Wirtschaftspolitischer Austausch bei der Firma Kleiner in Mindelheim
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Zum wirtschaftspolitischen Austausch bei der Firma Kleiner (v. links): Stellvertretender Landrat Michael Helfert (SPD), MdL Franz Josef Pschierer (CSU), MdL Eva Lettenbauer (Grüne), Anja Odendahl (Kreisgeschäftsführerin Grüne), MdB Stephan Thomae mit Geschäftsführerin Brigitte Kleiner und Kaufmännischem Leiter Thomas Weber.

Politiker informieren sich bei Firma Kleiner 

Welche Herausforderungen beschäftigen aktuell den schwäbischen Mittelstand?

  • Marco Tobisch
    VonMarco Tobisch
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Mindelheim – Was brauchen schwäbische Mittelständler, um nach der Pandemie mit einer neu besetzten Regierung in eine gesunde Zukunft zu starten? Das wollten vergangene Woche Vertreter der vier (laut aktueller Prognosen) stärksten Bundestagsparteien bei der Mindelheimer Firma Kleiner herausfinden. Vertreter von Kleiner zeigten derweil anhand unterschiedlicher Aspekte auf, wo es in der Bundesrepublik aktuell hakt und an welchen Rädchen die neue Regierung drehen sollte.

Mit MdL Franz Josef Pschierer (CSU), stellvertretendem Landrat Michael Helfert (SPD), MdL Eva Lettenbauer (Grüne), Anja Odendahl (Kreisgeschäftsführerin Grüne) und MdB Stephan ­Thomae hatte die Firma Kleiner eine illustre, politische Runde zu Gast, die vor allem über eines erstaunt gewesen sein dürfte: Nahezu alle Entscheidungen, die auf Bundesebene getroffen (oder nicht getroffen) werden, wirken sich auch unmittelbar im Unterallgäu aus. So auch die aktuelle Situation in Afghanistan, wo derzeit einer der 500 Kleiner-Mitarbeiter um sein Leben bangen muss. „Der Kontakt ist komplett weg und wir wissen nicht, ob wir ihn wiedersehen“, sagt Geschäftsführerin Brigitte Kleiner.

Volle Auftragsbücher für Bauunternehmen

Ebenfalls ausgewirkt auf die Abläufe im Betrieb hatte sich Corona: 36 positive Fälle und über 200 Verdachtsfälle hat Kleiner bislang notiert und schon jetzt rund 32.000 Masken und 600 Liter Desinfektionsmittel ausgegeben. Rund 100.000 Euro an zusätzlichen Ausgaben hat das verursacht. Die eigentliche Krux in Bezug auf die Pandemie aber ist: Die Baukonjunktur blieb stabil. Oder wie Christian Holzmann, Leiter des Bereichs Baubedarfs, es auf den Punkt brachte: „Es kann wenig produziert werden, aber an der Front wird viel verlangt.“ Neben Holzmann skizzierten auch weitere Abteilungsleiter die aktuellen Probleme. Immer wieder war dabei von Lieferverzögerungen zu hören. Holzmann etwa sagte, man müsse derzeit dafür „betteln“, innerhalb von drei Wochen jene Produkte zu bekommen, die zu „normalen“ Zeiten im Grunde täglich den Weg nach Mindelheim finden. Die Materialknappheit rühre unter anderem daher, dass Abfallprodukte aus Kerosin (weniger Flüge 2020) fehlten.

Die Firma Kleiner, deren Umsatz im letzten Jahr rund 168 Millionen Euro betrug, handelt mit insgesamt 1,8 Millionen Produkten, unter anderem aus den Bereichen Stahl, Haustechnik, Baubedarf und Werkzeugen. Von Abteilung zu Abteilung fuhren die Politiker zusammen mit der Geschäftsführung mit Fahrrädern, um sich im direkten Austausch mit den Abteilungsleitern einen Eindruck zu verschaffen und Fragen zu stellen. Von immensen Preissteigerungen in ihren Bereichen berichteten dabei Karl Riedmaier (Leitung Walzstahl) und Christoph Stöckle (Leitung Baubeschlag). Riedmaier bezifferte die Steigerung in den letzten zwölf Monaten sogar auf 150 bis 250 Prozent und beklagte zudem Maßnahmen wie Strafzölle (China). „Das erschwert uns das Leben hier deutlich“, so Riedmaier.

Zum wirtschaftspolitischen Austausch bei der Firma Kleiner (v. links): MdL Eva Lettenbauer (Grüne), MdL Franz Josef Pschierer (CSU), Stellvertretender Landrat Michael Helfert (SPD), Anja Odendahl (Kreisgeschäftsführerin Grüne) und MdB Stephan Thomae.

Auch Stöckle macht die Materialknappheit zu schaffen, wobei er am Holzmarkt insbesondere ein Kapazitätsproblem sieht. Denn Sägewerke kämen derzeit kaum hinterher, weshalb die Verarbeitung oftmals ins Ausland verlegt werden müsse. Gleiches gelte für Chips und Zusatzteile aus Fernost. „Da muss man leider warten“, so Stöckle. Helfen könne ein europäischer Binnenmarkt.

Joachim Weiß (Abteilungsleitung Heizung) forderte von der Politik langfristigere Förderprogramme im Bereich Heizungen. Innerhalb von zwei Jahren Laufzeit hätte jüngst eines der Programme für eine Verfünffachung des Umsatzes (in diesem Bereich) gesorgt, verriet Weiß – was aber keinem gesunden Wachstum entspreche und eine langfristige Planung erschwere. Wolfgang Weber (Baustahl) appellierte derweil an die Anwesenden, staatliche Unterstützung bei der Erneuerung von Bahngleisen zu ermöglichen, denn Kleiner spart mit seinen Transporten auf der Schiene rund 520 Lkw ein.

Management an mehreren Fronten gefordert

Die Mobilität war anschließend auch Thema in einem offenen Austausch zwischen Politikern und Geschäftsführung. Einig war man sich, dass ein Dieselfahrverbot bzw. ein schneller Umstieg auf Elektromobilität Mittelständler wie Kleiner vor ungeheure Probleme stellt. Schon jetzt müssten Lkw-Fahrer bei ihrer Tagestour von 300 bis 400 Kilometern regelmäßig informieren, ob sie eine dieselfreie Zone umfahren müssten, wie Thomas ­Weber erklärte.

Geschäftsführerin Brigitte Kleiner

Ebenfalls zentrales Thema des Austauschs: Der Fachkräftemangel, der auch Kleiner trifft. Gesucht werden insbesondere Fachleute aus dem IT-Bereich und Berufskraftfahrer. Die Lösung dafür sieht Kleiner aktuell in der eigenen Ausbildung und Kooperationen mit Hochschulen. Mehr als zehn Prozent der Mitarbeiter sind Auszubildende, gerade zum 1. September haben wieder 16 von ihnen sowie zwei duale Studenten im Unternehmen angefangen. Sie zu integrieren, dürfte angesichts langjähriger Erfahrungen ein Leichtes sein. Derzeitige Herausforderungen im Management bei Kleiner derzeit vielmehr: Die Umstellung des Warenwirtschaftssystems für rund drei Millionen Euro, womit derzeit ein rund 60-köpfiges Team beschäftigt ist.

Zentrale Aufgabe bleibt auch bei Kleiner weiter die Bewältigung von Corona im Tagesablauf, womit Brigitte Kleiner und Thomas Weber zwei Forderungen an die Politik verbinden: Den Abbau vom Bürokratie und Komplexität, etwa beim Ausfüllen von Wirtschaftsanträgen, der im Corona­jahr zahlreiche personelle Ressourcen gebunden und gekostet hatte. Außerdem den Ausbau des Mobilfunknetzes, denn Homeoffice und der digitale Kontakt mit Kleiner-Kunden aus ländlicheren Regionen hätte einmal mehr offengelegt, dass es in der Bundesrepublik noch Nachholbedarf gibt.

Marco Tobisch

Quelle: Kurier

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