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Mindelheims Bücherei soll „Wohnzimmer der Stadt“ werden

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Von: Melanie Springer-Restle

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Die neue Leiterin der Mindelheimer Stadtbücherei hat viele Visionen. Nach der anstehenden Sanierung soll die Bücherei ein Ort der Begegnung mit gemütlichen Leseecken, Aufenthaltsräumen und einem interessanten Bildungsangebot werden.
Die neue Leiterin der Mindelheimer Stadtbücherei hat viele Visionen. Nach der anstehenden Sanierung soll die Bücherei ein Ort der Begegnung mit gemütlichen Leseecken, Aufenthaltsräumen und einem interessanten Bildungsangebot werden. © Springer-Restle

Mindelheim – Seit Mai letzten Jahres ist Claudia Rothermel die neue Leiterin der Mindelheimer Stadtbücherei. Für Rothermel ist das ein Traumjob – aus mehreren Gründen. Der Wochen KURIER hat sich mit ihr unterhalten und erfahren, was sie mit der Bücherei vor allem nach der großen, anstehenden Sanierung vorhat.

Als die 52-Jährige im Frühjahr letzten Jahres von der Stellenausschreibung erfuhr, empfand sie das als glückliche Fügung. Rothermel war nach ihrem Bibliothekswesen-Studium in Stuttgart fast 30 Jahre lang in der Münchner Stadtbibliothek tätig gewesen. „Als Bibliothekarin hat man nicht die großen Auswahlmöglichkeiten“, beschreibt sie die Branche. Ihren Job in München mochte sie sehr. Sie betrieb soziale Bibliotheksarbeit und war für Kunden da, die meistens krankheitsbedingt nicht mobil waren. Rothermel machte Hausbesuche und brachte in erster Linie älteren Damen die Literatur ins Haus. „Manche habe ich über 20 Jahre lang begleitet“, verrät sie. Zuletzt war sie auch stellvertretende Abteilungsleiterin, doch im Prinzip war es immer die gleiche Arbeit gewesen und irgendwann werde man unzufrieden, berichtet sie. Deshalb streckte sie die Fühler auf dem Jobmarkt aus und erfuhr kurze Zeit später von der freiwerdenden Stelle in Mindelheim. „Das war ein absoluter Glücksfall“, sagt die gebürtige Memmingerin, denn derartige Stellen würden selten frei.

Letzten Mai dann löste Rothermel Inge Haggenmüller ab, die selbst circa 20 Jahre lang die Mindelheimer Stadtbücherei leitete. Rothermel zog mit ihrer Familie vom Tegernsee, wo sie zuletzt gelebt hatte, nach Mindelheim. Drei Monate hatte sie noch Welpenschutz und wurde von ihrer Vorgängerin eingearbeitet. Ab August war sie dann allein. Den Wechsel von München nach Mindelheim empfand sie „wie eine Zeitreise“, erinnert sich Rothermel. Die Regale und Bodenbeläge lösten nostalgische Gefühle in der gebürtigen Memmingerin aus. Sie hofft, einige der Böden nach der Sanierung behalten zu können. „Ich habe mich sofort in das Gebäude verliebt. Die Perspektive zu haben, es nach meinen Vorstellungen zu gestalten, ist ein Traum. Das erleben Bibliothekare nicht häufig“, freut sich Rothermel.

Aufgrund der anstehenden Sanierung und der pandemischen Lage, kann Rothermel nicht gleich so loslegen, wie sie gern würde. Doch so bleibt mehr Zeit, Dinge zu planen. „Aufgrund der 2G-Regel müssen wir momentan auf einen Teil unserer Kunden verzichten“, erzählt sie. Einige davon seien mittlerweile auf online umgestiegen. Das bedeutet, Leser, die nicht in die Bücherei dürfen, können sich Ebooks über ein Zeitmanagementsystem herunterladen und auf dem Handy oder Tablett lesen. Verlängerungen sind möglich. Nach Verstreichen der Frist kann man die Datei nicht mehr öffnen. „Das hat für die Kunden den Vorteil, dass keine Versäumnisgebühren anfallen“, so Rothermel.

Das Wesen einer Bücherei habe sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Kunden kommen nicht nur, um Bücher auszuleihen. Dies sei früher die Hauptaufgabe einer Bücherei gewesen, die aber durch eine gestiegene Online-Nutzung in den Hintergrund gerückt sei. Früher sei auch ein Studium ohne das physische Aufsuchen einer Bibliothek nicht möglich gewesen. „Ich bin damals bis nach Konstanz gefahren, um dort Literatur für meine Diplomarbeit zu finden“, erinnert sich Rothermel.

Bücherei als „dritter Ort“

Doch die Bedürfnisse der Kunden haben sich verändert. Da müsse eine Bücherei mitgehen. Im neuen Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung gelten öffentliche Büchereien als sogenannte „dritte Orte“. Diese Orte sind als Orte der Gemeinschaft zu verstehen, die einen Ausgleich zu Familie und Beruf bieten sollen. Die Kulturpolitik der Ampel sieht vor, dritte Orte zu stärken und bei Büchereien beispielsweise auch Sonntagsöffnungen zu ermöglichen.

Rothermel begrüßt diese Entwicklung, denn auch sie hat vor, aus der Mindelheimer Bücherei einen dritten Ort zu machen. Es soll diverse Räumlichkeiten geben, in denen auch mal Kurse stattfinden oder Nachhilfelehrer- und Schüler gemeinsam arbeiten könnten. „Die Bücherei ist ein Ort, an dem man sich gut fokussieren kann. Daheim wartet oft nur die Spielkonsole“, berichtet Rothermel vom Dilemma vieler Schüler. Auch diverse Leseecken soll es geben, in denen Kunden auch einfach nur in der Tageszeitung schmökern können. Schüler, die längere Buswartezeiten überbrücken müssen, könnten dies auch in einer der Leseecken tun. Die Bücherei soll ein kostenfreier und niederschwelliger Treffpunkt für jedermann sein „oder populärer ausgedrückt: Das Wohnzimmer der Stadt“, fasst Rothermel zusammen.

Sie sieht es als eine Verpflichtung, den Kunden die Gesamtfläche der Bücherei (circa 450 Quadratmeter) zur Verfügung zu stellen. Sie möchte auch die Öffnungszeiten erweitern, ein Lesecafé etablieren und nach Möglichkeit auch den Innenhof zu einer Lese-Terrasse umgestalten. Für Kinder soll es eine Kreativwerkstatt geben, in der man beispielsweise Filme schneiden, Podcasts machen oder sich auch am 3-D-Drucker ausprobieren kann. Eine Erweiterung der Öffnungszeiten ist beim derzeitigen Personalschlüssel nicht wirklich abzudecken. Eine Investition in mehr Technik, wie beispielsweise eine automatisierte Schließanlage, kann hier eine große Hilfe sein. Hier sind auch Förderungen vom Bund zu erwarten. Das Stichwort lautet „Open Library“. Das bedeutet, dass Kunden innerhalb eines festgelegten Zeitfensters mit ihrem Büchereiausweis das Gebäude betreten können. Das setze natürlich ein hohes Maß an Vertrauen voraus. „Doch das Vertrauen muss man den Kunden entgegenbringen“, so Rothermel, die ihre Klienten bisher als sehr zuverlässig erlebt hat.

Wünsche und Anregungen der Kunden gefragt

Um auch den Wünschen der Kunden gerecht zu werden, möchte Rothermel eine Umfrage innerhalb der Bevölkerung machen, bevor es in die konkrete Planungsphase geht. Die Leser sollen Vorschläge unterbreiten und die neue Nutzung des Gebäudes mitgestalten.

Derzeit laufen die Ausschreibungen und Architekturbüros bewerben sich auf das Projekt. Im März soll seitens der Stadt Mindelheim eine Entscheidung getroffen werden. Sobald der Umbau beginnt, zieht die Bücherei erstmal in ein Interims-Quartier. Hierfür ist auch das Maria-Ward-Gebäude denkbar. „Wenn alles nach Plan läuft, kommen wir 2024 zurück“, so Rothermel, die schon mit den Hufen schart und der konkreten Planung zur Gebäudenutzung entgegenfiebert.

Endlich barrierefrei

Was sie besonders toll findet: „Ich freue mich, dass wir nach der Sanierung endlich barrierefrei sind!“. Rothermel bedauert, dass weniger mobile Leute bisher ausgeschlossen waren. Mit der Barrierefreiheit könne die Bücherei auch dieser Zielgruppe gerecht werden. Ferner träumt die neue Bücherei-Leiterin auch von Kleinkunst-Formaten. Bis dahin spinnt sie ihr Netzwerk weiter und ist gespannt auf die Rückmeldungen aus der Bevölkerung, wenn sie ihre Umfrage gestartet hat.

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