etwas Besonderes bauen würden. Um diese Geschichte zu erzählen, hatte Fritz Wölfle eigens einen Fachmann eingeladen: Der Radiomoderator und Chef des „Rucksackradios“ des BR Ernst Vogt unterstützte den Chronisten der Mindelheimer DAV-Sektion. Ordnerweise lag die Geschichte der Hütte vor Wölfle, als er die Zuschauer und -hörer mitnahm auf die Reise in die Berge. Wobei einer nicht fehlen durfte: Jochen Krupinski. Denn fast ein halbes Jahrhundert hat der Hüttenwirt die Geschicke der Mindelheimer Hütte gelenkt und selbst mit seinen Ideen und deren Umsetzung teils auch Geschichte geschrieben.

Mitten im königlichen Jagdgebiet

Einmal die Nummer eins in den Allgäuer Bergen, sagte Krupinski, das war der Traum. Den er und seine Mitstreiter, unzählige Hüttenwarte, Schatzmeister und Vorstände des DAV möglich gemacht haben. Auch wenn, wie man in den Gesprächen erfahren konnte, vor allem die Ideen Krupinskis den Hütern der Vereinskasse mehr als einmal schlaflose Nächte bereitet hatten. Vor allem beginnt die Geschichte der Mindelheimer Hütte mit einer Ablehnung. Denn dort, wo sich das Schutzhaus der Mindelheimer Alpenvereinssektion heute erhebt und Platz für 70 Übernachtungsgäste bietet, war vor 100 Jahren königliches Jagdgebiet. Es herrschte Betretungsverbot. Und genauso zielstrebig, wie man auf den Erfolg der Hütte hin gearbeitet hat, verfolgten die Bergkameraden vor 100 Jahren ihr Ziel, im Bereich der Schafalpenköpfe eine Hütte bauen zu dürfen.

Chronist Fritz Wölfle gab im Nachgang noch zahlreiche Anekdoten zum Besten. Und stimmte mit der Ziach das Hüttenlied an.

Um diese Geschichte erzählen zu können, vor allem, wie die Bergkameraden seine königliche Hoheit davon überzeugten, doch an diesem exponierten Ort bauen zu dürfen, hatte Fritz Wölfle die Ordner gewälzt, in denen historische Dokumente, Zeitungsartikel, Briefe und Fotos die Entwicklung dokumentieren. Eine Geschichte, die Wölfle in einer Mischung aus Rückblick und Gesprächen mit Zeitzeugen (zumindest der jüngeren Zeit) erzählte. In einer Diashow, die seinen Vortrag bzw. die Interviews von Ernst Vogt untermalte, ließ Wölfle die Erbauer der Hütte lebendig werden, zeigte, wie man vor 100 Jahren die Materialien für das Haus aus dem Tal auf 2013 Meter Höhe über dem Meer brachte und wie vergleichsweise leicht es heute geht, wenn man Hubschrauber nutzen kann. Die spielen die eine oder andere Rolle, als Materialtransporter ebenso wie als „Lufttaxi“, nachdem man über einige Umwege den Notruf aus der eingeschneiten Hütte ins Tal hatte absetzen können.

Man könne die Zeit der Hütte, die vergangenen 100 Jahre, in drei Abschnitte einteilen, so der Chronist. Die natürlich mit dem ersten Erbauer Franz Xaver Abt beginnt. Seitdem sei kontinuierlich an der Hütte gebaut worden, vor allem in jüngster Zeit, erinnerten sich Max Wohlhaupter und Helmut Gaschler, heutiger und einstiger Hüttenreferent sowie Michael Schwarz und Günther Träumer, die als Schatzmeister die rund vier Millionen Euro aufbringen mussten, die die Bauarbeiten im Laufe der Zeit verschlungen haben.

Beliebtheit wächst

Aber nicht nur deshalb könne man die Hütte von heute nicht mehr mit der von vor 40 Jahren vergleichen, auch wenn da bereits die einstige Schutzhütte eine extreme Verwandlung erfahren hatte. Früher habe man etwas über 3.000 Besucher pro Saison bewirtet, so Jochen Krupinski, der mit seiner Frau Centa 1977 die Hütte pachtete. Heute kommen mehr als 12.000 Besucher pro Jahr auf die Hütte, nicht zuletzt wegen der Rouladen und der Leberknödelsuppe Krupinskis. Und auch Fritz Wölfle, der die Hütte schon seit 66 Jahren, also Zweidrittel ihrer Lebenszeit begleitet, was er mit einem Eintrag im Hüttenbuch belegen kann, musste zugeben, dass die alte Mindelheimer Hütte, die „wohl verranzte Hütte in den Allgäuer Alpen“ gewesen sei, als Krupinski vor inzwischen 44 Jahren als Hüttenwirt anfing. Seither aber hat sich viel verändert.

Nicht nur das Rucksackradio unter der Leitung Vogts hatte aus 2.000 Metern Höhe gesendet, auch zahlreiche Politiker sind regelmäßig zu Gast und nicht zuletzt auch tagte der Mindelheimer Stadtrat schon an diesem ungewöhnlichen Ort. Und immer wieder kam und kommt es zu ungewöhnlichen Ereignissen und Anekdoten, die Wölfle herausgekratzt hatte. Wie etwa der Zeitungsbericht über die Hütte, deren Wirt die Wanderer ins Verderben stürze – eine fiktive Geschichte einer österreichischen Zeitung, die deren Redakteur ohne Kenntnis der Existenz der Mindelheimer Hütte dorthin verlegt hatte. Doch auch die Jugendwarte und Besucher der Hütten trugen mit ihren Geschichten zum Mythos Mindelheimer Hütte bei, nicht zuletzt auch der Hüttenwirt. Etwa, als dieser beim alljährlichen Seminar für Lawinenhundeführer zwei Kanadiern selbstlos Auto und Unterkunft angeboten hatte und dafür von der Regierung von British Columbia in Vancouver die Order erhielt, ein Seminar in Whistler-Mountain zu halten.

„Die Mindelheimer Hütte ist mein Leben!“

Doch es ging nicht nur um die Rettung, sondern auch um das Vergnügen in den Bergen, die zahlreichen Wanderwege, die die Sektion angelegt hatte und auch die Klettersteige, die man in den Felsen gehauen hatte. Oder wie „Jo“ Schafnitzel, der ehemaligen Klettersteigwart meinte: „die Droge Bohrstaub“. Natürlich hatten Wölfle und der Vorsitzende der Mindelheimer Sektion Gerhard Groos viel in den gut dreistündigen „Hüttenabend“ gepackt. Doch vielleicht lässt sich die Mindelheimer Hütte am besten mit den Worten Krupinskis beschreiben, der da, auf die Frage, ob die Hütte seine zweite Heimat sei, meinte: „Nicht die zweite Heimat, sie ist mein Leben.“ Da konnte Fritz Wölfle eigentlich bloß zur Ziach greifen und das Mindelheimer Hüttenlied anstimmen. Denn mit Bildern vom Kaiserschmarrn lässt sich der Hunger auf Hütte nicht stillen.

Oliver Sommer

Quelle: Kurier

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