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Ausstellung im Ziegelwerk in Erkheim: Zeitgenössische Kunst in überwältigenden Dimensionen

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Von: Regine Glöckner

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Zeitgenössische Kunst ist derzeit im Alten Ziegelwerk in Erkheim zu sehen.
Zeitgenössische Kunst ist derzeit im Alten Ziegelwerk in Erkheim zu sehen. © Glöckner

Erkheim – Beinahe würde man dran vorbeifahren: Am so verwunschen und eingewachsen liegenden Gelände und der Ausstellung im Alten Ziegelwerk in Erkheim Richtung Lauben hätten die umsichtigen Macher nach der Ortsausfahrt nicht rechtzeitig den Hinweis „Ausstellung 100m links“ angebracht. Wer die Ausfahrt verfehlt hätte, der hätte durchaus etwas verpasst. Denn was 30 vortreffliche Kunstschaffende im Alten Ziegelwerk in Erkheim am Lerchenberg derzeit ausstellen, ist einen Besuch auf dem imposanten Gelände wert.

Es ist eine schiere Wucht, was Hans Kleinschmidt, gebürtiger Betzisrieder und seine Seelenverwandte, die Erkheimer Künstlerin und örtliche Kulturbeauftragte Tanja Braun, hier auf die Beine gestellt haben. Denn das verborgene, über etwa 50 Jahre bewachsene und vom Verfall geprägte Areal hat Kleinschmidt erstmal aufgeräumt und reanimiert. Und nun hat er – der seit wohlgemerkt 18 Jahren im Ziegelwerk lebt – dieses zusammen mit Braun in ein Muße-, Kunst-, und Rekreationsareal verwandelt, in dem Besucher lustwandeln, Groß und Klein an jeder Ecke etwas entdecken und bestaunen können. Einzigartig und überwältigend.

Der Ort klingt nach Ton, Steinen, aber nicht mehr nach Scherben. Als Spiegelbild seines Erweckers, der weder Entbehrungen, Mühen, Zeit und sonstige Energien scheute, die alte Ziegelei wieder herzurichten und zu einem sinnhaltigen und dem Gemeinwohl zugänglichen Gelände und Erlebnisraum zu machen. Die innere Motivation des 42-Jährigen, sein Geschick und seine Ausdauer übertreffen sämtliche Erwartungen daran, was ein Einzelner mit einfachsten Mitteln aufzubauen in der Lage ist. Man möchte allen Planern von Flughäfen, Bahnhöfen, S-Bahnstrecken, Theatern oder Konzerthäusern eine Visite in dieser Ziegelei und da ein Gespräch mit Hans Kleinschmidt empfehlen. Seine Erzählung von der Verlebendigung dieses Ziegeleigeländes ist geprägt von Bescheidenheit, Klarheit und Stringenz.

Die richtigen Kreativen gefunden

Tanja Braun, die Ausstellungsmacherin und im Unterallgäu wohlbekannte und vernetzte Künstlerin, wurde zur Kreativ-Partnerin Kleinschmidts und verstand sofort und dann über fast ein Jahr Vorbereitungszeit hinweg, das Gelände und die so unterschiedlichen Gebäulichkeiten und Raumkapazitäten des Ziegelei-Geländes zu lesen. Und sie gewann die dazu passenden Kreativen und deren Ausstellungsstücke dafür. Herausgekommen ist die phänomenale Symbiose von Handwerks- und Industriebrache mit vorzüglicher Gegenwarts-Kunst, von Schöpfern aus einer Region zwischen Kempten, Krumbach, Memmingen und Eggenthal. Ein kolossales Zusammenspiel.

Hans Kleinschmidt und Tanja Braun, daneben Kleinschmidts Skulptur „Die Sitzende” vor dem Hauptgebäude.
Hans Kleinschmidt und Tanja Braun, daneben Kleinschmidts Skulptur „Die Sitzende” vor dem Hauptgebäude. © Glöckner

Da feuert aus dem dunklen Brennofen-Raum ein knallfarbenes Gemälde, dort hängt ein Bücher-Kunst-Regal vor einem Gang mit zig Stahltür-Reihen; mitten im Ziegeldom eine bunt-wehende Installation zum Barfuß-Betreten auf feinem Sand; rechter Hand ein utopisch kahler Raum mit eindrücklich-kargen Objekten; Säle, Hallen, Bilder meterhoch; da zwei uralte verstaubte Tresore, dort ausgebrochene Bleiglasfensterrahmen, vor denen hölzerne Feen-Frauenantlitze zum Bestaunen postiert sind; hier aufgelassene Elektroaggregate, nebenan Kamine, Rohre, Leitungen. Und überall und zwischendrin: Kreativität und Kunst. Vergangenheit und Utopie lassen grüßen.

Da ein Stadl, dort ein Pavillon; Längs-, Quer –, Haupt – und Nebengebäude, Fluchten und Schluchten, ein großes Laboratorium. Drumherum, hinein und heraus grünt und blüht es zwischen Skulpturen und Installationen; auch Upcycling ist eine Kunst. Rohe Mauern, Lagergut: verkleidet teils mit einfachem Sackmaterial – Idee: Tanja Braun.

„Woisch no“? Die gleichnamige, soziokulturelle Band von acht Überzeugungsmusizierenden, „die allesamt aus dem Unterallgäu sind“, wie die singenden Frontfrauen Marion Schönberger aus Erkheim und Brigitte Gäble aus Lauben betonen, spielte zum Auftakt des zweiten Ausstellungs-Wochenendes fröhlich und zum Mitsingen auf: und der Live-Act an diesem „place to be“ zog bereits mit den ersten Klängen bei weit über 100 Besuchern Aufmerksamkeit auf sich, genauso wie die Ausstellung an sich.

Von der Leberkässemmel nach Erkheim gelockt

Als etwa siebenjähriger Knirps war Kleinschmidt einmal mit seinem Bruder in dem 1972 stillgelegten Ziegelwerk. Auf seiner langen Suche zuerst „im Oberland“ nach einem Platz für sein Schaffen und seine in Arbeit befindliche „Sitzende“, kam er dann mal wieder in Begleitung eines Freundes und dessen Wunsch nach einer Leberkässemmel nach Erk­heim. Und in die Ziegelei. Seit 2004 der Ort für (s)eine nun zu bestaunende, fulminante Kultur-Lebens-Idee.

Die Ausstellung geht noch bis 31. Juli, jeweils Donnerstag/Freitag von 15-18 Uhr, Samstag/Sonntag 11-18 Uhr. Das Begleitprogramm ist hier zu finden, der Eintritt und der Ausstellungs-Katalog kostenlos. Die Finissage findet am 31. Juli um 16 Uhr mit der Musikkapelle Erkheim statt.

Beteiligte Kunstschaffende: Menni Bachauer, Petra ­Bammes, Manuela Bilgram, Andreas ­Birkner, Tanja Braun, Angela Brunner, Karin Dressler, ­Gerhard Eisenkolb, Annie Gendreau, ­Brigitte Guggenmos, Kornelia Kesel, Carmen Kirkpatrick-Russ, Hans Kleinschmidt, ­Maximilian Lanzl, Angela Lohr, Christa ­Ludwig, Malgorzata Metzeler, Amrei Müller, Ellen Neuschel, Jan NystrØm, Monica ­Ostermeier, Werner Prinz, Ecke Recla, Die Experten eV, Yuliia Sichko, Horst W. ­Wendland, Rosa Zahn, Benedikt Zint, Cornelia Zirnbauer.

Regine Glöckner

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