Gudrun Kissinger-Schneider führte Interessierte am Wochenende über den Türkheimer Friedhof
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Gudrun Kissinger-Schneider (hinten Mitte) führte Interessierte am Wochenende über den Türkheimer Friedhof – und lud dabei auch immer wieder zu Gesprächen und Diskussion ein.

Raum für Ruhe und Gestaltung

Türkheimer Friedhof: Bestattungskultur zwischen Individualität und Naturanpassung

  • VonRegine Glöckner
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Türkheim – Seit mehr als einem Jahr ist Gudrun Kissinger-Schneider, die Dritte Bürgermeisterin, auch Friedhofsreferentin der Marktgemeinde. Und so seltsam es klingen mag: Seitdem rührt sich was auf dem und rund um das seit mehr als 120 Jahren bestehende Ruheareal. Einblicke dazu gab die ambitionierte Sachverwalterin am vergangenen Wochenende bei einer Führung.

Dabei hatte es sich der Friedhof auch aufgrund seines kulturhistorisch-repräsentativen Charakters durchaus verdient, einer klugen und sensibel-umsichtigen Weiterentwicklung unterzogen zu werden. Und wie auch der anwesende Bürgermeister Christian Kähler zu verstehen gab, ist man in der Marktgemeinde mittendrin im Reflektionsprozess über diesen – wie in jeder Kommune – besonderen Platz. Wobei Kissinger-Schneider dabei sicher eine spezielle Rolle zukommt; nicht zuletzt, weil ihre offensichtliche Kooperation und Kommunikation mit Stellen wie Bauhof oder Bauverwaltung, der Geistlichkeit oder der örtlichen Steinmetz-Familie Schröder und vor allem dem rührigen Friedhofswärter Xaver Schäffler schon seit geraumer Zeit im Fluss ist und bereits zu erkennbar praktikablen Überlegungen geführt hat. Das zeigt sich unter anderem an der Friedhofspflege oder den Erwartungen der Bevölkerung an zeitgemäße Bestattungsformen.

Kissinger-Schneiders Angebot eines Rundganges über den Friedhof folgten mehr als drei Dutzend Interessierte. Und der profunden Führerin, die sich auch deutlich als Baumliebhaberin zu erkennen gab, gelang eindrücklich der Spagat, die traditionsreich bau- und naturhistorisch gewachsenen, schönen Seiten zu zeigen und dabei die aktuellen Problemlagen und künftigen Herausforderungen sichtbar zu machen: weniger (Familien-)Grabstätten, mehr Urnenbestattungen, kürzere Ruhezeiten, Grabauflassungen, kahle Flächen.

Dabei zog die bunt gemischte Gruppe mit der gebotenen Aufmerksamkeit durch das auffällige schmiedeeiserne Westtor zu den monumentalen Familien- und Ehrengräbern, vorbei an der klassizistisch-ästhetischen Friedhofskapelle, an Gemeinschaftsgräbern für Priester, Dresdner Kriegstote oder Waisenkinder. Betrat dann den neueren, 1953 angelegten Friedhofteil Richtung einiger nach Osten orientierten muslimischen Grabstätten, um dann mehrere modern gestaltete Stelenflächen, schlicht in Rasen gebettete Urnengräber oder bereits in Planung befindliche Carrées für Baum- oder Anonym-Bestattungsflächen in Augenschein zu nehmen.

Würde des Ortes, der Natur und der Rituale

Die Ausführungen Kissinger-Schneiders ließen keinen Zweifel daran, dass sie sich selbst und die Marktgemeinde sehr wohl der Herausforderung bewusst seien, der Würde des Ortes gemäß, zugleich an Bestattungsindividualität und -diversität gerecht zu werden. Und dies auch besonders unter Natur sowie Klima schützenden Aspekten.

Und während Kissinger-Schneider bereits eingeleitete Modernisierungsmaßnahmen vorstellte, entspann sich schon ein kleiner Diskurs in der sich vorwärts bewegenden Teilnehmerrunde.

Während mögliche Insektenflächen, „Vogelheisel“, Bankerl oder vor allem mehr Bäume als Bereicherung für den Friedhof auch als „Mehrgenerationenplatz“, wie es eine Teilnehmerin ausdrückte, für Begegnung und Kommunikation ins Spiel gebracht wurden, tendierten andererseits Meinungen dahin, den Friedhof gerade nicht zum Hoigata auszubauen, Laub oder Wildwuchs zu vermeiden.

Man konnte aber den Gesamt­eindruck gewinnen, dass dank des engagierten Zusammenwirkens vieler Beteiligter am Türkheimer Friedhof schon derzeit dessen gewachsener, würdevoller Charakter bewahrt wird, und zugleich neue Akzente gesetzt, gestalterische Möglichkeiten partiell realisiert und Flächen sowie Planungen für Neues umrissen werden. Dabei zeigten sich Kissinger-Schneider und der Bürgermeister offen: die Bürger sind weiterhin zur Beteiligung am Entwicklungsprozess eingeladen.

Die Türkheimer Entscheidungsgremien können auf „Anteilnahme“, Gestaltungswillen- und Kraft zählen. Bemerkenswerte Anfänge sind gemacht. Sensible und offene Steinmetze, die auch in Gestaltungsräumen denken, ein aufgeschlossener und (leider persönlich am Rundgang kurzfristig verhinderter) umsichtig-weitsichtiger Friedhofswärter samt Referentin, die zusammen nachdenken, tüfteln und behutsam ermöglichen, was Menschen sich für ihre letzte Ruhe wünschen könnten, ohne das Grundprinzip für einen kommunalen Friedhof als Gedenkstätte außer Kraft zu setzen. Und so dürfte es diesmal nicht wie einst von 1800 bis 1896, also knapp hundert Jahre brauchen, bis die Friedhofserneuerung in der Marktgemeinde Türkheim ihrer Vollendung zustrebt.

Regine Glöckner

Quelle: Kurier

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