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Mindelheim und Corona: Zwei Demos, eine Mitte, zwei Ränder

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Von: Melanie Springer-Restle

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Mindelheim– Am vergangenen Montag fanden gleich zwei Versammlungen zur aktuellen Corona-Politik statt. Zuerst waren die Montagsspaziergänger unterwegs, die ihr Unbehagen über aktuelle Beschränkungen und einen etwaigen Impfzwang zum Ausdruck brachten. Nach ihnen durften sich die Impf-Befürworter in einer eigenen Versammlung unter dem Motto „Mindelheim ist verantwortungsbewusst“ zu Wort melden. Die zwei auf den ersten Blick stark auseinanderklaffenden Lager haben eine überraschend große Schnittmenge.

Circa 1.200 Menschen waren zum jüngsten Montagsspaziergang gekommen.
1 / 9Circa 1.200 Menschen waren zum jüngsten Montagsspaziergang gekommen. © Springer-Restle
Initiator Roland Ahne begrüßt die Besucher der Versammlung „Mindelheim ist verantwortungsbewusst“.
2 / 9Initiator Roland Ahne begrüßt die Besucher der Versammlung „Mindelheim ist verantwortungsbewusst“. © Springer-Restle
Die von Landratsamt und Polizei auserkorene Versammlungsleiterin der Mindelheimer Montagsspaziergänge, Sandra Jungbold, verkündete, im Zeichen der Liebe und des Friedens hier zu sein und bat die Teilnehmer um die Einhaltung der Abstände.
3 / 9Die von Landratsamt und Polizei auserkorene Versammlungsleiterin der Mindelheimer Montagsspaziergänge, Sandra Jungbold, verkündete, im Zeichen der Liebe und des Friedens hier zu sein und bat die Teilnehmer um die Einhaltung der Abstände. © Springer-Restle
Für „Vernunft und Wissenschaft“ gingen diese Teilnehmer der zweiten Versammlung am Montag auf die Straße.
4 / 9Für „Vernunft und Wissenschaft“ gingen diese Teilnehmer der zweiten Versammlung am Montag auf die Straße. © Springer-Restle
Circa 1.200 Menschen waren zum jüngsten Montagsspaziergang gekommen.
5 / 9Circa 1.200 Menschen waren zum jüngsten Montagsspaziergang gekommen. © Springer-Restle
Ein Teilnehmer der „Mindelheim ist verantwortungsbewusst“-Versammlung setzte auf Zahlen.
6 / 9Ein Teilnehmer der „Mindelheim ist verantwortungsbewusst“-Versammlung setzte auf Zahlen. © Springer-Restle
Roland Ahne appellierte an die Teilnehmer, gegen demokratiegefährdendes Verhalten auf die Straße zu gehen.
7 / 9Roland Ahne appellierte an die Teilnehmer, gegen demokratiegefährdendes Verhalten auf die Straße zu gehen. © Springer-Restle
Auch vor Zynismus machten manche Teilnehmer nicht Halt.
8 / 9Auch vor Zynismus machten manche Teilnehmer nicht Halt. © Springer-Restle
Neurologe Dr. Winfried Mütterlein und dessen Gattin sprechen sich gegen die „Verungl-Impfung“ der medizinischen Fakten durch Corona-Leugner aus, aber auch dagegen, Impfskeptiker zu stigmatisieren.
9 / 9Neurologe Dr. Winfried Mütterlein und dessen Gattin sprechen sich gegen die „Verungl-Impfung“ der medizinischen Fakten durch Corona-Leugner aus, aber auch dagegen, Impfskeptiker zu stigmatisieren. © Springer-Restle

Kurz vor Beginn des Mindelheimer Montagsspaziergangs, war der Marienplatz bereits gut gefüllt. Entlang der Maximilianstraße standen Polizeifahrzeuge und zahlreiche Ordnungshüter. Diesmal klärte nicht die Polizei die Teilnehmer über deren Rechte und Pflichten auf, sondern die offizielle Veranstaltungsleiterin, Sandra Jungbold, die sich erst vor Kurzem auf Bitte von Polizei und Landratsamt als offizielle Ansprechpartnerin für die Montagsspaziergänge zur Verfügung gestellt hatte. Jungbold wandte sich per Mikrofon an die Teilnehmer. Die vierfache Mutter war mit ihrer gesamten Familie zugegen; das jüngste Familienmitglied trug sie vor ihrer Brust in einem Tragetuch. Sie habe sich diese besondere Familienzeit auch anders vorgestellt, aber es sei wichtig, jetzt auf die Straße zu gehen und für Rechte und Menschenwürde einzustehen, sagte sie später.

Gleich zu Anfang stellte sie klar: „Wir kommen in Liebe und in Frieden.“ Sie appellierte an alle Teilnehmer, die Abstandsregeln einzuhalten, sofern man nicht aus einem Hausstand komme. Und noch eine Sache war wichtig: Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit hätten hier nichts verloren. Jungbold sei der festen Überzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Sie stehe hier, weil sie auf ihre innere Stimme vertraue und die sagte ihr schon vor zwei Jahren, dass hier etwas nicht stimme.

Kein Schubladendenken mehr

Der Impfgegner, der Verschwörungstheoretiker, der Coronaleugner, der Wissenschaftsfeind – das alles seien Formulierungen, die darauf abzielen, der Spaltung weiter Vorschub zu leisten. Jungbold wandte sich entschieden an die Menschen, die immer noch in diesen Kategorien denken und sagte: „Die Zeiten des Framings und des Schubladen-Denkens sind vorbei.“ Dafür erntete Jungbold Applaus. „Wir sind keine Rechten, keine Rechtsesoteriker, keine Spinner und Schwurbler – wir sind Menschen, die in ihren Sorgen und Nöten gehört werden möchten“, ergänzte sie. Jetzt sei es wichtig, in den Dialog zu kommen und miteinander zu reden, statt Meinungen übereinander zu haben. Jeder solle frei über sein Leben entscheiden dürfen. „Lasst uns die Masken abnehmen und dann sehen, wir sind die gleichen“, sagte sie abschließend.

Nach Jungbolds Ansprache meldete sich die Türkheimer Hebamme Katja Schmidt zu Wort, die zuvor 25 Jahre lang als Krankenschwester arbeitete, davon zehn Jahre auf der Intensivstation. Sie sprach sich für eine freie Impfentscheidung aus, auch im Medizinbereich. Die Forderungen der Mitarbeiter des Gesundheitswesens entstanden aus der empfundenen Diskrepanz zwischen der medialen Darstellung und dem, was Schmidt und ihre Kollegen im Berufsalltag erleben. Sie habe Stationsschließungen erlebt, weil geimpfte Mitarbeiter an Corona erkrankten. Außerdem würden Impfnebenwirkungen aus eigener Wahrnehmung meist weder als Differentialdiagnose in Betracht gezogen noch je irgendwo gemeldet. Eine Impfung, die weder vor Ansteckung noch Übertragung des Virus schütze, nur eine bedingte Zulassung besitze und lediglich einen potenziell milderen Verlauf verspreche, könne und dürfe nicht Gegenstand einer Pflicht sein, so Schmidt. Es sei unbestreitbar, dass die versprochenen Vorteile der Impfung bei vermeintlich völliger Sicherheit und Nebenwirkungsfreiheit nicht gegeben sind.

Schmidt verwies auf die Menschenwürde, die bei ihren Patienten stets bewahrt werde. Dies wünsche sie sich auch für sich und ihre Kollegen. Sollte sich die Impflicht durchsetzen, müsse klar sein, so Schmidt, dass viele empathische Menschen ihren Beruf aufgeben. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von einer Musikerin aus Ravensburg, die mit Jungbold befreundet ist. In ihrem Lied „Die Welle der Freiheit“ rief sie zu Standhaftigkeit, Vereinigung und Frieden auf. Das Lied entstand nach einem persönlichen Schlüsselerlebnis, das die Sängerin im Frühjahr vor zwei Jahren hatte, als es hieß, Singen sie gefährlich und verboten. Spätestens da wusste sie, dass etwas nicht stimme, denn „Ein Volk, das nicht mehr singen darf, findet nicht mehr zusammen“.

Nach dem Lied setzte sich die Menge in Bewegung, die sich nach Schätzungen der Polizeiinspektion Mindelheim aus 1.200 Teilnehmern zusammensetzte. Die Veranstalter haben selbst 15 Ordnungskräfte mobilisiert, die darauf achteten, dass die Teilnehmer die Abstände einhielten. Die Menschen liefen zum Teil mit Kerzen durch die Maximilianstraße über die Krumbacherstraße und Teckstraße und kehrten über die Gerberstraße zurück zum Marienplatz, wo sich Jungbold nochmals bei allen für den Mut bedankte, auf die Straße zu gehen. Sie erinnerte die Teilnehmer ferner an die Abstandsregeln und erklärte die Versammlung alsdann für beendet, woraufhin die meisten Menschen den Marienplatz verließen.

Kurz darauf fand sich die nächste Gruppierung ein, der seitens der Behörden das Zeitfenster ab 19.45 Uhr eingeräumt wurde. Mindelheims Dritter Bürgermeister und Stadtrat Roland Ahne rief zusammen mit den Stadtratsfraktionen CSU, Freie Wähler, Grüne, MBG, ÖDP und SPD zu einer Versammlung auf. Der Grund: Bei den Mindelheimer Montagsspaziergängern träfen sich in einer undurchsichtigen Mischung Kritiker der Coronamaßnahmen. Das Spektrum reiche dabei von Impf-Gegnern und Corona-Leugnern bis zu Verschwörungstheoretikern und Weiteren, heißt es in dem Aufruf. Ahne und dessen Kollegen stoßen sich daran, dass wissenschaftliche Fakten geleugnet und Falschmeldungen verbreitet werden, demokratische Institutionen verächtlich gemacht würden und keine Distanzierung gegenüber extremistischen Gruppen stattfinde. Zu Anfang bat Ahne alle Teilnehmer, die Straßen freizuhalten und auf den Marienplatz zu kommen. Laut Schätzungen der Polizeiinspektion Mindelheim nahmen etwa 220 Menschen an der Versammlung teil.

Ein Zeichen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

„Wir haben uns heute hier versammelt, um ein Zeichen zu setzen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“, so Ahne. Er beteuerte, dass er und seine Kollegen durchaus verstünden und akzeptieren, dass es medizinische oder psychische Gründe gebe, die gegen eine Impfung sprächen. Was sie allerdings nicht akzeptieren sei, dass sich hier Impfgegner, Coronaleugner, Verschwörungstheoretiker und andere Gruppierungen treffen, um ihre Ablehnung gegen jegliche Coronamaßnahmen zum Ausdruck zu bringen. Dafür erntete er Applaus aus den eigenen Reihen.

Ahne stieß sich daran, dass die besagten Leute ohne Maske und Sicherheitsabstände durch die Stadt zogen. 234 Personen seien hier im Landkreis an Corona gestorben. Ahne bedankte sich bei den Ärzten und Pflegekräften für deren Einsatz. „Wir alle, die sich hier versammelt haben, sind verantwortungsbewusst sich selbst und Dritten gegenüber, um diese Pandemie nicht weiter zu verbreiten. Bei den sogenannten Montagsspaziergängern kann ich das leider nicht feststellen“, so Ahne. Er bat die Teilnehmer, noch eine Viertelstunde zu verweilen und die Versammlung dann aufzulösen.

Derweil hat sich der Wochen KURIER bei den Teilnehmern umgehört. Auch Mindelheims Stadtrat Peter Miller (ÖDP) war auf der zweiten Versammlung zugegen. Für diese Positionierung habe er auch Kritik aus den eigenen Reihen erhalten, so Miller. Obwohl er sich bewusst Roland Ahnes Veranstaltung anschloss, machte er deutlich, dass die Montagsspaziergänge durchaus ihre Berechtigung hätten. Er selbst sei auch gegen eine Impfpflicht. Wogegen er sich allerdings wehre, sei die kategorische Ablehnung sämtlicher Maßnahmen und die Tatsache, dass die rechte Szene Veranstaltungen wie die Montagsspaziergänge für ihre eigene Agenda nutze: „Denen geht es nicht ums Impfen, sondern um die Destabilisierung der Demokratie und das geht nicht“, erklärt er.

Der Mindelheimer Stephan ­Pawelke forderte auf seinem Schild Solidarität für die Mitarbeiter im Gesundheitsbereich. Er bedaure sehr, dass nicht mehr Menschen der Wissenschaft vertrauten. Er selbst habe ein älteres Familienmitglied verloren, das Vorerkrankungen hatte und Corona zum Opfer fiel, mit mehr Vorsicht aber noch leben könnte. Auf die Frage, ob er sich für eine Impfpflicht ausspreche, antwortete er zögerlich. Zumindest hätten dann die Skeptiker keine Wahl mehr und würden sehen, dass sich das Infektionsgeschehen bald auflöse. Falls es zur Impfpflicht kommt, hielte er aber eine allgemeine und keine berufsspezifische Pflicht für sinnvoll.

Keine Verunglimpfung von Fakten und Ungeimpften

Auch der Mindelheimer Neurologe Dr. Winfried Mütterlein und dessen Frau waren auf der Veranstaltung. Mütterlein trug ein Schild, auf dem er sich gegen die „Verungl-Impfung“ aussprach. Er sei heute als Mediziner hier, der klar für die Impfung werbe. Eine Impfpflicht hingegen lehne er ab, da es in seinem Freundeskreis auch viele Menschen gebe, die aufrichtig und gesundheitsbewusst leben und nicht als Schuldige der Pandemie verunglimpft und stigmatisiert werden sollen. Die Behauptung, die Impfung bringe lebensbedrohliche Komplikationen mit sich, entspreche allerdings nicht den Fakten, so Mütterlein. Von radikalen Staatsgegnern, die die Montagsspaziergänge als Trittbrett nutzten, gelte es, sich klar abzugrenzen. Nach Rücksprache mit der Leiterin der Polizeiinspektion Mindelheim, Dagmar Bethke, verliefen beide Veranstaltungen friedlich ab und es gab keine nachweislichen Zwischenfälle.

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