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Energiepreise: Wie die Wörishofer Therme reagiert und was sie von der Politik fordert

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Von: Klaus D. Treude

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Austausch in der Therme Bad Wörishofen
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Schmidt (2. v. links) unterhielt sich mit Thermenbetreiber Jörg Wund (rechts) über Herausforderungen in der Freizeitbranche. Mit dabei waren auch Schmidts Parteikollegen aus dem Wörishofer Stadtrat, Daniel Plügl (2. v. rechts) und Dr. Doris Hofer (links). © Treude

Bad Wörishofen – Über Herausforderungen, die sich durch die vergangenen Corona-Lockdowns und die dramatische Entwicklung auf dem Gasmarkt als Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ergaben bzw. ergeben, sprach der Geschäftsführer der Therme Bad Wörishofen, Jörg Wund, am vergangenen Mittwoch mit dem Bündnis90/Die Grünen-Bundestagsabgeordneten Stefan Schmidt. 

Schmidt, der von seinen Bad Wörishofer Parteifreunden Daniel Pflügl und Dr. Doris Hofer begleitet wurde, war in seiner Funktion als tourismuspolitischer Sprecher seiner Fraktion in den Unterallgäuer Kneippkurort gereist, um sich über Herausforderungen für die Tourismusbranche in der Region, insbesondere den Tourismusneustart nach der Pandemie und die aktuelle Situation der nach Energieautarkie strebenden Therme zu informieren. Im weiteren Verlauf des Besuchs stand noch ein Gespräch mit der Leiterin des Hotels „Edelweiß“ auf seiner Agenda.

Massiver Umsatzeinbruch wegen Corona

Die Therme ist ein Publikumsmagnet. Seit ihrer Eröffnung im Jahre 2004 wurden bis Januar dieses Jahres 11,5 Millionen Besucher gezählt. Sie ist damit auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor am Standort Bad Wörishofen. Insgesamt bietet die Therme rund 250 Menschen einen Arbeitsplatz, allein 90 davon sind direkte Mitarbeiter der Therme. Die Corona-Pandemie hat den Umsatz des Unternehmens in den Jahren 2021/2022 um 92 Millionen Euro einbrechen lassen, so Jörg Wund. 2022 eingerechnet werden es wohl 100 Millionen sein. „Wir haben zwei Winter durch geheizt und hatten keine Gäste“, erklärt Wund. Zwar bewilligte der Staat einen finanziellen Zuschuss von 26 Millionen Euro, allerdings warte man derzeit immer noch auf die Zuweisung für die Monate Januar bis Juli 2021. „Von schnell und unbürokratisch sind wir also ein ganzes Stück entfernt“, gab der Thermen-Chef dem Bundestagsabgeordneten mit nach Berlin. Dabei durchblättert er die Seiten eines umfangreichen Vorgangs, der die langwierige (und teure) Bearbeitung der Hilfen dokumentiert. Corona-Nachwirkungen seien immer noch spürbar, so Wund. Während eine ganze Generation – die große Gruppe der über 75-jährigen Thermenbesucher – aus Angst vor dem unsichtbaren Virus stark weggebrochen sei, „hat uns erfreulicherweise die Jugend entdeckt“, so Wund.

Ein Tag in der Therme könne durchaus mit einem Urlaubstag an südlichen Gestaden mithalten, was natürlich im Winter von größerer Bedeutung als im Sommer sei. Mit einem Thermenbesuch spare man sich den kompletten Reisestress inklusive schleppender Abfertigung am Flughafen und dicht besetzten Ferienfliegern, die bei ihren Flügen Riesenmengen (steuerfreies) Kerosin verbrauchen. „Daher“, so Wunds Appell, „lasst die Leute hierbleiben!“ Die Besucher erwarte in der angenehm temperierten Wörishofer Therme „ein Tag Glücklichkeit“, schwärmt Wund. Zu dieser Glücklichkeit gehöre nun einmal eine gewisse Temperatur, worunter man nicht gehen könne. „Wir verkaufen Wärme“, so der Thermenchef. Genau da liege die Herausforderung, dazu brauche es Energie.

Weg von fossiler Energie

Zwar setze man – durch die Gasumlage bald deutlich teurer werdendes – Erdgas zum Betrieb der Anlage ein und verfüge noch über einen vor Jahren aus Redundanzgründen beschafften 20.000-Liter-Heizöltank, den man für eine Übergangszeit reaktivieren könne, aber man trachte schon lange danach, unabhängig von fossilen Brennstoffen zu werden. So sind bereits jetzt auf dem Thermengebäude selbst und auf den Flächen der überdachten Parkplätze große Bereiche mit Photovoltaik-Elementen belegt. Auch Solarflächen auf den Überdachungen der nördlich an die bestehenden Parkflächen anschließenden neuen Parkplätze sollen Sonnenenergie einfangen können. In den „hellen“ Monaten könnte die Therme weitgehend autark und klimaneutral betrieben werden, in der dunklen Jahreszeit sieht es allerdings in puncto regenerative Energien düsterer aus. Speicher seien derzeit noch exorbitant teuer. Also führt an einer Reduzierung des Energieverbrauchs aktuell kein Weg vorbei.

Als weitere Energiequelle käme für Wund künftig durchaus die Wärmerückgewinnung aus der Lüftung oder aus dem Abwasser in Frage. Das Duschwasser in der Therme sei immerhin 38 Grad warm. Auch wenn das für ihn bisher keine Option gewesen sei, aber „im Abwasser steckt viel Energie“, so Wund. Den Kopf schütteln musste der Thermenchef, als er von einer von ihm auf der Suche nach günstiger Energie (Erdwärme) und Thermalwasser veranlassten Probebohrung berichtet. Da es nicht zur vorgesehenen Nutzung kam, habe er das 2.000 Meter tiefe Bohrloch aus Bergrechts-Gründen komplett mit Beton verfüllen müssen, „statt einfach nur einen dicken Betondeckel draufzusetzen“ Heute hätte man das vorhandene Loch leicht zur Gewinnung von Erdwärme nutzen können. Wund regte an, Gesetze auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen und auch mit der einen oder anderen liebgewordenen Tradition zu brechen. Obwohl Wund persönlich hinter die „extreme, aber mutige Entscheidung“ Verbrenner ab 2035 auslaufen zu lassen, ein Fragezeichen macht, begrüßt er, dass diese Entscheidung getroffen worden sei. Nun könne man sich darauf einstellen. Wunds Traum: die in der Therme erzeugte überschüssige Solarenergie günstig in Autos zu schieben, was allerdings derzeit aufgrund des bestehenden Netzes nicht möglich sei.

Keine weiteren Lockdowns

Wie auch immer die große Politik entscheiden werde, sollten wegen der Pandemie oder wegen eines „Gasnotstands“ weitere drastische Maßnahmen erforderlich werden, so Wund, so dürfe es staatlicherseits keinen erneuten Lockdown geben. Ob Freizeitbäder schließen müssten, würde er allein über den Markt – sprich: den Preis – regeln. Der Wunsch der Menschen nach Wärme und Erholung in der Nähe sei jedenfalls da, wie die Besucherzahlen der sehr guten Öffnungsmonate nach den Lockdowns der beiden letzten Jahre deutlich gezeigt hätten.

Ungereimtheiten

Für Wund gibt es auf dem Energiesektor generell zahlreiche Ungereimtheiten, die aus seiner Sicht bereinigt gehören. So könne es nicht sein, dass Deutschland gegen die vorübergehende Verlängerung der AKW-Laufzeiten sei, aber bis April 2023 Atomstrom aus der Ukraine zukaufen werde. Auch die Preisgestaltung der Stromversorger auf europäischer Ebene ist ihm ein Dorn im Auge, treibt diese doch unnötig die Preise in die Höhe. „Da gilt in der EU tatsächlich der höchste Strompreis eines Versorgers automatisch für alle“, wundert er sich. Warum nicht die Übergewinne der Stromversorger den Gasversorgern als Kompensation anbieten? Eindringlich pochte Wund auf soziale Gerechtigkeit. Er appellierte an die Politiker, bei der Abfederung explodierender Energiekosten nicht jene zu vergessen, die durch ihre Arbeit den Wohlstand des gesamten Landes erwirtschaften. Wund: „Da muss euch was einfallen!“

Während Schmidt den Ausführungen des Thermen-Chefs in vielen Bereichen zustimmte, machte er auch deutlich, dass man beim Thema Atomkraft nicht zusammenkommen werde. „Aber wir müssen was tun“, versicherte er verständnisvoll. Er unterstrich, so schnell wie möglich unabhängig von fossilen Energieträgern zu werden und sei im Übrigen zufrieden damit, dass inzwischen auch viele Privat-Haushalte den Ernst der Lage erkannt hätten und ihren Energieverbrauch reduzierten. Vieles von dem, was die Grünen seit vielen Jahren gefordert hätten – da war man sich einig – passiere jetzt mit rasender Geschwindigkeit. Aus dem Gespräch mit dem Geschäftsführer der Therme Bad Wörishofen dürfte der Abgeordnete sowohl deutliche Erkenntnisse über die Lage der Freizeitbranche vor Ort, aber auch eine Fülle von Impulsen für die politische Arbeit mit nach Berlin genommen haben.

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